Wenn man auf die Dioptrienzahlen schaut, dann drängt sich der Verdacht geradezu auf: Da kurzsichtige Menschen negative Dioptrien haben und weitsichtige positive, müssten sich dann nicht bei einem Kurzsichtigen, wenn dieser altersweitsichtig wird, der positive und der negative Wert ausgleichen, zumindest teilweise?

Aber leider ist das nicht so. Die Ursache für eine Kurzsichtigkeit (medizinisch: Myopie) ist ein verformter Augapfel. Er ist zu lang, und deshalb werden weit entfernte Objekte nicht scharf auf die Netzhaut projiziert. Das umgekehrte Phänomen ist die Weitsichtigkeit (Hyperopie in der Sprache der Augenärzte), die auch in jungen Jahren auftreten kann. Da ist der Augapfel zu kurz, und die Netzhaut liegt vor dem eigentlichen Punkt, an dem das Bild scharf wäre. Daraus folgt, dass ein Mensch nicht gleichzeitig kurz- und weitsichtig sein kann.

Altersweitsichtigkeit (medizinisch: Presbyopie) wird hingegen von etwas anderem verursacht. Die Linse, durch die das Licht ins Auge tritt, ist weich und wird von Muskeln verformt, um unterschiedlich weit entfernte Objekte scharf abzubilden – je näher der Gegenstand ist, umso stärker muss sie gestaucht werden. Mit dem Alter ist sie aber immer weniger flexibel, und irgendwann sind die Muskeln nicht mehr stark genug, um sie auf ganz nahe Objekte zu fokussieren. Dieser Prozess beginnt schon in der Kindheit, bei den meisten Menschen macht sich der Effekt etwa ab dem 35. Lebensjahr bemerkbar. Die Betroffenen müssen das Buch oder die Zeitung immer weiter von sich weghalten, um lesen zu können. Und in der Ferne sehen sie, anders als das Wort suggeriert, deshalb nicht besser.

Zwei anatomisch völlig unterschiedliche Mechanismen also. Der Mensch kann gleichzeitig kurzsichtig und altersweitsichtig sein. Allenfalls tritt die Wirkung bei Kurzsichtigen ein bisschen später auf, weil sie aufgrund ihres langen Augapfels die Linse für den Nahbereich nicht so stark verformen müssen. Umgekehrt wird aber die Altersweitsichtigkeit niemals eine Kurzsichtigkeit wettmachen. Sie führt nicht dazu, dass man die Brille nicht mehr braucht, sondern im Gegenteil: Man benötigt dann entweder eine zweite oder teure Bifokal- oder Gleitsichtgläser.

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de.

Das "Stimmt’s?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio