Wenn der Kunstkritiker Karl Scheffler schon 1910 die Losung ausgab, Berlin sei dazu verdammt, "immerfort zu werden und niemals zu sein", dann klingt das heute vielleicht im Flughafen-Schlamassel nach. Oder, optimistischer, in der Hoffnung, dass ein in dieser Stadt angeblich ausgeprägter Möglichkeitssinn noch einmal zur Goldgrube wird. Es ist zuletzt ja oft und optimistisch von einer Gründerzeit die Rede, die in Berlin wieder ausgebrochen sei. Damit sind diesmal Start-up-Unternehmen gemeint, also eine irgendwie experimentell, frei und emsig agierende Kreativwirtschaft – oder aber (wenn man ein Auge zudrückt) auch längst groß gewordene Firmen, die sich nur noch den Anschein von Kreativität geben: zum Beispiel durch auf heitere Weise unaufgeräumt wirkende Großraumbüros, in denen es einen Kicker gibt und superjunge Mitarbeiter, die sich am Arbeitsplatz mit Schaumstoffpatronen aus Plastikpistolen beschießen.

Und weil es ja in Berlin an so ziemlich allem fehlt, was Westdeutschland reich gemacht hat – am gepriesenen Mittelstand, an Autobauern und anderer Industrie –, muss man diese Hoffnung verstehen: Berlin träumt vom kalifornischen Sonderweg. Wenn es nur gelänge, zum deutschen Silicon Valley zu werden, dann könnte man zum Überholmanöver auf der rechten Spur ansetzen. Start-up!

So kam es offenbar, dass die Cuvrybrache zum Cuvry Campus wurde. Seit 2012 gehört das zwischen Schlesischer Straße, Cuvrystraße und der Spree gelegene Gelände dem Münchener Investor Artur Süsskind, seit Kurzem wird dort gebaggert. Was aber ist eigentlich dieser Cuvry Campus, der am Bauzaun beworben wird – eine Bildungseinrichtung vielleicht?

Die Website des Investors verspricht: "Die Spree vor Augen. Ganz frische Ideen, wohin Sie auch schauen. So wollten Sie schon immer arbeiten? Dann legen Sie los: Im Cuvry-Campus im Herzen von Berlin-Kreuzberg entstehen sechs neue Bürohäuser im Stil historischer Handelskontore, die sich genau Ihren Anforderungen anpassen. Ob Sie Start-up-, Medien- oder Technologieunternehmer sind, ein internationales oder lokales Business führen – im Cuvry-Campus finden Sie den Freiraum und die technologischen Möglichkeiten für Ihre Visionen." Dazu das Motto: "Mitten in Berlin. Da, wo der Puls am schnellsten schlägt ..." Tatsächlich beschleunigt nichts den Puls der Kreuzberger so sehr wie eine solche Prognose. Der Bezirk ist schon jetzt – was Miet- und Eigentumspreise angeht – der teuerste der Stadt; er ist aber, wenn es um die Verteidigung des angestammten Milieus geht, auch stets der widerspenstigste.

Wenn Magnus Hengge, der Sprecher der Anwohnerinitiative Bizim Kiez, über die Cuvrybrache spricht, schwingt eine Drohung mit: "Zalando", glaubt er, "hat noch gar keine Ahnung, in welches Wespennest es sich hier setzen wird." Aber, Moment – Zalando? Das verschweigt der Werbetext zum Cuvry Campus bis Ende Juli. Dabei ist längst bekannt, dass Zalando – ein Online-Kaufhaus für Schuhe und Bekleidung und einer der größten Arbeitgeber der Stadt – als alleiniger Mieter des Cuvry Campus unterschrieben hat: Auf 34.000 Quadratmetern sollen 2.000 Angestellte arbeiten. Und das unter dem Motto der Kreativität und Vielfältigkeit?

Als Zalando 2008 gegründet wurde, gehörte es ins Portfolio der Berliner Samwer-Brüder und ihrer Investorenfirma Rocket Internet, die ihr Geld in Start-ups steckt, die sich nach dem sogenannten Copycat-Prinzip die Geschäftsmodelle erfolgreicher Unternehmen, meist aus den USA, zu eigen machen – bis zur beinahe haarscharfen Kopie von Webdesign und Geschäftsbedingungen. Jamba, Alando, Space Ways, Wimdu hießen solche Unternehmen – doch keins sollte so erfolgreich werden wie Zalando, der Klon des amerikanischen Online-Versands Zappos.

Im letzten Jahr machte Zalando einen Umsatz von 3,6 Milliarden Euro und wuchs dabei um 23 Prozent. Der Gewinn fiel mit 121 Millionen Euro vergleichsweise gering aus. Das Problem solcher Unternehmen: Stagnation wäre tödlich, sie sind zu rasantem Wachstum verdammt. Deshalb braucht Zalando, das in Berlin heute 5.000 Menschen an zwölf Firmenadressen beschäftigt, Platz. Wenn es, wie geplant, Ende 2019 auf die Cuvrybrache zieht, will es schon viel größer sein. Der Mietvertrag ist auch eine Wette auf die Zukunft.

"Wer hat das bestellt?"

Ein an den Bauzaun geklebtes "Zalando-Retour"-Plakat zeugt von erstem Aktionismus: Empörte Kreuzberger hatten sich unter diesem Motto versammelt, um Schuhe auf die Baustelle zu werfen. Könnte man den künftigen Mieter nicht zurückschicken wie ein bei ihm im Internet gekauftes Kleidungsstück? Nach Einbruch der Dunkelheit werden Slogans an die Hauswand des Nachbarhauses projiziert: "Wer hat das bestellt?", "Kleinteiligkeit statt Großspurigkeit", "Ausdruckstanz statt Baggerballett", "Spreezugang für alle".

Warum soll aber gerade dieses Grundstück so unbedingt geschützt werden?

Kreuzberg, besonders das frühere Kreuzberg 36, ist eine soziale Spezialentwicklung aus der bleiernen Zeit. Der von der Mauer abgeschlossene Zonenrand war zum Modellfall bundesrepublikanischer Alternativkultur geworden. Vor den staunenden Augen anatolischer Gastarbeiter, die ebenfalls die spottbilligen Mieten schätzten, etablierten sich Ende der siebziger Jahre Kinderläden, Wohngemeinschaften, Hausbesetzer, Frauenzentren, 1.-Mai-Demos. Weshalb die taz dem Stadtteil im Jahr 1987 den Partisanentitel des "kleinen gallischen Dorfes" verlieh.

Lange her? Wer meint, dies sei nur Folklore und längst der Gentrifizierung zum Opfer gefallen (also der Verdrängung eines Milieus durch wohlhabendere Nachzügler, die anfangs von genau diesem Milieu angezogen wurden), der hat nur ein bisschen recht. So sehr sich die Coworking-Spaces der Gegenwart vom älteren Kommunardengeist unterscheiden, sind sie doch aus ihm entstanden.

Die Anwohnerinitiative Bizim Kiez ist ein Beispiel für gewachsene Protestkultur, die sich transformiert hat, statt zu verschwinden. Der Vereinsname stammt vom türkischen Gemüsehändler Bizim Bakkal aus der Wrangelstraße, für den man vor zwei Jahren durch medienwirksame Proteste erreichte, dass eine Kündigung seines Mietvertrags zurückgenommen wurde. Das Schicksal eines Gemüseladens wurde zum moralischen Lehrstück, über das, und nicht als einzige ausländische Zeitung, sogar die New York Times berichtete. Dass der Inhaber sich dann aus privaten Gründen zur Ruhe setzte, blieb im Schatten dieses Erfolgs fast unbemerkt. Das "Bizim Bakkal"-Schild schraubte man ab und übergab es dem Kreuzberger Heimatmuseum.

PR mit menschlichem Antlitz? Am Spreeufer, in einem aus den zwanziger Jahren stammenden Gelände der Berliner Omnibus-Betriebe, hat Magnus Hengge, der Sprecher von Bizim Kiez, sein Büro, eine "Grafikagentur für ganzheitliche Kommunikation". Hengge, der selbst im Viertel wohnt, erzählt, wie sich in Kreuzberg eine Szene gut vernetzter Medienprofis gebildet habe, die durch die Konzentration einschlägiger Intelligenz in der Lage sei, dem Zugriff von Investoren hier und da entgegenzutreten. Begriffe wie "skill sharing", also der flexible Einsatz unterschiedlicher Fähigkeiten, gehen Hengge umstandslos über die Lippen. Und wenn er von den "AGs" erzählt, die sich als "Spin-offs" der eigenen Kiez-Initiative gegründet haben, klingt das rhetorisch nach einer Kreuzung von Studentenbewegung und Start-up-Training.

Der Anwohnerprotest hat eine beachtliche Erfolgsbilanz: Bantelmann, ein alteingesessener Gemischtwarenladen, bleibt dem Kiez, nach zunächst ausgesprochener Kündigung, erhalten. Genauso das Frühstückscafé Filou, ein paar Straßen weiter. Oder Kisch & Co., eine Institution in der Kreuzberger Oranienstraße: Diesen Buchladen gibt es noch, weil sich der holländische Brillenhändler Ace & Tate, den der Investor und Karstadt-Käufer Nicolas Berggruen hier einquartieren wollte, nach Anwohnerprotesten zurückgezogen hat – aus Sorge um einen Imageschaden beim Kundenstamm.

Ähnliches, erzählt Hengge, sei auch an der Cuvrybrache geschehen. In den Hinterhöfen des Nachbargrundstücks ist Native Instruments angesiedelt, eine Firma für DJ-Software mit über zweihundert Mitarbeitern, die sich für das Cuvrybrachen-Gelände interessiert habe. Auch da habe man aber schließlich Rücksicht auf die Befindlichkeit der Kunden aus der elektronischen Musikszene genommen.

Besuch bei Florian Schmidt, dem grünen Baustadtrat von Kreuzberg. Was hält er vom neuen Mieter der Cuvrybrache? "Zunächst einmal", er faltet seine Hände, "hat die Politik hier null Komma null Einfluss." Die Liegenschaft gehöre nun einmal nicht der Stadt. Es sei allerdings gar nicht nachbarschaftsverträglich, wenn ein Megakonzern gleich mit 2.000 Angestellten in ein so dicht besiedeltes Viertel einbreche, die Folgen für Mietpreis- und Verkehrsentwicklung seien katastrophal. Man müsse verstehen, wenn sozial Benachteiligte, von denen ja dort nicht wenige lebten, nervös würden. "Zalando", vermutet der Baustadtrat, "konsumiert den Kiez als Kulisse". Und er fragt: "Warum gehen die nicht einfach ins Gewerbegebiet?"

Warum soll aber gerade dieses Grundstück so unbedingt vor Bebauung geschützt werden? In einer Stadt, die nun einmal aus Verdichtungen besteht? Die Anwohner haben zum Beispiel geschichtliche Gründe auf ihrer Seite. Die Cuvrybrache ist nämlich keine erst durch den Krieg entstandene Lücke, deren Schließung eine ursprüngliche Stadtsilhouette restaurieren würde. Diese 12.000 Quadratmeter große Fläche war noch nie durchgehend bebaut.

Zur Plausibilität fehlt der Hamburger Hafen

Für Lea Salomon, die Mutter von Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdy, war das Areal, das im Jahr 1799 noch außerhalb der Berliner Stadtgrenze lag, eine paradiesische Sommerfrische. "Der liebliche ungestörte Anblick der schönen Natur", schrieb sie, "gibt meinem Herzen das reinste Vergnügen. (…) Rechnen Sie dazu ein kleines, bequemes, ländliches Wohnhaus, an dem sich Weinstöcke, Maulbeeren, Pfirsichbäume hinaufranken, und in dem ich ein nettes, aber höchst einfaches Zimmerchen besitze: mein Klavier, Bücherschrank und Schreibpult." Es ist, wenn man heute an der Schlesischen Straße und vor dem Investorenschild des Cuvry Campus steht, eine bizarre Vorstellung, dass Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdy hier Klavierspielen gelernt haben.

"Wir wussten, dass wir in Kreuzberg heiliges Land betreten"

Bis 1925 war hier ein Flussschwimmbad, vom Zweiten Weltkrieg blieben Bunker der Senatsreserve und Lagergebäude zurück. Nach der Wende schüttete der Open-Air-Club Yaam einen Sandstrand an die Spree. Bis vor drei Jahren gab es das Hüttendorf auf der Cuvrybrache, welches die einen als inspirierendes Sozialexperiment betrachteten, die andern als Favela und hygienisch gemeingefährlichen Zustand: Sinti und Roma, afrikanische Flüchtlinge und Europäer mit originellen Lebensentwürfen lebten hier zusammen, bis das große Feuer ausbrach, das dem Investor, Artur Süsskind, die Gelegenheit gab, räumen und planieren zu lassen.

Auch verschwand die Wandmalerei des italienischen Street-Art-Künstlers Blu, die das Gelände zuvor spektakulär überragte und als Kreuzberger Ikone in keinem Reiseführer fehlen durfte. Sie wurde mit Zustimmung des Urhebers schwarz übermalt. Man wolle, so die Begründung, einem Investor nicht gratis die künstlerische Aufwertung seines Geländes spendieren. Vom ursprünglichen Schriftzug "Reclaim Your City" ("Fordere deine Stadt zurück") blieb nur ein sarkastisches "Your City" übrig.

Abenteuerlich war auch die Geschichte der Planungen, die es für dieses Gelände seit der Wende gab. Shoppingmall, Bürokomplex, ein Thinktank namens Guggenheim Lab, den BMW zunächst hier eröffnen wollte und es dann in Prenzlauer Berg tat: Jede dieser Etappen war mit Protesten, Besetzungen, Räumungen und Diskussionsveranstaltungen verbunden, bei denen vor allem viel gebrüllt wurde.

Und doch ist der Bauplan, nach dem der Cuvry Campus nun entstehen soll, der vielleicht größte Irrsinn. Erst 2016 platzte das schon ausgehandelte Projekt der sogenannten Cuvryhöfe, die Wohnungen, Büros und Einzelhandel beherbergen sollten. Der Senat verlangte einen 25-prozentigen Anteil von Sozialwohnungen zu einer Quadratmetermiete von 6,50 Euro, Süsskind wollte sich aber nur auf zehn Prozent einlassen.

Der Effekt: Weil eine Baugenehmigung aus dem Jahr 2001 sonst ausgelaufen wäre, griff der Investor kurzerhand auf den entsprechenden, also 16 Jahre alten Bebauungsplan zurück. Und genau so sehen die opaken "Handelskontor"-Bauten, die jetzt entstehen sollen, auch aus: Sie erinnern an die Hamburger HafenCity, nur fehlt ihnen zur Plausibilität hier leider der Hamburger Hafen.

Dass diese Gebäude so ziemlich das Gegenteil der lichtdurchfluteten Architektur darstellen, die Zalando am gegenüberliegenden Spreeufer für seinen künftigen Hauptsitz errichten lässt und die – leicht zu erraten – Zalando-Campus heißen wird, stört das Unternehmen angeblich nicht. Man habe, so erzählt man uns, immerhin die Möglichkeit, Einfluss auf die Grundrisse im Innern der Gebäude zu nehmen – also zu bestimmen, wie zum Beispiel die "Catwalks" und die "Living Rooms" angeordnet seien.

Der Unternehmenssprecher heißt René Gribnitz und freut sich über den Besuch, denn dass ein Feuilletonist in der Firmenzentrale vorstellig werde, das sei, solange er bei Zalando arbeite, noch überhaupt nicht vorgekommen. Gerade erst hat Gribnitz eine Podiumsdiskussion besucht und dabei entgeisterte Kreuzberger erlebt. Für immer im Gestern? "Viele von denen", gibt Gribnitz zu bedenken, "haben noch nie in ihrem Leben im Internet eingekauft." Sehr überrascht sei man davon nicht gewesen: "Wir wussten, dass wir in Kreuzberg heiliges Land betreten." Warum dann gerade dorthin, wenn ein reines Bürogebäude anderswo vielleicht reibungsloser zu beziehen ist? Man habe gar nicht vorgehabt, "Kreuzberger Luft ins Unternehmen zu pumpen", sagt Gribnitz. Vielmehr hätten pragmatische Gründe für die Cuvrybrache gesprochen. Das Friedrichshainer Hauptquartier sei zu Fuß zu erreichen. Außerdem wohnten, wie er schätzt, ein Drittel der Zalando-Mitarbeiter praktischerweise schon jetzt in Kreuzberg. Und sei es nicht komisch, "wenn manche Anwohner es am liebsten sähen, dass Zalando pleite geht? Dann würden fünftausend Menschen ihren Job verlieren, damit die ihre Wohnungen behalten können."

Berlin, das ewige Projekt? In dem Karton, den Gribnitz uns mit auf den Weg gibt, steckt ein Bastelbogen aus Pappe, aus dem man einen Guckkasten mit bereits eingeklebter 3-D-Brille falten kann. Das sei nicht schlecht, sagt Gribnitz, sogar ziemlich gut gemacht, man müsse, damit es funktioniere, nur noch eine App, den "Zalando City Guide", laden. Das tun wir. Dann schieben wir unser Smartphone durch den Schlitz des Kartons und halten ihn uns vors Gesicht.

Stahlblau wölbt sich der animierte Himmel über einen von Bürogebäuden gesäumten Platz. Obwohl wir also offenbar draußen sind, steht da ein Kleiderständer, an dem Klamotten im Wind flattern. Ein Skateboarder umkurvt eine Sofalandschaft, auf der Menschen sitzen und auf Telefone schauen. Da fährt ein Mann einen Zalando-Karton auf dem Fahrrad spazieren. Ein anderer trägt Zalando-Kartons aus einem Auto. Alle sehen glücklich aus. Am Horizont ist der Fernsehturm zu erkennen. Wir klicken auf "Campus" und sehen ein Video: John F. Kennedy in Schwarz-Weiß: Er spricht mit täuschend echter Kennedy-Stimme einen nur halb vertrauten Satz: "Zalando ist ein Berliner."