Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Gestern starrte ich auf mein Handy und musste plötzlich an Onkel Willys Diaabende denken. Die kamen verlässlich im September, es gab Toast Hawaii, bis der jüngere Teil der Verwandtschaft in der Kombination aus Ananas und Schinken eine krebserregende Verbindung vermutete. Danach wurde Caprese gereicht. Wie in Italien, sagte Tante Tine. Und um Italien ging es auch an den Diaabenden. Kaum waren die Koffer ausgepackt, verschwand Onkel Willy in seiner Kammer, schnitt Super-8-Filme oder rahmte Bilder, die er dann mit Bedacht in graue Rahmenständer ordnete, immer und immer wieder, bis die Urlaubsfotos die richtige Dramaturgie entfalteten. Wir machten uns lustig und gingen doch hin, um die Cousinen und Cousins in Liegestühlen, vor Kathedralen oder müde aus Zelten blinzelnd zu betrachten – und entsprechend zu kommentieren. Eine Familienshow.

Der eigene Vater fand, man solle die Gegenwart genießen. So eine blöde Lebensphilosophie, fanden wir. Deshalb gibt es die eigenen Familienurlaube nur noch in der Erinnerung.

Heute gibt es die Diashows direkt aufs Handy. Über soziale Netzwerke kommen sie, die Urlaubsbilder. Noch nie so viele Freunde mit bloßem Oberkörper gesehen. Und Kinder im Sand und ganz viel Blau. Ozeane aus allen Himmelsrichtungen, alkoholische und nichtalkoholische Getränke auf Marmor-, Rattan- oder Holztischen, Grinsegesichter vor kulturgeschichtlichem Hintergrund.

Die Urlaubsorte überlagern sich, die Motive auch. Als würde man 100 Dias gleichzeitig an die Wand projizieren, allerdings ungeordnet. Eine richtige Urlaubsgeschichte wird nur selten draus. Wo sind die Rütters noch mal? Ostsee, Singapur? Oder war es doch Florida? Hast du die Fotos auf Twitter gesehen? Quatsch, die machen doch Instagram-Storys. Manche Smartphone-Benutzer haben jetzt ja diese App. Da sehen dann alle Fotos aus wie von 1982. Retro eben, wie die Sommerkleider der Freundinnen. Irgendwie erinnern sie mich an die Dias von Onkel Willy.

Nur fallen die Abende im verdunkelten Wohnzimmer aus, mit einem Pulk von Leuten auf Klappstühlen und Toast Hawaii auf dem Schoß, mit dem Gelächter und den Geschichten samt Übertreibungen und Auslassungen, die zu einer richtigen Urlaubsgeschichte dazugehören.

Mir fehlt der Abstand, das Warten, der Rückblick aus der Distanz von Herbstschmuddelwetter und mehreren Arbeitswochen, die ironischen Flachsereien über Onkel Willys Diaabende, der leise Neid und die Sehnsucht nach fernen Sommern. Für diesen Abstand müsste mal eine App erfunden werden.