Wie soll man sich als HSV-Fan auf die neue Bundesligasaison freuen? Noch bevor sie am Wochenende losgeht, herrscht im Verein Katastrophenstimmung. 1 : 3 im DFB-Pokal gegen den Drittligisten VfL Osnabrück verloren, obwohl die Hamburger fast während des gesamten Spiels einen Mann mehr auf dem Platz hatten. Schlechter hätte es nicht laufen können. Vieles macht beim HSV gerade eher Angst vor der neuen Saison, als dass es zuversichtlich stimmt:

Auf dem Platz steht eine Mannschaft, die nicht wirklich besser ist als in der vorigen Spielzeit. Das will schon etwas heißen. Die Transfers des Sommers sind in Ordnung. Es gibt aber keinen Spieler, den man ohne zu zögern Hoffnungsträger nennen könnte. Schlimmer noch: Viele der Spieler, die auf dem Platz stehen, wollen entweder weg (wie Nicolai Müller) oder sollten längst weg sein, weil sie zu teuer sind (wie Aaron Hunt und Lewis Holtby). Natürlich sagen sie, sie seien Profis und würden alles für den HSV geben. Nur lässt sich ein belastbares Mannschaftsgefüge so nicht herstellen.

Das Kernproblem des Vereins liegt aber nicht in der Mannschaft auf dem Platz. Die Querelen der vergangenen Jahre haben einen ruhigen und nachhaltigen Aufbau des Profi-Bereichs unmöglich gemacht. In diesem Sommer wurde wieder eine Chance auf einen Neuanfang vertan. Lange haben sich die Aufsichtsräte dagegen gewehrt, Millionen lockerzumachen. Ihr Plan: Sie wollten erst Spieler verkaufen, um mit dem frisch verdienten Geld neue zu holen. Das Konzept ging nicht auf, Mäzen Klaus-Michael Kühne begann zu grummeln, es sollte rascher gehandelt werden. Die Funktionäre knickten ein, bewilligten einige Einkäufe und schufen damit das nächste Dilemma: Entweder hätten sie sofort das Geld bereitstellen und damit Sportdirektor Jens Todt bei seinen Verhandlungen mit potenziellen Kandidaten Planungssicherheit geben sollen. Oder sie hätten konsequent bei ihrer Sparlinie bleiben müssen. So ist das Gleiche rausgekommen wie immer: Lückenfüllen statt sinnvoller Verstärkungen.

Gibt es bei diesem Verein also wirklich nichts, worauf man sich freuen kann?

Doch! Paradoxerweise hat das viel mit der verkorksten Situation zu tun, in der sich der HSV befindet. In der Vergangenheit waren die Erwartungen vor jeder Saison höher als die Möglichkeiten des Kaders. Irgendjemand hat immer davon gesprochen, dass der HSV mal wieder in Richtung Europapokal-Plätze schielen könne. Dieses Mal herrscht keine Euphorie. Der Realismus kann etwas Befreiendes haben.

Und: Der HSV hat im Stillen in derselben Zeit, in der sich die Erstliga-Mannschaft von Niederlage zu Niederlage gurkte, im Nachwuchs eine Zukunftsperspektive geschaffen. Es gibt junge Talente wie Stürmer Jann-Fiete Arp oder die Mittelfeldspieler Mats Köhlert und Finn Porath, die langsam herangeführt werden. Sie sind noch nicht so weit, aber in zwei, drei Jahren könnte der Verein mit ihnen wirklich in der Bundesliga konkurrieren.

Könnte.

Wenn er sie bis dahin nicht falsch einsetzt oder – wie bei den jetzigen Nationalspielern Jérôme Boateng und Jonathan Tah geschehen – zu früh verkauft.