Auch Rechte träumen ihren Amerikanischen Traum: Dies zeigt nicht nur die Forderung nach einer Liberalisierung des Waffenrechts, wie sie die AfD in ihrem Wahlprogramm erhebt. Auch christliche Fundamentalisten und "Lebensschützer" gewinnen in der neurechten Szene an Einfluss, im Homeschooling erblickt man einen möglichen Ausstieg aus dem staatlichen Schulsystem. Selbst die traditionell antizentralistische Rhetorik des amerikanischen Konservatismus gegen "Washington" findet hierzulande Widerhall. Dieser Bruch mit der traditionellen Staatsfixierung geht meist mit einer Übernahme wirtschaftsliberalen Denkens einher. So vollzieht sich ausgerechnet unter den angeblichen Garanten der "abendländischen Werte" eine Art Amerikanisierung. Nicht zuletzt deshalb ist das rechte Feld zurzeit alles andere als frei von Widersprüchen. In ihm wirken Strömungen von libertär über nationalkonservativ bis hin zu völkisch-national. Unter dem Banner des Konservatismus wird der Staat mal verteufelt, mal als Schutzmacht beschworen.

Angesichts dieser Vielstimmigkeit stellt sich die Frage nach der Essenz dessen, auf das sich hier berufen wird – nach der Essenz des Konservativen.

Konservativ sein bedeute kein "Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt": Dieses durch Ernst Jünger berühmt gewordene Zitat des nationalistischen Publizisten und Jünger-Freundes Albrecht Erich Günther wird in der rechten Publizistik häufig bemüht. Über die Weisheit eines Kalenderspruchs aber kommt es kaum hinaus. Denn die Frage, was "immer" gelte, haben Konservative zu allen Zeiten sehr verschieden beantwortet.

Historisch betrachtet ist es bereits eine recht neue Referenz, wenn AfD-Vize Alexander Gauland den "demokratischen Rechtsstaat" beschwört, wie er es nach den Krawallen während des G20-Gipfels getan hat, als er mehr Polizei zum Schutze der Bürger forderte. Noch im 19. Jahrhundert erfreute sich der Staat mit seinen Organen wie Polizei und Justiz unter Konservativen keiner großen Beliebtheit, da er alte Herrenprivilegien für sich beanspruchte. Ultrarechte wie der spanische Staatsphilosoph Juan Donoso Cortés (1809–1853) warnten daher vor den Gewalten der Demokratie. 1849 hielt er seine berühmte Rede Über die Diktatur. Scharf rechnete er darin mit der Republik ab, die sich alles unterwarf und weder die Grenzen von Haus und Hof noch die Macht des Priesters oder der Familienoberhäupter respektierte. Für jene Gesellschaften, "die den strengen Kult der Wahrheit zugunsten der Götzenanbeterei der Vernunft verließen", sah der Spanier "keinerlei Hoffnung". Die Republik war ihm ein unkontrollierbarer Schrecken, schon ihre Verwaltung schien ihm bedrohlich. Die Polizei der Demokratie, schrieb er, habe "Millionen Arme", "Millionen Augen" und "Millionen Ohren". Durch die Neuerung des Telegrafen könne sie sich "an allen Orten zugleich befinden". Eine immense Gefahr für die traditionellen Vorstände von Häusern, Höfen und Gemeinden. Zur Wahrung der Freiheit gab es für den Redner nur einen Weg: die – katholische – Diktatur.

Cortés zählt mit dem Philosophen Joseph de Maistre (1753–1821), einem entschiedenen Gegner der Französischen Revolution, zu den wichtigsten monarchistischen Autoren seiner Zeit. Er versuchte, eine katholisch-legitimistische Haltung zu restaurieren, welche die Monarchie als einzige rechtmäßige Form der Regierung ansah. Sie sollte den Konservatismus idealiter prägen. Es war das letzte Aufbäumen einer Ordnung, die Freiheiten nur streng im Rahmen des Standes gewährte. Seine Reste finden sich im anarchischen Zug, den manche Konservative bis heute haben.

Viele Konservative kündigten ihre Treue zu Kirche und Krone schon 1918 auf

In der Praxis konservativer Politik konnte ein solcher Fundamentalismus kaum bestehen, zumal die Religion für die folgenden Generationen keine große Rolle mehr spielte. In den Vordergrund drängte die nationale Frage. Thomas Mann schrieb 1918 in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen, "deutsch-konservativ gesinnt sein" bedeute, "Deutschland deutsch erhalten wollen, weiter nichts" – er bezog sich dabei auf den Göttinger Kulturphilosophen und Orientalisten Paul de Lagarde, einen um die Jahrhundertwende viel gelesenen völkischen Vordenker und Antisemiten.

Noch weit von seinem späteren "Vernunftrepublikanismus" entfernt, hatte Thomas Mann während des Ersten Weltkrieges die Frage der Herrschaftslegitimation mit der Vorstellung ethnisch homogener Staatsgebilde verknüpft. Das entsprach ganz dem Zeitgeist. Die Grenzfragen nach dem Weltkrieg orientierten sich schließlich weniger an dynastischen Erbfolgen, wie sie noch de Maistre und Cortés bewegt hatten, sondern an Staats- und Volkstumsfragen. Deren Sprengkraft, das hatten auch Konservative erkannt, ließ sich revolutionär gegen die demokratische Nachkriegsordnung wenden. Tatsächlich schuf der Irredentismus nach den Friedensschlüssen von Versailles – der Versuch etlicher Staaten, sich Gebiete einzuverleiben, die sie als ethnisch zugehörig empfanden – unzählige europäische Krisenherde.