Wir brauchen in der evangelischen Kirche einen neuen Feminismus. © Marc Böttler

Wir ruhen uns auf den Erfolgen Margot Käßmanns aus. Als sie zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt wurde, konnten sich die Männer in den kirchlichen Führungspositionen zurücklehnen und die Frauenfrage erst einmal abhaken. Das Ganze ist jetzt acht Jahre her, und ein halbes Jahrtausend nach der Reformation haben Frauen in der evangelischen Kirche immer noch viele Möglichkeiten, die Erste zu sein: die erste Bischöfin einer bestimmten Landeskirche, die erste Direktorin eines bestimmten Predigerseminars, die erste Pastorin in einer bestimmten Gemeinde. Nur weil wir Protestanten einmal eine Frau an der Spitze hatten, sind wir in den evangelischen Kirchen nicht so progressiv und egalitär, wie wir uns zu sein rühmen. Heute gilt es immer noch und schon wieder, die theologischen Fakultäten, Kirchengemeinden und Landeskirchenämter vom Alltagssexismus zu befreien.

Stolz schauen die Protestanten auf die katholischen Schwesterkirchen herab, als wäre die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der evangelischen Kirche so alt wie die Reformation. Doch die Zeit, in der Frauen der evangelischen Kirchen in Deutschland Zugang zu allen Ämtern haben, ist im Vergleich zur gesamten Geschichte reformatorischer Kirchen gerade mal einen Wimpernschlag lang. Als ich eben meinen Dienst als Vikarin angetreten hatte, ging ein freundlicher älterer Herr in der Gemeinde selbstverständlich davon aus, dass ich nur da sei, um Kinder zu beaufsichtigen. Nicht überall, aber oftmals sind Kinder und Kuchen die kirchlichen Aufgabenbereiche von Frauen.

Viele Pastorinnen empfinden den Talar als Schutz, wohl als einen Schutz davor, unterschätzt zu werden. Die Kirche soll ein Ort sein, an dem die Heilige Geistkraft weht – und an dem diese nicht mit dem Geist des Patriarchats gleichgesetzt wird. Frauen sind in Führungspositionen aber immer noch unterrepräsentiert, und wenn sie solche Positionen anstreben, tuschelt man nicht selten, die Betreffenden seien ja karrieregeil und schwierig.

Deshalb brauchen wir in der evangelischen Kirche einen neuen Feminismus. Die Reformatoren befreiten seinerzeit die Frauen – notfalls auch gegen ihren Willen – aus den Klöstern, stellten sie dann aber an den Herd. Dort stehen sie in vielen Gemeindehäusern immer noch, weitgehend ohne männliche Unterstützung. Um diese Situation zu ändern brauchen wir eine Kultur des wahrhaft geschwisterlichen Miteinanders. Und wir brauchen Bischöfe, Pröbste und Pastoren, die ihre eigenen Privilegien hinterfragen; Privilegien, die ihnen als weißen Männern der Mittelschicht in unserer Gesellschaft zukommen.

Dass Frauen weder der Zugang zum Hochschulstudium noch zum Pfarramt bereitwillig gewährt wurde, daran erinnerten über 120 Pastorinnen, die am vergangenen Samstag im Talar am "FrauenFestTag" in Wittenberg teilnahmen. Aus vielen Ländern waren sie angereist. Die Frauen kamen aus Kamerun, Indonesien oder Norwegen. Auf dem geschichtsträchtigen Schlossplatz versammelten sie sich zum Fototermin: Frauen in Talar oder Albe mit Beffchen oder Stola.

Hier haben talartragende Männer vor einem halben Jahrtausend die Emanzipation eingeläutet – hier begann die Befreiung der Reformatoren von Rom. Für die weibliche Emanzipation ist es heute nötig, dass wir uns als Teil der Kirche sichtbar machen – als Pastorinnen und Bischöfinnen. Das Foto vom Marsch der weiblichen Geistlichen durch Wittenberg soll auch ein Signal für alle evangelisch-lutherischen Teile der Welt sein, in denen Frauen noch massiv benachteiligt werden. In der evangelischen Kirche in Lettland wurde zum Beispiel unlängst der Weg zum geistlichen Amt für Frauen wieder versperrt. Die Missouri Synod, die zweitgrößte lutherische Kirche der USA, lehnt, ebenso wie die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland, die Frauenordination als unbiblisch ab. Ganz zu schweigen von vielen evangelischen Freikirchen.

Auch den deutschen evangelischen Landeskirchen war es zunächst nicht so recht geheuer, Pfarrstellen mit Frauen zu besetzen. Als Elisabeth Haseloff im Jahr 1958 als erste Frau in Deutschland ordiniert wurde, entsann man sich der eigentlich katholischen Tradition des Zölibats und verpflichtete die Pastorin Haseloff ebenso wie ihre ersten Amtsschwestern zur Ehelosigkeit, um irgendwie sicherzugehen. Schaumburg-Lippe führte als letzte deutsche Landeskirche die Frauenordination ein, 1991 erst. Fortschritt geht schneller.

Die lauten Stimmen der Reformation gehörten Männern, und man verklärt sie, wenn man in ihnen tolerante Pazifisten oder frühe Feministen sieht. Ja, Luther betonte das Priestertum aller Gläubigen und damit auch das der Frauen. Aber er begründete ebenfalls die Tradition des lutherischen Hausvaters, der Frau und Kinder im Gebet anleitet. Im Protestantismus fiel das Kloster (und damit die Chance auf Bildung) als Option für Frauen weg. Die Katholikin Teresa von Ávila hinterließ zahlreiche Schriften, die nach wie vor vielen zur Erbauung dienen. Katharina von Bora hinterließ Kinder. Luthers Käthe stand auch Modell für das damals erst entstehende Idealbild der evangelischen Pfarrfrau und kommt daher in jedem Gemeindebriefartikel über "Frauen der Reformation" vor. Auch Elisabeth Cruciger oder Wibrandis Rosenblatt finden hauptsächlich aufgrund ihrer Ehe mit einem Reformator Erwähnung. Bei Letzterer waren es sogar drei an der Zahl – gewiss nacheinander.