Es fehlten 69 Kilometer, und dieser Krieg hätte die Welt geschockt. Am Freitag, den 28. Juli, feuerten Huthi-Milizen im Jemen eine Rakete Richtung Mekka ab. Das saudische Militär fing sie ab, genau 69 Kilometer südlich der Stadt. Es ist nicht die erste Rakete aus dem Jemen, die auf saudischem Territorium einschlug. In wenigen Tagen beginnt der Hadsch, die Pilgerreise von Millionen Muslimen nach Mekka. Die Huthis haben noch einiges in ihrem Waffenarsenal, und die saudische Luftabwehr gilt nicht als übermäßig zuverlässig.

Gemessen an dem, was in diesem Krieg noch passieren kann und was bereits passiert ist, erhält er erstaunlich wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Die Militärintervention, die im März 2015 unter saudischer Führung begann, hat einen innerjemenitischen Machtkampf zu einem internationalen Konflikt eskalieren lassen, an dem inzwischen über ein Dutzend Staaten als Kriegsparteien oder Unterstützer beteiligt sind. Aufseiten der Huthi-Rebellen: der Iran. Aufseiten ihrer Gegner rund um die offizielle Regierung des Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi: außer Saudi-Arabien die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Ägypten, Sudan, Marokko, aber auch die Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien.

Rund 10.000 Zivilisten wurden bislang getötet, über 40.000 verwundet, Hunger und Seuchen breiten sich aus. Die UN verzeichneten in den vergangenen drei Monaten 1.900 Cholera-Tote und eine halbe Million mutmaßlich Infizierte. 60 Prozent der Jemeniten wissen nicht, wo sie ihre nächste Mahlzeit oder sauberes Trinkwasser herbekommen sollen, zwei Millionen Kinder sind unterernährt. Die UN sprechen vom "weltweit schlimmsten Ausbruch der Cholera inmitten der weltweit schlimmsten humanitären Krise" – Superlative, die zutreffen und doch verhallen, weil es von diesem Elend so wenig Bilder gibt. Das saudische Militär, das den Luftraum über dem Jemen kontrolliert, verhindert immer wieder, dass die UN und andere Hilfsorganisationen bei ihren humanitären Flügen Journalisten mit ins Land nehmen. Es ist ein Krieg, der in Worten beschrieben und erklärt werden muss.

Wie aus einem Volksaufstand ein saudisch-iranischer Stellvertreterkrieg wurde

Die Geschichte dieses Konflikts beginnt nicht mit Luftangriffen und Artilleriefeuer, sondern mit einer Demonstration der Gewaltfreiheit. Tawakkul Karman heißt die jemenitische Journalistin, die 2011 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde für ihren jahrelangen Kampf um Menschenrechte und die Gleichberechtigung der Frau – und für ihren Einsatz an der Spitze des Jemenitischen Frühlings. Abertausende Menschen harrten damals mehrere Monate in der Hauptstadt Sanaa in Protestcamps gegen den Diktator Ali Abdullah Saleh aus. Wie in Syrien hatten sich die unterschiedlichsten Gruppen vereint – Anhänger der sunnitischen Muslimbrüder, zu denen auch Karman gehört, liberale Intellektuelle aus den Städten, schiitische Huthis aus dem Norden, Studenten, Armeeangehörige, Stammesführer. Wie Präsident Baschar al-Assad in Syrien ließ auch Saleh schießen und foltern. Wie in Syrien militarisierte sich ein Teil der Protestbewegung. Anders als Assad fand Saleh keine ausländischen Unterstützer, sondern machte halb auf Druck, halb auf Vermittlung der Golfstaaten und des Westens den Weg frei für seinen Stellvertreter Aber Rabbo Mansur Hadi und ging ins saudische Exil.

Hadis Regierung erwies sich als ähnlich korrupt wie das Saleh-Regime – für viele Jemeniten Beweis genug, dass sich an den alten Machtstrukturen wenig geändert hatte. Hadi verlor zunehmend an Rückhalt in der Bevölkerung, neue Proteste wurden von den Huthis, einer schiitischen Volksgruppe aus dem Norden, vereinnahmt. Sie waren bei den Übergangsverhandlungen nach Salehs Sturz politisch an den Rand gedrängt worden, nun vertrieben sie Hadi samt seiner Regierung aus der Hauptstadt Sanaa.

Berauscht von ihrem schnellen militärischen Erfolg, marschierten die Huthis weiter nach Süden in Richtung Aden, der wichtigsten Hafenstadt des Landes. Saudi-Arabiens Monarchie, maßgeblich dirigiert vom jungen Verteidigungsminister und Königssohn Mohammed bin Salman, wertete dies als iranisch gesteuerte Verschwörung und ordnete im März 2015 die ersten Luftangriffe auf den Jemen an.

Ein paar Tage Shock and Awe mit Bomben und Raketen, so das Kalkül des Prinzen, und die Ordnung im "saudischen Hinterhof" wäre wiederhergestellt, der Erzfeind Iran gebührend eingeschüchtert und er selbst als neuer starker Mann und unumstrittener Thronfolger im saudischen Königreich etabliert.

Was als "Operation Entscheidender Sturm" begann und mittlerweile den orwellschen Namen "Operation Wiederherstellung der Hoffnung" trägt, dauert nunmehr fast zweieinhalb Jahre und hat den Jemen nicht nur in eine humanitäre Katastrophe gestürzt, sondern auch in Kampfzonen diverser Warlords zersplittert. Das erlaubt es der Terrororganisation Al-Kaida zu expandieren und ermöglicht es dem "Islamischen Staat", wie es ein Beobachter formuliert, "im Jemen sein nächstes Pilotprojekt" zu starten.

Und der Iran? Das Regime in Teheran war im jemenitischen postrevolutionären Chaos weit weniger involviert, als die Herrscher in Riad unterstellt haben. Doch mittlerweile hat der Iran seine Unterstützung für die Huthis offenbar verstärkt.