Am südlichen und östlichen Mittelmeer ist die politische Lage unübersichtlich. In Portugal und Frankreich brennen die Wälder. Und in der tropischen Ferne wartet das unheimliche Zika-Virus. Warum nicht den Urlaub in Deutschland verbringen? Hier drohen keine exotischen Infektionskrankheiten, und auf das Gesundheitssystem kann man sich verlassen. Ist alles entspannt zwischen Bodensee und Ostsee? Das haben wir diejenigen gefragt, für die die Urlaubszeit Hochsaison bedeutet.

In Ostholstein, in der Notaufnahme der Schön Klinik Neustadt suchen dann täglich bis zu 150 Menschen Hilfe statt wie gewöhnlich 60 bis 80 Patienten. "Wir kennen kein Sommerloch", sagt Peter Radke, Chefarzt der Klinik. Offensichtlich lauern an der beschaulichen Küste Gesundheitsgefahren, gegen die sich der Reisende wappnen sollte. Doch wie sich zeigt, liegen diese eher in der mentalen Verfassung des Touristen.

Viele Urlauber legen schon vor ihrer Abreise die Saat für spätere Schwierigkeiten. Wer arbeitet, klotzt vor den Ferien oft noch einmal ran. Das erzeugt ungesunden Druck. Die schönste Zeit des Jahres verschieben? Das darf nicht sein. "Gebucht, bezahlt, und nun muss es auch losgehen", fasst Peter Radke die Haltung vieler Touristen zusammen. Trotz Unwohlsein geht es auf die Autobahn, was fatale Folgen haben kann. "Wissenschaftlich ist belegt, dass vermehrte Stressoren Herzinfarkte begünstigen", erklärt der Kardiologe. Das Ergebnis: Urlauber erleiden nicht selten in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft am Urlaubsort einen Infarkt oder Schlaganfall. Da wäre eine gelassenere Vorreisezeit deutlich gesünder.

Besonders schonen sollte sich eigentlich, wer eine Vorerkrankung hat. Aber in froher Erwartung muten sich selbst 80-Jährige sieben Stunden Zugfahrt mit mehrfachem Umsteigen zu. Kranke, die normalerweise Entwässerungstabletten schlucken, weil ihr Herz schwächelt, lassen die Pillen auf der Autofahrt weg, weil sie sonst zu oft auf die Toilette müssten. Wenn sich das Wasser dann in der Lunge staut, stehen die Reisenden nach ihrer Ankunft an der Ostsee japsend in der Notaufnahme der Schön Klinik. "Man fragt sich, wie es manche Menschen überhaupt bis hierher geschafft haben", erzählt die Aufnahmeschwester, die die Patienten nach dem Schweregrad ihrer Erkrankung einteilt und dann entweder zur Vertretung der niedergelassenen Ärzte im Haus oder direkt zu den Notfallmedizinern weiterleitet.

Oft fehlen jedoch entscheidende Informationen über Vorerkrankungen des Patienten und seine Medikamente. "Es hilft ja wenig", sagt Volker Wenzel, "wenn jemand in desolatem Zustand in die Notaufnahme kommt und sagt, er nimmt täglich zehn Tabletten, wobei zwei gelb und drei weiß sind." Dann beginnt das Rätselraten, und wertvolle Behandlungszeit verrinnt. "Da wäre der letzte Arztbrief, abfotografiert mit dem Smartphone, eine enorme Hilfe." Anästhesist Wenzel ist Notfall- und Intensivmediziner am Klinikum Friedrichshafen. Auch sein Medizin Campus Bodensee liegt in einem beliebten Feriengebiet.

Urlauber, das erleben die Mediziner in Neustadt oder Friedrichshafen täglich, befinden sich in einem mentalen und körperlichen Ausnahmezustand. In der ersten Woche lassen es die meisten von ihnen noch etwas ruhiger angehen, in der zweiten erkunden sie dann offensiv Neuland. "Da werden Freizeitaktivitäten unternommen, für die man kaum trainiert oder vorbereitet ist", sagt Wenzel. Mit ungewohnter Geschwindigkeit auf dem geliehenen E-Bike (Megatrend!) zu fahren verspricht Abenteuer, aber auch Gefahr. "Helm tragen ist ja nicht schick in Deutschland", sagt Wenzel. "Den Rest können Sie sich vorstellen."

Der urlaubende Mensch ist offenbar ein sich selbst gefährdendes Wesen, das außerhalb seines gewohnten Habitats gelegentlich den Überblick verliert. Am Bodensee missachtet er Sturmwarnungen oder schwimmt weit aufs Wasser hinaus, wo ihn dann die Kraft verlässt oder sich Wadenkrämpfe einstellen. Wer in einem kalten Gewässer untergeht, kann aufgrund des geringeren Sauerstoffbedarfs des Gehirns selbst nach einem Herzstillstand noch eine Zeit lang wiederbelebt werden. "Im warmen Wasser des Bodensees fällt diese Chance weitestgehend weg", sagt Wenzel. Auch in den Bergen fehle manchem Urlauber die Ein- und Übersicht. Ein Vater wurde im Raum Bruneck in Südtirol verschüttet, erinnert sich Wenzel, weil er das Plastikschäufelchen seines Sohnes retten wollte – und dabei das Schild mit der Lawinenwarnung ignorierte. Oder Küstenbewohner klettern sofort nach der Ankunft auf die 3.788 Meter hohe Wildspitze und wundern sich, warum ihnen nach dem Blitztransfer in die Höhenluft – als erste Anzeichen der Höhenkrankheit – Lippen und Finger blau anlaufen. Manche Senioren überschätzen ihre Kräfte und absolvieren am ersten Tag eine stramme Sechs-Stunden-Wanderung. "Dazu kommt oft Alkohol, der die Dinge verkompliziert", sagt der Ferienort-Notfallmediziner Wenzel. Dagegen sei die Gefahr einer Infektion während einer Safari in Afrika verschwindend gering.

Auch wenn es manche vorerkrankte und unachtsame Menschen hart trifft, nur der kleinste Teil der Urlauber wird ernsthaft krank. 2016 befragte die DAK 1025 Reisende. Überraschendes Fazit: Je jünger die Urlauber, desto eher gab es Gesundheitsprobleme – bei den 14- bis 29-Jährigen waren es rund zehn Prozent. Ganz vorn: Erkältungen und Unfälle.