Rignano

Die Tomate ist das "rote Gold" Apuliens. Hier in der Region werden über 30 Prozent der italienischen Tomatenernte eingefahren, rund 22 Millionen Tonnen im Jahr. Frühmorgens sieht man Tausende Afrikaner auf Rädern über Feldwege rumpeln, nachmittags mühen sie sich über die glühend heiße Ebene zurück in ihre Behausungen. Die Räder sind schrottreif, doch die Arbeiter zahlen dafür zwischen 30 und 50 Euro. Das ist eine Investition, die sich bald ausgezahlt hat: Wenn sie einen Van in Anspruch nehmen, um von ihrem Lager auf die Felder zu kommen, müssen sie für die Hin- und Rückfahrt fünf Euro bezahlen. Das ist sehr viel Geld für die Arbeiter, die im Akkord schuften. Pro Kiste, das sind 350 Kilo, bekommen sie zwischen 2,50 und 3,50 Euro. Ein Erntehelfer schafft im besten Fall sechs Kisten am Tag, also ein Tageseinkommen zwischen 15 und 21 Euro, abzüglich der Fahrtkosten, Essen und Wasser. Fällt die Ernte aus, weil es regnet, ist auch der Lohn gleich null.

Außerdem zahlt jeder Arbeiter seinem Vorarbeiter in der Regel 50 Cent pro Kiste. Der Vorarbeiter wird Caporale genannt, denn er ist weniger Vorarbeiter denn Kommandant. Der Caporale hält den Kontakt zu Landbesitzern. Da die Tomate eine empfindliche, wetterabhängige Pflanze ist, brauchen die Landbesitzer bei der Ernte höchste Flexibilität. Die Caporali bieten das. Sie schieben ihre Erntehelfer mal hier-, mal dorthin, wie schnelle Einsatztruppen.

Mitten im Nichts zieht sich die Siedlung der Erntearbeiter an einem Feldweg entlang. Das Grande Ghetto besteht aus zusammengezimmerten, mit Planen abgedeckten Holzverschlägen, klapprigen Wohnwagen und halb verfallenen, alten Kornspeichern. Hier leben Menschen aus vielen afrikanischen Ländern mit ganz unterschiedlichem rechtlichen Status. Es gibt anerkannte und abgelehnte Asylbewerber. Viele bewegen sich seit Jahren ohne Papiere durch das Land, geräuschlos und unsichtbar wie Gespenster. Während der Erntezeit leben hier mehr als 1.500 Menschen. Viele Migranten, die über die Küsten ins Land gelangten, kommen hierher, weil sie einen Verwandten, einen Freund, einen Bekannten im Grande Ghetto haben.

Es ist ein mehrere Tausend Köpfe zählendes Heer von Wanderarbeitern. Wenn sie mit den Tomaten fertig sind, ziehen sie weiter zur Orangenernte, dann zu den Melonen. Sie suchen Jobs, irgendwo in Italien und, wenn möglich, in Nordeuropa. Im Grande Ghetto trifft man auf Afrikaner, die etwas Deutsch sprechen, sie waren ein paar Monate oder sogar Jahre in Deutschland, so lange, bis die Polizei sie aufgriff und in das Land zurückschickte, in dem sie als Erstes europäischen Boden betraten – nach Italien. Seinen vollen Namen will hier keiner in der Zeitung wissen.

Boubakar betreibt im Grande Ghetto seit zehn Jahren einen Laden. Er mag etwa 50 sein und verkauft Wasser, Milch, Kekse, Kerzen. Hinter seinem grob zusammengezimmerten Ladentisch stehend, ist er mit den Jahren ergraut. Auf den Feldern kann er schon lange nicht mehr arbeiten. Obwohl er wenig Profit macht, schickt er immer etwas Geld nach Gambia zu seiner Familie. Er lebte einigermaßen von seinem Geschäft, bis vor wenigen Wochen ein Brand ausbrach, der einen Teil des Ghettos zerstörte. Danach rollten die Bulldozer an.

Die Regierung Apuliens hatte beschlossen, das Lager zu räumen. Die Behörden boten den Bewohnern an, in ein Lager zu gehen, das von einer italienischen Organisation verwaltet wird. Nur wenige taten dies, denn dort dürfen sie nicht selbst kochen und müssen essen, was ihnen eine italienische Cateringfirma vorsetzt. Die Erntearbeiter verloren dadurch den wenigen Spielraum, den sie sich mühsam erarbeitet hatten.

Nardò

An den Mauern eines Gehöfts am Stadtrand von Nardò sitzen rund ein Dutzend Afrikaner und suchen Schutz vor der gnadenlosen Sonne. Rosa Vaglio begrüßt sie mit Handschlag. Vaglio, 27, ist Lehrerin und hätte in den Norden Italiens gehen müssen, um ihren Beruf ausüben zu können. Tausende gut ausgebildete junge Menschen verlassen jedes Jahr den Süden, weil sie keine Arbeit finden. Vaglio wollte in ihrer Heimat eine Zukunft haben und landete bei den Afrikanern, die hier die Erde bearbeiten. Vaglio engagiert sich für den Verein "Diritti del Sud" ("Rechte für den Süden"), dort sucht sie eine Perspektive für sich und für die Afrikaner.

Die Stadtverwaltung von Nardò hat den Erntearbeitern das Gehöft überlassen und auf dem Gelände Zelte aufgestellt. Es gib ein Reihe von Chemietoiletten sowie einen Wassertank mit Trinkwasser, der sich in der prallen Sonne schnell aufheizt. In den Zelten hat es tagsüber über fünfzig Grad Hitze. Die Afrikaner dürfen auf Anordnung der Gemeinde auf dem Gelände nicht kochen, es gibt auch keine Versorgung. Sie müssen sich selbst um das Essen kümmern, irgendwie, irgendwo. Die Menschen hier sollen arbeiten, möglichst wenig kosten und nicht stören. Da der Nachschub groß ist, muss sich kein Landbesitzer um den Verschleiß der Arbeitskraft kümmern. Diese Menschen sind den Caporali und den Landbesitzern ausgeliefert. Moudá, der aus dem Sudan stammt und schon viele Jahre hier lebt, sagt in fließendem Italienisch: "Ich konnte es lange nicht glauben, aber es ist wirklich so: Wir Afrikaner sind hier die neuen Sklaven."