Alina Oehler (26) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Zu Mariä Himmelfahrt werden Klassiker wie dieser angestimmt: "Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige, himmlische Frau". Ich habe es nie über die Lippen gebracht, in diesen Kitsch aus vollstem Herzen einzustimmen. Marienfrömmigkeit ist auch wirklich ein heikles Gebiet. Denn auch wenn uns Frauen immer wieder mit Bezug auf die Mutter Jesu versichert wird, dass unser Geschlecht doch eine ganz besondere Rolle im Heilsplan Gottes einnimmt, blieb bei mir lange ein Unbehagen.

Ich erinnere mich, wie ich als Kind den Marienaltar meiner barocken Heimatkirche zwar bewunderte, die Distanz aber wuchs, als mir Maria mit für mich unverständlichen Adjektiven wie "süß" und "unbefleckt" als unerreichbares Vorbild präsentiert wurde. Aus dem Bewundern wurde ein Verwundern über die Spannung zwischen dem Ideal der makellosen Jungfrau und dem Idol aufopferungsvoller Mütter. Ich konnte mich nicht zwischen diesen Polen verorten.

Doch als praktizierende Katholikin kommt für mich das Glaubensleben natürlich nicht ohne Maria aus, das Rosenkranzgebet, das ich in meiner Kindheit vor ebenjenem Altar lernte, betete ich durch alle Zweifel hindurch gern. Bei allem Befremden der Volksfrömmigkeit gegenüber war ich doch beeindruckt von der mutigen und starken Mutter Jesu, die er am Kreuz zur Mutter aller Gläubigen bestimmte. Bis heute fühle ich mich im Gebet bei ihr aufgehoben. Doch das Unbehagen beim Kitsch blieb lange ein Begleiter.

Erst vor Kurzem verstand ich, warum. Ich sah ein Buch der amerikanischen Bestsellerautorin Clarissa Pinkola Estés, auf dem das berühmte Marienbild von Guadalupe in einem Pop-Art-Verschnitt abgebildet ist. In großen Goldbuchstaben steht dort die Aufforderung: "Untie the Strong Woman" – Entfessle die starke Frau. Der Titel sprang mir ins Auge, und mir war sofort klar: Der Ort, an dem diese starke Frau heute gefesselt ist, ist genau jene Frömmigkeit, die sie auf altertümliche Vokabeln und eine Definition von Weiblichkeit begrenzt, die meiner Generation unverständlich geworden ist. Die Konvention der wenig variablen Lebensentwürfe (Mutter, Fräulein, Ordensfrau) gibt es so längst nicht mehr. Die Kraft, die hinter Maria und ihrem irdischen Frauenleben steht, ist deshalb in Gefahr, hinter den blumigen Worten der Hoffnung auf die "himmlische Frau" oder einer verklärten Mutterschaft zu verschwinden.

Bei aller Lieblichkeit war Marias Leben doch noch viel mehr. In den Hintergrund ist gerade das getreten, was sie für mich heute so stark macht – wie unkonventionell ihr irdisches Leben damals war, mit einem scheinbar unehelichen Kind und einem viel älteren Mann. Wie mutig und stark war Maria, diesen Weg zu gehen. Wie groß ihr Gottvertrauen. Das wurde mir erst deutlich, als ich mich selbst mit ihr beschäftigte.

Dabei sollte es doch eigentlich die Aufgabe der Theologie und Kirche sein, das zu erläutern.