"Wahrheit. Unverzichtbar für die Demokratie. Keine Alternativen, nur Fakten. Bis zu 40 Prozent sparen beim Times-Abo Ihrer Wahl." Diese New York Times-Werbung läuft, seit Trump im Amt ist, und sie sagt alles: nicht nur über den Zustand der liberalen Demokratie, sondern auch über ihre Grenzen.

Auf der einen Seite ist die Kampagne der Zeitung zur Verteidigung faktischer Wahrheit allerdings unverzichtbar für die Demokratie: Sie bekräftigt die Verpflichtung, das am Leben zu erhalten, was von Amerikas Vermögen zu einem rationalen öffentlichen Austausch noch übrig ist. Auf der anderen Seite irritiert der Feuereifer. Es geht dabei nicht nur um die unverfrorene Kommerzialisierung der Wahrheit, die nun für 60 Prozent des Originalpreises verkauft wird. Der gegenwärtige Kreuzzug zur Verteidigung der "Fakten" dürfte viel tiefere Ängste über Wahrheit und Politik unterdrücken, Ängste nicht nur vor Trump, sondern vor den Kräften, die ihn erst möglich gemacht haben.

"Kümmert euch um die Freiheit, dann kümmert sich die Wahrheit um sich selbst." Richard Rorty führte diese Losung gerne im Mund, um das Wesen des Liberalismus auf den Punkt zu bringen. Der Grundgedanke besteht in einer Radikalisierung der neuzeitlichen Idee staatlicher Neutralität: So wie der Staat seinen Bürgern keine Religion aufzwingen soll, soll er auch nicht eine bestimmte Konzeption des Guten befördern. So wie die Politik von der Autorität Gottes befreit wurde, muss sie auch von der Autorität der Wahrheit befreit werden: nicht von der bloß faktischen Wahrheit, sondern von einer Wahrheit mit metaphysischem Geltungsanspruch, die universelle Normen begründet. Während Amerikas liberale Medien für die Fakten kämpfen, hat der amerikanische Liberalismus die Wahrheit in einem viel grundlegenderen Sinne verworfen.

Die gegenwärtige Krise des Liberalismus ist besonders komplex, weil in dem Moment, in dem man die Wahrheit aus der Politik verbannt, schnell der Patriotismus als Fixpunkt öffentlicher Normen an ihre Stelle tritt. Das heißt: Statt sich auf universalistische metaphysische Grundsätze zu stützen – so etwas wie die menschliche Natur –, können Liberale ihre Position nur unter Bezugnahme darauf verteidigen, wer sie sind. Mit Rorty gesprochen, rechtfertigen sie Normen damit, dass sie an ihren "Nationalstolz, ihre eigene Gemeinschaft und Kultur" appellieren. Für solche Liberale lässt sich das, was als politisch akzeptabel gilt oder als unanständig abgelehnt wird, allein mit Verweis auf das "Korpus gemeinsamer Überzeugungen" rechtfertigen, das "den Bezug des Wortes Wir bestimmt".

Seit Jahren prägt Rortys Wir-Liberalismus die Zurückweisung von Amerikas sogenanntem Identitätsliberalismus. Identitätsliberale, so das Argument, hätten die patriotische Wendung "wir Amerikaner" oder "wir, das Volk" als Fixpunkt der Politik aufgegeben. Statt sich für pragmatische Programme zur Befriedigung der Bedürfnisse der amerikanischen Mittelschicht einzusetzen, machen sie es sich in der Position eines distanzierten Beobachters bequem, in hochgestochenen Philosophieseminaren, in denen sie nun die amerikanische Gesellschaft als eine unendliche Feier der Differenz dekonstruieren. In Achieving Our Country (deutsch: Stolz auf unser Land), einem einst äußerst umstrittenen Traktat, das heute als wiederentdecktes Orakel zitiert wird, beschwor Rorty die Linke, den Identitätsliberalismus über Bord zu werfen und sich wieder auf eine patriotische Politik à la Roosevelt zurückzubesinnen: Ansonsten "werde es einen Bruch geben", und die Amerikaner würden "einen starken Mann wählen wollen, der ihnen verspricht, dass unter ihm die feinen Bürokraten, raffinierten Anwälte, überbezahlten Anlageberater und postmodernistischen Professoren nicht mehr das Sagen haben werden". Die meisten Leser, die dieses inzwischen berühmte prophetische Rorty-Zitat getwittert haben, übersahen freilich, dass hier gar nicht Rorty selbst spricht. Er resümiert an dieser Stelle Edward Luttwak.

Mark Lillas Buch The Once and Future Liberal, hervorgegangen aus einem kontroversen Gastkommentar in der New York Times über das Ende des Identitätsliberalismus, nennt Rorty nicht beim Namen. Das ist an sich nicht schlimm; Lilla inszeniert in seiner kurzen Schrift gekonnt ein Gespräch mit einem ganzen Pantheon von Autoren, die er nicht erwähnt und zu denen neben Richard Rorty unter anderem Michel Foucault, Judith Butler, Carl Schmitt, Axel Honneth und Michel Houellebecq gehören. Im Fall Rortys liegen die Dinge aber anders: Jeder, der Rorty und nicht nur Luttwak gelesen hat, wird sich fragen müssen, welchen Fortschritt The Once and Future Liberal gegenüber Achieving Our Country bringt – welche Antworten Lilla denn gegebenenfalls auf den politisch-begrifflichen Schlamassel anbietet, in dem Rortys postidentitätspolitischer Wir-Liberalismus seit den 1990er Jahren steckt.