Chefarzt-Behandlung, kurzfristige Termine beim Doktor, Einzelzimmer, neueste Geräte und Medikamente: Wer privat krankenversichert ist, profitiert von den Segnungen modernster Medizin in einem der besten Gesundheitssysteme der Welt. So verkünden es zumindest die privaten Krankenversicherungen immer wieder.

Aktuelles Beispiel: neue Medikamente. Sie kommen "den Versicherten der Privaten Krankenversicherung (PKV) schneller zu Gute als den Versicherten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)", schreibt das Wissenschaftliche Institut der PKV in einer Pressemitteilung zu seinem Jahresbericht, der gerade veröffentlich worden ist. In der Überschrift heißt es: PKV bleibt Innovationsmotor bei Arzneimitteln. Spätestens jetzt fühlt man sich als gesetzlich Versicherter schlecht. Die Frage ist nur: zu Recht? Ist es wirklich besser, privat versichert zu sein? Und warum hat dann der Hamburger Senat gerade beschlossen, dass sich Beamte künftig auch gesetzlich versichern dürfen?

Blenden wir mal die Beitragssteigerungen der PKV aus, die immer wieder auf die Versicherten zukommen, auch die Schwierigkeiten, die man kriegt, wenn man doch mal in die GKV wechseln möchte, und ebenso die Tatsache, dass Kinder nicht mitversichert sind, und schauen wir uns doch einfach mal die vermeintlichen Vorteile an.

Die Chefarzt-Behandlung etwa: Was kann es Besseres geben, als wenn der Chef, die Koryphäe der Abteilung, einen behandelt, womöglich sogar operiert? Ganz einfach: dass er es nicht tut. Oberärzte oder erfahrene Assistenzärzte können das oft besser – einfach deswegen, weil sie häufiger operieren und mit den Patienten zu tun haben. Der Chefarzt arbeitet zwar viel, nur eben nicht viel an den Patienten. Er muss die Abteilung organisieren, mit der Klinikverwaltung verhandeln, die ganzen bürokratischen Angelegenheiten erledigen, die anfallen. Wie soll er da noch häufig operieren können oder am Krankenbett stehen? Das kann keiner erwarten, und ebenso wenig kann man erwarten, dass er besonders geschickt bei einer komplizierten Operation vorgeht, die er vielleicht nur ein-, zweimal im Monat macht. Übung macht den Meister, nicht die Position.

Die Termine aber, die man als Privatversicherter kurzfristig bekommt, wenn man mal etwas Akutes hat: ein eindeutiger Vorteil – oder? Nein, häufig ist es besser, mit seinen Malaisen nicht zum Arzt zu gehen – gerade wenn man privat versichert ist. Denn zum einen heilen viele Leiden von selbst, etwa Rückenschmerzen oder Erkältungskrankheiten. Und das ist immer besser, als wenn man ein Medikament nimmt, denn das kann Nebenwirkungen haben. Zum anderen ist der Doktor bei Privatpatienten besonders motiviert, etwas zu tun – schließlich verdient er an ihnen mehr als an den gesetzlich Versicherten. Und vieles von dem, was er dann unternimmt, ist zwar gut für sein persönliches finanzielles Wohl, aber nicht so sehr für das der Patienten. Eine Sonografie des Bauchs etwa ist schnell gemacht und der Ultraschall selbst auch ungefährlich. Nur was passiert, wenn der Arzt dabei etwas entdeckt, das dem gesunden Patienten niemals Probleme bereitet hätte, einen Gallenstein etwa? Folgt daraus eine Operation, kann es dabei zu schweren Komplikationen kommen – die niemals aufgetreten wären, wenn der Patient den Arzt nicht aufgesucht hätte. Der leichte und kurzfristige Zugang zum Doktor ist also längst nicht immer von Vorteil.

Dafür aber ganz eindeutig die Einzelunterbringung! Wer schon mal in einem Vierbettzimmer neben einem passionierten Schnarcher, einem schwerhörigen Volksmusikfan und einem bei Nachbarn, Freunden und Familie beliebten Patienten gelegen hat, weiß die Einsamkeit zu schätzen. Allerdings: Viele Krankenhäuser haben inzwischen auf Zweibettzimmer umgestellt, Jugendherbergsatmosphäre findet man nur noch selten. Und: Die Patienten bleiben immer kürzer in der Klinik. Lag die durchschnittliche Verweildauer 1991 noch bei 14 Tagen, ist es inzwischen nur noch etwas mehr als die Hälfte der Zeit: Im Schnitt 7,3 Tage müssen sich Patienten mit manchmal unangenehmen Bettnachbarn abplagen.