Väter sind zu wichtig. Sie können sich nicht um ihre Kinder kümmern. Das war das Erste, was ich über Vereinbarkeit lernte. Von einer Kollegin. Wir saßen in einem Büro der Zeitung, für die wir arbeiteten. Es war mein erster Job, ich war jung, und von Kindern verstand ich nichts. Die Kollegin erklärte mir alles. Dass sie ein Jahr Elternzeit genommen habe. Dass unsere Chefs ihr diese Auszeit übel genommen hätten. Dass sie das schon vorher geahnt habe. "Wer ein Jahr weg ist und als Mutti zurückkommt, hat verloren", sagte die Kollegin. "Was ist mit deinem Mann?", fragte ich. "Der kann als Banker nicht länger raus aus seinem Job." – "Wer sagt das?" – "Er."

Das Gespräch ist einige Jahre her. Es hat mich nie mehr verlassen. Weil ich es seither immer wieder führe. Mit Bekannten, mit Kolleginnen, mit Freundinnen. Frauen, die studiert haben und emanzipiert sind. Sie erzählen, wie sie versagen, als Mutter, als Mitarbeiterin. Sie machen ihrem Arbeitgeber Vorwürfe und dem Staat und sich selbst. Nur einem nie: ihrem Mann.

Der macht, was er kann. Leider ist das nie viel. Der Rest wird von den Frauen übernommen. Die auch erklären können, wieso es ausgerechnet ihrem Mann unmöglich ist, mehr zu tun. Da gibt es den befristeten Wissenschaftler, den selbstständigen Architekten, den unverzichtbaren Erzieher, den beförderten Geschäftsführer. Ihre Jobs sind zu fest, zu wackelig, zu wichtig – und immer unvereinbar mit Teilzeit oder längerer Kinderbetreuung.

Das war das Zweite, was ich über die Vereinbarkeit lernte. Die Jobs der Mütter sind nie zu wichtig. Mütter können sich immer um die Kinder kümmern. Sagen die Mütter.

Die Beobachtung aus dem Bekanntenkreis gilt für die ganze Republik. Lediglich ein Drittel der deutschen Väter geht in Elternzeit. 79 Prozent davon für höchstens zwei Monate. In fast Dreiviertel aller Familien arbeitet der Vater Vollzeit, während die Mutter geringfügig beschäftigt ist, als Teilzeitkraft arbeitet oder gar nicht. Dabei wollen sich 60 Prozent der Paare mit Kindern unter drei Jahren die Pflichten in Haushalt und Beruf fair teilen. So steht es im Väterreport der Bundesregierung. Dort steht aber auch, dass dieses Vorhaben nur von 14 Prozent umgesetzt wird.

Gehen also nur die Männer in diesem Land unverzichtbaren Tätigkeiten nach? Machen Millionen von Frauen Jobs, auf die man – zumindest teilweise – verzichten kann?

Im Jahr 2015 befragte das Allensbach-Institut Paare, die ein junges Kind hatten, nach welchen Kriterien sie Job und Haushalt aufteilen würden. 70 Prozent sagten, dass der Wunsch der Mutter, Zeit mit dem Kind zu verbringen, großen Einfluss hatte. Zwei Drittel nannten den Wunsch der Mutter, das Kind in den ersten Jahren zu betreuen. Nur bei 36 Prozent spielten die Möglichkeiten der Mutter, ihren Beruf mit der Familie zu vereinbaren, eine große Rolle.

Anders gesagt: Die meisten Mütter verzichten gerne. Und die meisten Männer nehmen diesen Verzicht gerne an.

Natürlich darf jedes Paar selbst entscheiden, wer wann das Kind füttert, wickelt und bespaßt. Alles völlig okay. Wenn es das Paar glücklich macht. Emanzipiert ist das allerdings nicht. Doch die Debatte um Vereinbarkeit in diesem Land beruht auf der Annahme, dass Paare emanzipiert leben wollen.

Deshalb wird um Kita-Ausbau und Krippenplätze gestritten, um Kindergeld und Homeoffice. Deshalb werden Streitschriften verfasst, die Geht alles gar nicht heißen oder Die Alles ist möglich-Lüge. Deshalb überbieten sich Politiker mit Ideen wie dem Anspruch auf Familienzeit oder gebührenfreien Kitas.

Dabei wird gejammert und geklagt. Gerne über die familienfeindliche Wirtschaft. Noch lieber über den Staat, der zu wenig Hilfe bereitstellt. Als ob in den vergangenen Jahren nichts passiert wäre. Als ob es keinen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz gäbe und keine 14 Monate Elterngeld und kein Kindergeld und kein Elterngeld Plus und keine Teilzeitregelungen und tausend andere Leistungen, die die Vereinbarkeit erleichtern sollen. Trotzdem heulen die deutschen Eltern, als wären sie ihre eigenen verwöhnten Kinder.

Vielleicht ist es an der Zeit, den Fokus der Vereinbarkeitsdebatte zu verrücken, ein paar Wirklichkeiten anzuerkennen und nach Gründen zu fragen. Warum fügen sich viele Frauen in traditionelle Rollen? Was hält so viele Männer davon ab, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen? Müssen Beziehungen überhaupt emanzipiert sein?