DIE ZEIT: Herr Ströbele, wir treffen uns in Ihrem Abgeordnetenbüro, das Sie bald räumen – nach fast 20 Jahren verlassen Sie den Bundestag. Auf den unzähligen Aktenordnern in Ihrem Büro kleben nun bunte Punkte. Was hat es damit auf sich?

Hans-Christian Ströbele: Mit den Punkten organisiere ich meinen Ausstieg aus dem Bundestag. Als ich den im Dezember beschlossen habe, stand ich vor der Frage, was ich mit all den Akten mache. Dafür gibt es etwa nun den grünen Punkt …

ZEIT: Sie haben ein Recycling-System für Akten?

Ströbele: Genau. Alles, an dem ein grüner Punkt dran ist, geht in das Archiv Grünes Gedächtnis der Böll-Stiftung. Die mit den roten kommen zu mir in die Rechtsanwaltskanzlei.

ZEIT: Und die blauen Punkte?

Ströbele: Diese Ordner schaue ich noch mal durch, um zu entscheiden, was ich entsorgen kann.

ZEIT: Alles ist ordentlich beschriftet: BND, Agenda 2010, Afghanistan … Wofür steht "UA"?

Ströbele: Das heißt Untersuchungsausschuss. Es beginnt oben links an der Wand mit dem Kohl-Untersuchungsausschuss ab 1999, als ich wieder im Bundestag war. Und das endet mit dem US-Geheimdienst NSA. Ich bin wahrscheinlich der Abgeordnete mit den meisten Untersuchungsausschüssen. Sie glauben nicht, was alles an Geschichten in diesen Akten steckt. Dort oben lese ich gerade "Schreiber", "Spendenaffäre". Ohne meine bescheidene Mitwirkung wäre Angela Merkel wahrscheinlich 2005 nicht Kanzlerin geworden.

ZEIT: Das müssen Sie uns erklären.

Ströbele: 1999, nachdem Helmut Kohl die Wahl verloren hatte, war Wolfgang Schäuble Parteivorsitzender geworden. Doch dann kam die CDU-Spendenaffäre hoch. In einer denkwürdigen Bundestagsdebatte im Dezember berichtete Herr Schäuble über sein Treffen mit dem Waffenhändler Karlheinz Schreiber – da rief ich aus der dritten Reihe dazwischen: "Mit oder ohne Koffer?"