Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

Schlibberdibix macht es im Hof der alten Bäuerin, ein Geräusch, das sie ihr Lebtag noch nicht gehört hat. Sie sieht gleich aus dem Fenster und sieht ihn landen, den Engel, sieht ihn mit den Flügeln rudern, wie Schwäne es bei der Landung tun, sieht ihn mit seinen leichten Sandalen über den Hof glitschen. Dann tut sie die Haustüre auf und da steht er vor ihr, ganz in Weiß, bei der Landung etwas grün gesprenkelt.

Er zieht ein gerolltes Papier aus dem Köcher und fragt: 'Sind Sie Frau Erna Fuchs?' Das bejaht die Bäuerin, worauf der Engel ihr verliest, durch welche Guttaten sie sich die Belohnung verdient hat, die zu überbringen er gekommen sei. 'Du hast Mann und Kinder und das liebe Vieh immer gut behandelt, du hast den Armen und Schwachen des Dorfes beigestanden. Du warst zwar selten in der Kirche, aber eine gute Christin. Deshalb bin ich gesandt und hier erschienen, dir einen Herzenswunsch zu erfüllen. Nun also, Erna Fuchs, sprich deinen Wunsch aus, so soll er dir erfüllt werden.'

Die Pflaumenernte steht bevor, Erna hat wenig Zeit, will aber auch nicht unhöflich oder undankbar erscheinen. So stehen sie sich ein Weilchen gegenüber. Schließlich nennt sie einen Wunsch, der ihr beim Gedanken an das Pflaumenmus kam: 'Wenn die Jungs wieder in den Bäumen sind und mir die Ernte verderben, dann will ich sie dort festbannen können, bis sie für immer genug haben vom Rütteln und Schlagen und Ästebrechen.' – 'Dies ist dein Wunsch?' Erna nickt.

'Gut denn, du kannst nun jedermann in den Baum bannen, solang es dir beliebt.' Der Engel seufzt, wendet sich grüßend zum Gehen, nimmt im glitschigen Hof seinen Anlauf und hebt sich mühsam in die Lüfte.

Wenig später steht der schlotternde Tod vor der Tür. Auch er gewährt der Alten einen Wunsch, einen allerletzten. Erna braucht einen Aufschub, denn sie ist mitten im Muskochen. 'Wenn Ihr mir wohl die letzten Früchte aus dem Baum dort holen würdet', spricht sie listig. Bald darauf hockt der Knochenmann im Pflaumenbaum und kann nicht herunter. Erna rührt mit aller Kraft, das Mus darf nicht anbrennen, und wieder klopft es an der Tür. Nun sind es die Lebensmüden der Umgebung, die den Tod vermissen und ihr nach langem Hin und Her widerwillig beim Rühren helfen, dass das Mus fertig werde und der Tod endlich zu ihnen herabsteigen kann.

Beim kräftigen Rühren aber vergessen sie ihre Lebensmüdigkeit, genießen den Duft, den Geschmack des frischen Muses, haben den Tod gesucht und das Leben gefunden."

– "Und? Wie geht’s weiter?", fragt mich der lebensmüde Nachbar. "Keine Ahnung", sag ich, "erzähl du’s mir. Ewig wird der Sensenmann nicht im Baum hocken bleiben, darauf zumindest kann sich jedermann verlassen."