DIE ZEIT: Herr Schranner, was haben alle Geiselnehmer gemeinsam?

Matthias Schranner: Die meisten sind einfach überfordert.

ZEIT: Ein intelligenter Geiselnehmer ist Ihnen niemals untergekommen?

Schranner: Nie. Wer intelligent ist, nimmt keine Geiseln.

ZEIT: Weil man sich vorher ausrechnen könnte, in eine ziemlich ausweglose Verhandlungssituation zu kommen?

Schranner: Genau. Bei der Polizei spricht man von Krisentätern, das sind eigentlich ganz normale Menschen, nicht die Schlauesten, aber keine Verrückten oder Psychopathen. Sie sind in einer Lebenskrise, vielleicht haben sie den Job verloren, und gleichzeitig ist die Beziehung in die Brüche gegangen. Jedenfalls haben sie das Gefühl, ihr Leben nicht mehr im Griff zu haben. Und dann ticken sie aus. Der typische Krisentäter hat nie gelernt, mit Konflikten umzugehen. Wenn er als Kind nicht gemacht hat, was der Vater wollte, wurde er vom Vater verprügelt. Und jetzt verprügelt er eben seine Frau, wenn die nicht macht, was er will.

ZEIT: Die meisten Geiselnahmen, zu denen Sie gerufen wurden, waren Beziehungstaten?

Schranner: Ja. Die klassische Geiselnahme, so wie es sich Ihre Leser vielleicht vorstellen, also dass da jemand in eine Bank reingeht und wild um sich schießt, so was gibt’s nicht allzu oft. Die meisten Geiselnahmen habe ich in Privatwohnungen erlebt. Ich erinnere mich an einen Fall, wir wurden zu einem Familienstreit gerufen, und als wir im Treppenhaus sind und zur Wohnung hochlaufen, schießt plötzlich einer auf uns. Wir laufen weiter hoch, der Typ flüchtet in seine Wohnung, schnappt sich seine Frau und schreit: Raus mit euch, oder ich schieße! Oder mein erster Fall: Da haben mich die Kollegen der Schutzpolizei gerufen, ich bin in die Wohnung reingekommen, und auf der Couch saß eine tränenüberströmte Frau und neben ihr ein Mann mit Waffe. Der war total blau und fuchtelte die ganze Zeit mit dem Ding rum.

ZEIT: Und dann begannen Sie zu verhandeln.

Schranner: Erst einmal geht es darum, diese Leute zu stabilisieren. Die sind ja völlig durch, mit den Nerven am Ende. Und dann beginnt man zu reden. Das Ziel ist ja, den Druck der Entscheidung rauszunehmen.

ZEIT: Inwiefern?

Schranner: So ein Geiselnehmer ist nicht wahnsinnig schlau, nun sitzt er in der Falle, fühlt sich von der Polizei in die Enge getrieben, die ihm schwer bewaffnet gegenübersteht. Und er spürt einen enormen Druck: Soll ich aufgeben? Soll ich schießen? Soll ich mich selbst erschießen? Also sagt man zum Beispiel: Sie brauchen jetzt gar nichts zu entscheiden, wir reden jetzt, und in fünf Minuten entscheiden Sie sich.

ZEIT: Wichtig ist also, dem Geiselnehmer einen Ausweg zu zeigen?

Schranner: Wenn jemand so angespannt ist, in so einer Ausnahmesituation, der nimmt ja nichts mehr wahr, ist nur noch durchgedreht. Wenn man es schafft, die Leute erst einmal zu beruhigen, dann merken sie, dass es totaler Quatsch ist, was sie da gerade machen. Und dann geht’s darum, wie sie aus der Situation wieder rauskommen. Das gilt für Geiselnehmer übrigens genauso wie für Selbstmörder. Wenn ich zu einem Selbstmörder gerufen wurde, der irgendwo oben auf einem Dach stand und runterspringen wollte, dann ging es immer darum, ihm eine Möglichkeit zu geben, wieder runterzukommen.

ZEIT: Also lebendig runterzukommen.

Schranner: Ja, klar. Wenn einer so lange oben auf dem Dach steht und nicht gesprungen ist, dann will der gar nicht raus aus dem Leben. Der will nur wieder raus aus der Situation. Also spricht man mit ihm über die Situation, lässt ihn erzählen und erzählen und erzählen, und irgendwann sagt man, okay, jetzt lass uns mal überlegen, wie wir die Situation ändern können. Ich habe immer eine Feuerwehruniform mitgenommen, wenn ich zu einem Selbstmörder aufs Dach gestiegen bin. Unten auf der Straße standen ja die Feuerwehrleute mit dem aufgespannten Sprungtuch. Dann habe ich gesagt, wir verkleiden Sie als Feuerwehrmann, dann gehen wir zusammen runter, und wenn wir auf der Straße sind, erkennt Sie keiner. So kommen Sie gesichtswahrend runter. Hat funktioniert.

ZEIT: Wie wird man Verhandlungsexperte für Geiselnahmen? Was können Sie, das normale Psychologen nicht können?

Schranner: Ich war Polizist bei der Drogenfahndung, ich war viel auf der Straße unterwegs, habe gelernt, wie Zuhälter und Drogendealer reden, worauf sie achten, was ihnen wichtig ist. Ich spreche die Sprache dieser Leute. Und wenn du mal weißt, dass Ehre sehr wichtig ist in diesen Kreisen und dass der Handschlag noch etwas gilt, dann kommst du ganz anders ran an diese Leute. Die Polizeipsychologen, die man davor immer zu Geiselnahmen gerufen hatte, fanden keinen Zugang zu den Geiselnehmern. So ein Diplom-Psychologe kommt ja aus einer ganz anderen sozialen Schicht, er hat studiert, hat Tausende Statistiken im Kopf, und plötzlich steht er einem Menschen gegenüber, der nicht so schlau ist. Das hat nicht funktioniert. Also hat man gesagt, man nimmt lieber Polizisten und schult sie psychologisch, als dass man Psychologen nimmt, die man in der Polizei schult.