Dieser Text ist Teil unserer Serie "Jung & Gott" mit ZEIT Campus Online, die das religiöse Leben junger Menschen beleuchtet. In Christ & Welt erschien diese gekürzte Fassung. Alle Beiträge: www.zeit.de/jung-und-gott. Oder schicken Sie Ihre Glaubensgeschichte an leser-campus@zeit.de. Die besten Beiträge werden veröffentlicht.

Frage: Herr Sommer, in die Kirche gehen junge Menschen, wenn überhaupt, nur noch an Weihnachten. Vielleicht schicken wir vor schweren Klausuren noch ein Stoßgebet in den Himmel. Aber mehr auch nicht. Finden Sie wirklich, dass Religion für uns heute überflüssig geworden ist?

Andreas Urs Sommer: Überflüssig nicht – jedenfalls nicht für alle. Für viele Menschen unserer pluralen Gesellschaft hat Religion aber tatsächlich als Lebensorientierung jede Bedeutung verloren. Und für nicht wenige ist Religion lediglich ein schönes Accessoire zu feierlichen Anlässen, weil man noch keine überzeugenden säkularen Riten gefunden hat: zur Taufe, an Weihnachten, bei einer Beerdigung.

Frage: Glauben Sie, solche säkularen Riten werden sich noch entwickeln?

Sommer: Eher nicht, denn ich glaube, Religion wird niemals vollkommen erledigt sein, so wie sich das etwa atheistische Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts gewünscht haben. Das ist eine Illusion — zumal das An-den-Rand-Drängen von Religion im menschlichen Leben eine sehr westlich-europäische Erscheinung ist und Religion breiten Bevölkerungsschichten in anderen Erdteilen Halt gibt. Das hat damit zu tun, dass unsere westlichen Gesellschaften dem Individuum weiten Freiraum bei der privaten Sinnstiftung gewähren, während andere Gesellschaften eher auf Sinnvermittlung von oben herab gepolt sind. Man erwartet mancherorts, dass autoritäre Instanzen, als die sich religiöse Anführer gerne gebärden, den Sinn des Lebens vorgeben.

Frage: Und woran liegt es, dass Religion in westlichen Gesellschaften nicht mehr so wichtig ist?

Sommer: Religion ist seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert permanent unter Beschuss geraten: Alle Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, darf man als gescheitert betrachten. Und die historische Kritik der Bibel und der anderen Offenbarungsschriften hat gezeigt, dass diese Werke von Menschen für Menschen geschrieben worden sind. Und zwar in einem bestimmten Kontext. Deswegen können wir einen Brief des Apostels Paulus, das Buch eines alttestamentlichen Propheten oder eine Sure aus dem Koran heute nicht mehr ohne Zurechtbiegung als Lebensanweisung für unsere Gegenwart verstehen. Diese historische Kritik ist zwar Teil der Arbeit kritischer Theologen. Sie ist aber für Religionen brandgefährlich, weil sie nicht nur den Glauben an die Schriften, sondern auch an die Institution der Kirche zersetzt.

Frage: Wir Säkulare brauchen Religion also nicht mal mehr, um unserem Leben einen Sinn zu geben?

Sommer: Sinn ist heute etwas, das wir selbst machen, statt es von höherer Warte zu empfangen: Wir müssen kein gottgefälliges Leben führen, um ins Himmelreich zu kommen. Sondern ein zentrales Element unserer modernen Ideologie ist: Wir schaffen unser eigenes Paradies auf Erden, wenn wir uns nur genug anstrengen. Solche Sinnantworten gab es schon in der antiken Philosophie, heute heißt es: Mach etwas aus deinem Leben! Natürlich kann diese Sichtweise nicht die ganze Welt von A bis Z erklären, wie die Religion es tut.

Frage: Ist das nicht frustrierend?

Sommer: Nein, nicht mehr. Wir haben gelernt, einen überbordenden Anspruch an Sinnfragen zurückzuschrauben, und sind bescheidener: Wenn ich mein Leben gestalte, löse ich damit nicht die Frage, woher der Kosmos kommt und wohin er geht. Muss ich aber auch nicht. Der Atheismus des 19. Jahrhunderts litt noch stark darunter, auf die großen Fragen des Lebens keine Antworten geben zu können, so wie die Religion das tat. Dieses Leiden hat sich weithin verflüchtigt. Heute trifft man selten Menschen, die tagtäglich unglücklich durch die Gassen irren, weil sie keine letzte Antwort finden.

Frage: Sind uns diese großen Fragen der Menschheit einfach egal?

Sommer: Wir sind nicht mehr darauf gepolt, sie als zentral zu betrachten. Selbst wenn wir uns in der Pubertät fragen, was der Sinn des Lebens ist, finden wir im Laufe des Erwachsenwerdens Antworten. Auch mit dem Tod gehen die meisten Menschen relativ entspannt um: Für unsere letzten Tage vertrauen wir der Medizin, und danach schauen wir mal. Uns ist relativ egal, was nach dem Tod passiert. Die für das Christentum einst fundamentale Vorstellung, erlösungsbedürftig zu sein, ist uns vollkommen fremd geworden. Gehen Sie mal in die Kirche: Da spricht niemand von "Verdammnis" oder "Hölle". Selbst dort geht es nicht mehr um die letzten Dinge.

Frage: Also haben sich auch die Kirchen dem Zeitgeist angepasst?

Sommer: Vollkommen. Es herrscht ja auch oft eitel Einigkeit zwischen Katholiken und Evangelischen. Man macht das, was die meisten für nett, gut und richtig halten, engagiert sich für den Frieden und die Umwelt. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber das kann auch eine atheistische Maoistin. Ursprünglich war das Christentum auf das Ende der Zeiten ausgerichtet. Davon spricht heute niemand mehr. In gewisser Weise hat das Christentum sich durch die Großkirchen überflüssig gemacht. Warum sollten die Leute in die Kirche, wenn da ohnehin nur Banalitäten verkündet werden?