Das ist nicht etwa die Einzelmeinung eines Aktivisten, sondern eine Tatsache, mit der sich Gerichte beschäftigen. In Nardò läuft derzeit ein Prozess, bei dem den Angeklagten "Versklavung" vorgeworfen wird. Die Staatsanwaltschaft fordert zwölf Jahre Haft. In Nardò weiß man um die Zustände. Sie bleiben niemandem verborgen, doch es regt sich kein Protest. "Es herrscht Schweigen", sagt Angelo Cleopazzo, der wie Rosa Vaglio für den Verein Diritti del Sud arbeitet. Es ist dies die "Kultur" der Omertá, des mafiösen Schweigens. Keiner spricht über das Unrecht, weil viele Angst haben und viele profitieren. Viele Landbesitzer seien, wie Staatsanwalt Gratteri sagt, Mafiosi. Auch in Nardò ist das Gewicht der Mafia spürbar. Die Menschen hier erinnern sich an die spektakuläre Ermordung einer Gemeinderätin vor mehr als 30 Jahren, an Brandanschläge, Bomben, sie wissen vom "pizzo", der Steuer, welche Ladenbesitzer an die Mafia zahlen. Auch wenn die Macht der Mafia nicht immer greifbar ist, in den Köpfen der Menschen entfaltet sie ihre lähmende Kraft. Es erfordert Mut, dennoch aktiv zu werden. Die Aktivisten von Diritti del Sud gründeten eine Kooperative und gaben ihr den schönen Namen "sfruttazero", was "null Ausbeutung" heißt. Sfruttazero pachtet Land, pflanzt Tomaten ohne Einsatz von Pestiziden und zahlt den Erntearbeitern einen fairen Preis sowie die Sozialversicherungsbeiträge. 13.000 Flaschen Tomatensoße hat sfruttazero im vergangenen Jahr hergestellt. Das ist im Vergleich zur Gesamtproduktion Apuliens ein verschwindend kleiner Anteil. Wenn man nur den Preis der Tomatensoße sieht, dann ist das Produkt von sfruttazero nicht konkurrenzfähig: 2,80 Euro kosten 500 Milliliter auf dem Markt, gegenüber 90 Cent bei Massenproduzenten. Doch Rosa Vaglio und ihre Mitstreiter lassen sich nicht beirren. "Wir sind klein", sagt Rosa Vaglio, "aber natürlich beobachtet man uns. Sollten wir größer werden, werden sie uns Schwierigkeiten machen, ganz sicher!"

Mineo

Am Fuße des sizilianischen Dorfes Mineo, in der glühend heißen Ebene des Colatino, liegt das größte Erstaufnahmelager Italiens. Mehr als 3.000 Migranten sind hier untergebracht. Das Lager trägt immer noch seinen alten Namen: Residence degli Aranci. Früher war es ein Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe, 2011 wurde er in ein Erstaufnahmelager umgewandelt. 2014 vergab die Regierung für drei Jahre einen Auftrag in Höhe von 100 Millionen Euro für die Verwaltung des Lagers an ein Konsortium lokaler Kooperativen. Es stellte sich heraus, dass das Konsortium den Auftrag gegen Bestechung zugeschanzt bekam. Im Visier der Ermittler befindet sich unter anderen Anna Aloisi, Beraterin des Konsortiums und gleichzeitig Bürgermeisterin von Mineo. Aloisi gehört zur Partei des amtierenden Außenministers Angelino Alfano. Diese Partei (Nouvo Centro Destra) erreichte landesweit nur vier Prozent der Stimmen. In Mineo aber gewann Aloisi 2014 fast 40 Prozent. Mineo hat etwas mehr als 5.000 Einwohner. 750 Leute arbeiten direkt oder indirekt für die Residence degli Aranci. Das erklärt die Popularität der Bürgermeisterin.

Das Gelände der Residence degli Aranci ist umzäunt und wird von Polizisten und Soldaten bewacht. Die Migranten können das Lager zwischen acht Uhr morgens und acht Uhr abends verlassen. Täglich gehen viele den steilen Weg in das Dorf hinauf. Da es sehr heiß ist und der Weg an Orangenhainen vorbeiführt, pflückt der eine oder andere Orangen, viele heben Früchte auf, die auf den Boden gefallen sind. Landbesitzer haben deswegen schon bei den Behörden geklagt und eine Entschädigung für die entgangene Ernte beantragt.

Im Dorf Mineo haben sich amerikanische Evangelikale niedergelassen. Sie bieten Bibelstunden an. Sie holen die Migranten mit dem Auto aus dem Lager ab und bringen sie wieder zurück. "Was hast du über Gott gelernt?", fragen die Amerikaner die Gläubigen aus Afrika, die Antwort lautet: "Dass er gut ist!" Nach dem Unterricht gibt es Melonen, Pfirsiche, Nektarinen und Bananen. Die Lagerinsassen haben ein Recht auf 2,50 Euro am Tag, das in Form eines Bons ausgestellt werden sollte. Doch sehr häufig bekommen sie dafür Zigaretten. Eine Schachtel kostet im Handel 5,40 Euro, die Migranten verkaufen sie für drei Euro an Bonbesitzer oder außerhalb des Lagers, auf dem "freien Markt". Die Landbesitzer der Ebene von Colatino und ihre Caporali nutzen das Lager als billiges Arbeitskräftereservoir. Normalerweise bekommt ein Erntearbeiter bei der Orangenernte im Colatino zwischen 20 und 25 Euro pro Tag. Den Arbeitern aus dem Lagern werden nur 10 bis 15 Euro angeboten. Sie hätten, so lautet das Argument der Caporali, im Lager freie Kost und Logis.

Von den Höhen Mineos aus betrachtet, gleicht die Residence degli Aranci einer riesigen Feriensiedlung. In ihrer Nähe aber sind die Ausgebeuteten anzutreffen. Ein Mann eilt auf dem Fahrrad schwitzend zur Erntearbeit, eine sehr junge nigerianische Frau versucht an einer Seitenstraße mit viel nackter Haut und grellem Lippenstift Kundschaft anzulocken. Ein schmaler Mann aus Niger, der schon vor Tagen aus dem Lager entlassen wurde, weiß nicht, wohin er gehen soll. Er sitzt im Orangenhain und wartet. Ohne genau zu wissen, worauf.