Das "wichtigste Buch der Welt" ist für Michel Houellebecq Arthur Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung. Der bereits 2004 mit einer Schopenhauer-Medaille Geehrte hat sich den Hausheiligen nach eigenen Angaben in seinem neuen Buch In Schopenhauers Gegenwart schon mit Mitte 20 ausgesucht. Jetzt widmet er ihm ein schmales Bändchen, das zu einem nicht geringen Teil aus ausgiebigen Originalstellen besteht, unterbrochen von einer strahlend apodiktischen Moderation des bekannten Autors. Begründet wird nichts, alles glänzt evident.

Michel Houellebecq ist wohl der erfolgreichste unter den vielen Reaktionären, die in den letzten zwei Jahrzehnten dazu beigetragen haben, dass Erledigtes neu beredet wird. Wie ernst muss man jemanden nehmen, der erklärt, "seit 1860 (sei) nichts mehr passiert"? Den es "an den Nerven (zerrt) in einer Ära der Mittelmäßigen zu leben"? Wie ernst einen, der, bevor er seitenweise Schopenhauers Entsetzen über das Fressen und Gefressenwerden in der lebendigen Natur in all seiner Verve genüsslich dokumentiert, bemerkt, diese Stelle möchte er den Umweltschützern widmen? Was sollen die denn daraus lernen? Dass die beständig Fressenden und Gefressenen ob ihres Verhaltens das Recht auf Schutz vor Auslöschung ihrer ganzen Art, ihres Ökosystems verwirkt haben? Sollen nur vegane Ponys überleben? Einhörner und Teletubbys? Aber natürlich ist das heiter aufgeräumte Schmeißen mit kleinen Bömbchen voller dreister Blödheit und süßer Ungeheuerlichkeit auch ganz amüsant. In Grenzen. Wenigstens ist Houellebecqs Pessimismus und seine Welt- und Menschenverachtung vor allem reaktionär im buchstäblichen Sinne. Er reagiert, ist aber kaum konstruktiv und hat eher wenig an dem Projekt mitgearbeitet, aus lauter Gegenwartsverdrossenheit wieder Heimat, Volk und Tradition umarmen zu wollen.

Im Leben eines jeden französischen Erfolgsschriftstellers kommt der Moment, an dem er sich zu einem alten, toten Deutschen bekennen muss. Obwohl das eher eine Tradition der anderen, der vernunft- oder zukunftsorientierten Seite französischen Denkens ist, ist es typisch für Houellebecq, dabei auch mitspielen zu wollen und trotzdem den richtigen zu finden. Auch diesen Widerspruch kann man sympathisch finden: Den ganzen Tag gibt er den asozial-verschmuddelten Miesepeter, aber insgeheim (in einigen seiner Bücher zum Beispiel) interessiert ihn die Gegenwart brennend. Nietzsche kommt nicht infrage, der gehört in Frankreich der Linken aus der Generation Foucault-Deleuze. Aber Schopenhauer haut genau hin. Der hält die Welt für die schlechtestmögliche: Geschichte und Natur sind sinnlose Hamsterräder, von den Wünschen, deren Erfüllung nie zufriedenstellt, mit Energie versorgt. Das gefällt ihm.

Doch noch wichtiger ist Houellebecq die ästhetische Theorie des großen Pessimisten. Er feiert sie als erste Rezeptionsästhetik, die Schönheit nicht mehr in Eigenschaften des Kunstwerks, sondern im ästhetischen Umgang mit den Werken lokalisiert – und damit lange vor Duchamp dessen Intervention schon habe denken können. Fragt sich, was daran gut ist, wenn doch Duchamp nur ein Ereignis aus der ewigen Geschichte der Mittelmäßigkeit sein kann. Aber natürlich sind diese Erkenntnisse eh ein bis zwei Generationen älter und stehen schon in Kants Kritik der Urteilskraft. Originell dagegen, wie Houellebecq sich auch den Künstler bei Schopenhauer als einen Rezipienten denkt, dessen wichtigste Eigenschaften Naivität und Passivität seien, geführt ganz von der Intuition – und frei von Konzepten und Reflexivität. Das könnte man zu einer amüsanten Überwindung von Genie-Ästhetik weiterdenken: eine Kette kommunizierender, passiver Rezipienten und Schöpfer. Aber Houellebecq will etwas anderes von dem Gedanken: nämlich einen Künstler, der eben nicht denkt und intellektuell wird, wie die, die ihn heute nerven, sondern der klar und wahr ist – wie er sich selbst sieht, den von Konzepten unabgelenkten, ganz von seinem Gegenstand absorbierten Seher.

Die Virtuosen der schlechten Laune sind nicht nur über den Kamm ihrer langweiligen Weltanschauung zu scheren. Meist lehnen sie die Geschichte auch deswegen ab, weil es ein konkreter historischer Moment der Kränkung war, der sie in ihre Position getrieben hat. Nur ist die daraus entstandene lebenslange Gegenposition etwa bei Thomas Bernhard interessanter, weil sie erkennbar gegen ein reales klerikalfaschistisches Österreich entstand, als bei Houellebecq, wo sie sich am Phantom "68 und die Folgen" entzündet – in seiner Generation (die auch meine ist) eine häufige Reaktion, die sich in linker oder romantischer 68er-Kritik seitens der Punk-Generation äußerte und so selbst Geschichte wurde. Dies ist auch bei Thomas Bernhard bei aller Absolutierung seiner Position immer klar. Doch Houellebecq verschanzt sich in einem vermeintlich außerhistorischen Weltekel, zu dem ihm Schopenhauer die Argumente liefert.

Natürlich hat es den hier philosophisch erträumten, antiintellektuellen und konzeptlosen Künstler nie in satisfaktionsfähiger Weise in der Wirklichkeit gegeben. Am nächsten kommen ihm interessanterweise einige "pure American beings" – ausgerechnet – aus der 68er Generation: etwa Neil Young oder Brian Wilson, die Houellebecq schätzt. Auch sie sind zwar viel komplexer als die Idealisierungen Houellebecqs. Es hilft aber, an sie zu denken, um den Weltekel des Schriftstellers ins Verhältnis zu setzen: zu einer historisch bestimmten Form, sich rühren oder bewegen zu lassen. Dass er sich wünscht, man möge ihn über und durch Widersprüchlichkeiten wie diese verstehen, äußert Houellebecq denn auch, wenn er Schopenhauer für den offen zugegebenen Widerspruch lobt, dass dieser "Aphorismen zur Lebensweisheit" schreibt, obwohl doch das Leben ein absoluter Unsinn sei. Aber kokett die eigene Widersprüchlichkeit sexy zu finden, ist denn auch nicht abendfüllend.

Michel Houellebecq: In Schopenhauers Gegenwart.
DuMont Buchverlag, Köln 2017; 80 S., 18,– €