Die Exegese von Kleinanzeigen hat eine große Tradition. In der Regel handelt es sich um Textanalysen von Heirats- und Kontaktanzeigen. Eine der ersten stammt aus dem späten 19. Jahrhundert, eine der jüngsten aus dem Jahr 2012, eine Dissertation im Fach Philosophie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Sie hat den Titel: Suche keinen Flirt. Über russische Heiratsanzeigen von 1906 bis 1918. Philosophieren lässt sich heute weiträumig auslegen. Nebenbei: Die Heiratsanzeigen der ZEIT wurden erstmals 1976 wissenschaftlich erforscht, die der FAZ im Jahr 1991.

Nun will der Mensch nicht nur zu zweit sein, sondern auch ein paar Möbel besitzen. Hierfür gibt es eBay. Die Anzeigenwelt von eBay ist als soziologische Fundgrube mittlerweile mindestens so toll wie die der Heiratsanzeigen. Zumindest wenn der Blick der wunderbaren Autorin Sarah Khan darauf fällt. Khan, Jahrgang 1971, wohnt mit ihrer Familie in Berlin. Vor geraumer Zeit hat sie begonnen, ein altes Schulhaus in Brandenburg zu renovieren. Da brauchte sie Inventar. Sich von eBay nur ein Sofa zu besorgen (Anzeigentext: "Die Kissen und das Polster sind prima, der Segeltuchbezug ist aber am Ende") kann die ozeangroße Neugier und den inspirierten Geist einer Sarah Khan allerdings nicht befriedigen. Sie wollte die Geschichte des Sofaanbieters kennenlernen, obwohl das Sofa längst weg war.

So ist ihr Buch Das Stammeln der Wahrsagerin entstanden, aus einer sagenhaft einfachen Idee: Sie muss nur an jemand geraten, der in den eBay-Kleinanzeigen die Osmose aus ethnografischem Material und Novellenstoff erkennt. Da gibt es zum Beispiel die unerhörte Begebenheit von Frau Hauswald. Über einen langen Zeitraum hinweg schaltete sie immer wieder folgende Anzeige: "Hallo, ich bin auf diesem Wege auf der Suche nach einem Verkäufer, der mir am 19. April 2015 auf dem Flohmarkt im Havelpark Dallgow einen Stapel Pferdebücher verkauft hat. Im Gespräch erzählte er mir, ein Verwandter (Onkel?) sei verstorben und hätte für eine Pferdezeitschrift als Buchredakteur gearbeitet. Und dass er aus diesem Erbe noch weitere Pferdebücher hätte."

Frau Hauswald ist der Obsession des Pferdebüchersammelns verfallen. Sie besitzt 6.200 Bände. Das übertrifft den Umfang von Goethes Privatbibliothek. Ähnelt nun Frau Hausmann, die Titel wie Mein Freund Flicka, Das schwarze Hengstregister oder Islandpferde Reitlehre von 1986 hortet, den großen Kunstsammlern? Solche Fragen beschäftigen Sarah Khan. Und genau für solche Fragen wurde die Literatur erfunden.

Sarah Khan: Das Stammeln der Wahrsagerin. Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 173 S., 12,95 €