Eigentlich wollte Petra Gössi in diesem Sommer ein paar Dinge erledigen, die liegen geblieben waren. Sie wollte eine mehrtägige Bergtour machen und hatte einen Sprachaufenthalt gebucht, um ihr Französisch zu verbessern. Am 14. Juni aber gab FDP-Bundesrat Didier Burkhalter überraschend seinen Rücktritt bekannt. Und so steht Petra Gössi in diesen Sommerwochen vor ihrer größten Bewährungsprobe als FDP-Parteipräsidentin.

Am 20. September wählt die Bundesversammlung eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für Burkhalter. Nur vier Tage später, am 24. September, stimmen die Schweizer über die Rentenreform ab. Die FDP kämpft gegen die Vorlage und übernimmt eine führende Rolle in der Kampagne.

Es ist ein Donnerstag Ende Juli, Gössi kommt ein bisschen zu spät in die Turf Bar des Hotels Ascot in Zürich-Enge. Hier verbringt sie gerne ihre Mittagspausen. Sie bestellt einen Rindfleischsalat und sagt: "Ginge es nach den Journalisten, wäre mein ganzer Tag verplant." Die Wirtschaftsjuristin hat ihr Büro im Quartier, sie arbeitet bei der Baryon AG, einer Unternehmens- und Rechtsberatung. Nur bleibt ihr kaum mehr Zeit dafür, seit sie im Frühjahr 2016 das FDP-Präsidium übernommen hat.

Gössis Bilanz als Parteipräsidentin ist durchzogen. Zwar gewinnen die Freisinnigen in den Kantonen wieder Sitze dazu, dafür hat sie im Februar die wichtige Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform III verloren. Und auch der Auftakt in den Abstimmungskampf über die Rentenreform misslingt ihr. Dem Blick sagte Gössi im Juni: "Rentner im Ausland generieren in der Schweiz keine Wertschöpfung. Sie zahlen weder Steuern, noch konsumieren sie hier." Es war ein Argument gegen die zusätzlichen 70 Franken, die es künftig für alle Neurentner geben soll. Die Auslandschweizer waren empört. Der Blick zog nach: "Der AHV-Streit eskaliert."

Heute lacht Petra Gössi darüber. Inhaltlich bleibt sie bei ihrer Aussage, formulieren würde sie es anders. So, wie das eigentlich ihre Art ist: vorsichtig, vage. Ganz anders als ihr Vorgänger Philipp Müller, der sein Gipser-Image bei jeder Gelegenheit verbal zementierte.

Gössis Lebenslauf liest sich wie eine Empfehlung für eine freisinnige Karriere: Studium der Rechtswissenschaften an der Uni Bern, Praktika bei Gerichten und in Kanzleien, eine Assistenzstelle an der Uni Zürich, ein Nachdiplomstudium in Economic Crime Investigation. Seit 2008 ist sie Partnerin in der Unternehmens- und Steuerberatung. Nur die Anwaltsprüfung, die hat Gössi nicht bestanden. Aber was für sie einst eine persönliche Niederlage war, macht die 41-Jährige aus Küssnacht am Rigi heute nahbar.

Zur NZZ am Sonntag sagte Gössi: "Ich fahre einen Audi A3, wohne in einem Minergiehaus und komme meistens mit dem Zug zur Arbeit." Kein schlechtes Abbild einer durchschnittlichen Schweizer Liberalen.

Auch Gössis politischer Aufstieg verlief glatt: Kantonsrätin in Schwyz, Fraktionspräsidentin, später Nationalrätin, jetzt Parteipräsidentin. "Eigentlich der undankbarste Job, den es in der Politik gibt", sagt sie über ihr aktuelles Amt. Die anderen wüssten es immer besser. Trotzdem betont sie auffällig häufig, wie viel Freude ihr das Präsidium mache. Als müsste sie sich selbst vergewissern.

Eingestiegen in die Politik ist Gössi mit 27. Man habe sie angefragt, ob sie auf die Kantonsratsliste wolle, es brauche noch eine Frau. War sie eine Quotenfrau? "Nein", sagt Gössi, "in der Politik geht es nicht um Quoten, es geht darum, Sitze zu erhalten." Also um Machterhalt? "Nein", sagt Gössi, "es geht um Gestaltungsmöglichkeiten." Das Schwierige an einer liberalen Politik sei, dass man Eigenverantwortung nicht mit Gesetzen verordnen könne.

Gössi redet gerne in den Phrasen des Freisinns. Auf die Frage aber, wo in der Schweiz der Staat konkret zu groß sei, hat sie beim Lunch gerade keine Antwort bereit. Sie muss nachdenken. Antworten will sie nachliefern. Später.