Anschließend wurde Ochsenreiter Chefredakteur der Zeitschrift Zuerst!; in seinen Artikeln beklagt er den Moralverfall des Westens und wettert gegen das "totalitäre Meinungsklima" in Deutschland. Im September 2014 steht sein Name im Programm einer antisemitischen Konferenz in Teheran; sein Thema: "Der Einfluss der Israel-Lobby in Deutschland".

Immer wieder tritt er auf Veranstaltungen und Konferenzen nationalistischer Thinktanks in Russland in Erscheinung. Und: Ochsenreiter stellt Wahlbeobachtermissionen zusammen.

In der E-Mail eines AfD-Abgeordneten vom Oktober 2015 wird Ochsenreiter einem interessierten Parteikollegen als Organisator einer bevorstehenden Wahlbeobachtermission genannt. Für die Vorbereitung solle der Abgeordnete den Scan seines Reisepasses an Ochsenreiter schicken, "bitte möglichst heute noch". Die E-Mail wirkt, als sei Ochsenreiter nicht der Chefredakteur eines Magazins, sondern ein Reiseveranstalter.

Wahlbeobachter

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An einem sonnigen Nachmittag im Juli erklärt Manuel Ochsenreiter vor einem Café in Berlin-Mitte, wie sein Engagement in Osteuropa aussieht. Zwei bis drei Missionen organisiere er im Jahr, sagt er. Vertreter der jeweiligen Region oder von NGOs träten an ihn heran und fragten, ob er ihnen helfen könne, eine Delegation zusammenzustellen. Geld verdiene er damit nicht.

Natürlich fragten die Veranstalter der Wahlen jemanden mit einem Netzwerk, "das ihnen eher zugetan ist", sagt Ochsenreiter. Jemanden wie ihn. Das Ziel der Beobachtungsreisen wird im Gespräch offenkundig: Es geht nicht darum, freie Wahlen zu garantieren, sondern darum, befreundete Politiker einzufliegen.

Dafür werden dann AfD-Abgeordnete wie Arppe, Komning und Rudy gesucht. Die Gastgeber zahlen Flüge und luxuriöse Hotels und bekommen im Gegenzug das Glaubwürdigkeitssiegel deutscher Mandatsträger.

Ochsenreiter ist Teil eines internationalen Netzwerkes, das diese Wahlbeobachtungsreisen nach Osteuropa organisiert. Eine zentrale Figur in diesem Geschäft mit der Glaubwürdigkeit ist der Pole Mateusz Piskorski, ein Mann mit einer schillernden politischen Karriere, die ihn bis ins polnische Parlament führte. Seit Jahren organisiert er Wahlbeobachtungsmissionen westeuropäischer Rechtspopulisten nach Osteuropa. Ein Insider berichtete der polnischen Wochenzeitung Newsweek Polska, eine Kreml-nahe russische NGO, Cis-Emo, habe Piskorskis Organisation dafür einhundert- bis zweihunderttausend Euro pro Mission zur Verfügung gestellt.

Im April 2016 gründen Ochsenreiter und Piskorski in Berlin zusammen das Deutsche Zentrum für Eurasische Studien. Hier sollen die deutschsprachigen Delegationen für die Wahlbeobachtungen zusammengestellt werden. Vordenker der eurasischen Idee ist Alexander Dugin. Der russische Politologe ist nicht nur einer der wichtigsten Theoretiker der Neuen Rechten, er schuf auch den intellektuellen Überbau für die jüngsten Expansionsbestrebungen von Putin. Dugins Einfluss soll bis in den Kreml reichen. In seinen Veröffentlichungen beschwört er die kulturelle Einheit von Lissabon bis Wladiwostok und geißelt den vermeintlich verweichlichten Westen, hetzt gegen Schwule und gegen die USA. Mateusz Piskorski hält seit Jahren Kontakt zu ihm, Ochsenreiter nennt Dugin einen "langjährigen väterlichen Freund".

Wenige Tage nach der Gründung des Vereins wird Piskorski in Warschau festgenommen. Der Vorwurf: Er sei ein russischer Agent. Es geht um angebliche Treffen mit russischen Geheimdienstmitarbeitern und um Geldzahlungen aus Russland. Eine NGO Piskorskis habe über eine Tarnfirma mindestens 21.000 Euro angeblich russischen Schwarzgelds erhalten, berichtete das osteuropäische Investigativnetzwerk OCCRP, das auf Korruption und organisiertes Verbrechen spezialisiert ist. Deutsche Nachrichtendienste halten Piskorski nach Recherchen der ZEIT für einen wichtigen Akteur bei Russlands Versuchen, seine Nachbarstaaten zu destabilisieren: Ihnen liegen Hinweise vor, dass eine von Piskorskis Wahlbeobachtermissionen auf der Krim "durch russische Nachrichtendienste gesteuert oder zumindest maßgeblich beeinflusst wurde". An der Reise im März 2014 nahm auch Manuel Ochsenreiter teil, er selbst sagt, er sei als Journalist dort gewesen.

Wahlbeobachtungen außerhalb der OSZE sind nicht grundsätzlich verboten. Es ist auch nicht illegal, die Unabhängigkeit einzelner Regionen zu fordern. Doch die Wahlbeobachtungen von Piskorski, Ochsenreiter und den AfD-Politikern sind mehr als bloß die Unterstützung von Bestrebungen nach Selbstbestimmung: Sie sind ein Instrument der russischen Außenpolitik und dienen dazu, Moskaus Weltsicht zu verbreiten.

Neben Ochsenreiter, dem Vorsitzenden, und Piskorski, dem Stellvertreter, gibt es noch ein weiteres prominentes Mitglied des Eurasischen Zentrums: Markus Frohnmaier, einer von zwei Chefs der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD, und Sprecher der AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Alice Weidel. Sein Name steht im Gründungsprotokoll des Vereins.

Frohnmaier ist ein Mann aus dem engsten Führungskreis einer Partei, die Aussicht auf Sitze im kommenden Bundestag hat. Und derselbe Frohnmaier arbeitet gemeinsam mit einem Rechten und einem angeblichen russischen Spion an der Legitimation völkerrechtswidriger Wahlen in Osteuropa.

Gerne hätte man erfahren, wie die Spitzenkandidatin Weidel zu den Aktivitäten ihres Sprechers steht. Doch auf Anfrage wollte sie sich dazu nicht äußern.

Wenn am 24. September der deutsche Bundestag gewählt wird, zieht die AfD vielleicht mit Dutzenden neuen Abgeordneten ein, unter ihnen wohl auch Frohnmaier. Manuel Ochsenreiter plant bereits die nächsten Reisen nach Osteuropa. "Missionen mit Bundestagsabgeordneten wären natürlich gut", sagt er. Gut für deren Glaubwürdigkeit. Und gut für Russland.