DIE ZEIT: Professor Butler, das Satireportal The Onion hat neulich ein Video veröffentlicht, in dem Sie eine Rolle spielen, haben Sie es gesehen?

Judith Butler: Nein. Es geht um diesen Trump-Wähler, oder?

ZEIT: Wollen wir es kurz zusammen angucken?

Butler: Bloß nicht! Ich gucke so was nie an, weil ich sonst schlecht schlafe.

ZEIT: Das Video imitiert einen einfachen Arbeiter aus dem Rust-Belt, der für Trump gestimmt hat. Nachdem er aber 800 Seiten feministische Theorie gelesen habe, bereue er seine Wahl. Er zückt eine Brille, liest sehr komplizierte Sätze aus Ihrer bekannten Studie Das Unbehagen der Geschlechter vor und sagt: "Ich mochte Trump, weil ich dachte: Er sagt, wie die Dinge wirklich sind. Aber wissen Sie, wer wirklich die Wahrheit sagt? Judith Butler."

Butler: Meine Freunde haben mir gesagt, es sei ein lustiges Video. Dann ist es das wahrscheinlich auch.

ZEIT: Ist an der Parodie etwas Wahres dran – dass Ihre akademischen Arbeiten abgehoben sind, entfernt von den echten Problemen der Menschen?

Butler: Seit 25 Jahren erhalte ich fast jeden Tag einen Brief von jemandem, der mir schreibt: Ich musste Ihr Buch in der Schule lesen, oder an der Uni, meine Güte, war das schwierig! Aber dann habe ich es noch mal gelesen und noch mal drüber nachgedacht und es irgendwann verstanden. Oder ich höre: Danke, dieses Buch hat mein Leben verändert! Das Unbehagen der Geschlechter verkauft sich heute noch in derselben Auflage wie 1990, als es erschienen ist. Es ist eines der populärsten akademischen Bücher, die es gibt, es hat junge Menschen aller sozialen Schichten erreicht. Mich bewegt das sehr. Und es zeigt auch, dass es ein Missverständnis ist zu glauben, akademische Arbeiten wie meine erreichten nur eine kleine, intellektuelle Elite.

ZEIT: Sie sind eine der berühmtesten Professorinnen der Welt. Haben Sie eine besondere politische Verantwortung?

Butler: Ja. Ich glaube, dass ich das heute besser verstehe als vor zehn Jahren. Ich bin für meine israelkritischen Äußerungen immer wieder angegriffen worden, etwa als ich den Adorno-Preis bekam. Ich war sehr geschockt, wie meine Aussagen interpretiert wurden. Ich versuche seitdem, noch deutlicher und präziser zu sagen, dass ich immer, überall, absolut gegen jede Form von Gewalt und Antisemitismus bin. Ich überlege mittlerweile sehr lange und genau, wie ich mich in den Medien äußere. Eine öffentliche Person zu sein bedeutet aber, missverstanden zu werden. Ich kann nicht alles kontrollieren, was mit meinem Namen verbunden wird. Und: Ich habe ja auch noch jede Menge andere Dinge zu tun! Ich gebe Kafka-Seminare, ich betreue Dissertationen, ich werbe Drittmittel ein.

ZEIT: Ihr Name ist für viele ein Reizwort. Alice Schwarzer hat Ihnen gerade in der ZEIT (Nr. 33/17) vorgeworfen, Ihre Arbeiten zur Geschlechterforschung seien "sektiererisch": Durch Ihre Theorie würden sich Ihre jungen Anhänger intellektuell radikalisieren und seien somit "für ein wissenschaftliches und politisches Denken verloren".

Butler: Anscheinend ist Alice Schwarzer nicht interessiert an einer sorgsamen, wissenschaftlichen Lektüre meiner Arbeit. Was sie über mich schreibt, gleicht einer Karikatur, sie umgeht meine theoretischen Positionen. Aber ich unterstütze die Meinungsfreiheit, und deswegen hat sie natürlich das Recht, eine solche Polemik über mich zu veröffentlichen. Allerdings unterstützt Alice Schwarzer damit einen antiintellektuellen Zeitgeist. Das ist für die feministische Theorie sehr bedauerlich, weil sie eine große politische Wirksamkeit entfaltet hat.

ZEIT: Schwarzer behauptet das Gegenteil, nämlich dass sich die akademische Theorie vom feministischen Kampf entkoppelt habe.

Butler: Nur fürs Protokoll: Ich war immer schon Feministin. Die Gräben zwischen Gender Studies, Queer Studies und feministischer Theorie existieren. Dabei gehören diese Facetten eigentlich zusammen – selbst da, wo sie antagonistisch auftreten. Ich beobachte aber eher eine interessante Dynamik zwischen Aktivistinnen, die Theorie und Praxis neu verbinden, zum Beispiel in Griechenland, Brasilien, Argentinien und auch in Deutschland. Vielleicht will die Emma ja darüber mal berichten.

ZEIT: Seit der Wahl von Donald Trump sind die Universitäten hoch politisiert. Wie erleben Sie die Stimmung in den USA?

Butler: Wir erleben gerade eine breite Front des Antiintellektualismus. Donald Trump ist nicht besonders gebildet. Er redet sehr schludrig und inkohärent, er widerspricht sich laufend. Würde eine Studentin einen Text als Hausarbeit einreichen, der so unzureichend ist, bekäme sie das komplett rot angestrichen zurück. Außerdem nimmt der Rassismus massiv zu.