Auch so sehen Nazis aus in Amerika: sauber rasiertes Gesicht, hippe Frisur, Hochschulabschluss. So wie Richard Spencer. Der 39-Jährige war einer der Organisatoren des Aufmarschs in Charlottesville, der im Mord an einer Gegendemonstrantin eskalierte. Spencer versteht sich als ideologische Führerfigur der Bewegung. Im Jahr 2008 gab er ihr den Namen "Alternative Right" oder Alt-Right, weil das besser in den Zeitgeist passt. Den ersten Fackelmarsch in Charlottesville organisierte er bereits im Mai. Damals nahm kaum jemand Notiz davon. Das war diesmal anders.

Spencer setzt bewusst auf öffentliche Inszenierungen. Der Kampf für das Reiterstandbild des Südstaatengenerals Robert E. Lee, der im Amerikanischen Bürgerkrieg für den Süden, für die Sklaverei und die Unabhängigkeit vom Norden kämpfte, eignet sich dafür hervorragend. Spencer stilisierte die drohende Demontage des Denkmals in Charlottesville zum Angriff auf das weiße Amerika.

Spencer ist ein akademischer Rassist. Er liebt die Musik von Richard Wagner, seine Masterarbeit hat er über Adorno und die Frankfurter Schule geschrieben, auf die er sich beruft, um den von ihm empfundenen linksliberalen "Verblendungszusammenhang" der Political Correctness zu durchbrechen. Spencer zitiert gerne Carl Schmitts Argumente gegen die Demokratie. Wenn er vor seinen Anhängern steht, so wie vor einigen Monaten auf einer Veranstaltung in Washington, ruft er allerdings auch mal "Sieg Heil!". Die erregte Freude, die sich dann über das Gesicht des Augenarztsohnes aus Dallas legt, wenn der Ruf donnernd und mit vereinzelten Hitlergrüßen erwidert wird, lässt erahnen, was Spencer antreibt: Es ist die saturierte Langeweile des Etablierten.

"Auf gewisse Weise ist mein Leben eine Reaktion auf meine Kindheit in Dallas", hat Spencer einmal gesagt. "In Dallas geht es nur um Geld: Wer hat das größte Haus, das größte Auto, die größten falschen Brüste? Dort hat niemand einen Sinn für echte Größe oder Hochkultur." Spencer treibt die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen. Er hat es im Faschismus gefunden.

Vor einem Jahr konnte man ihn in einem Moment beobachten, in dem er zu spüren begann, wie sich Erfolg anfühlt. Wie es ist, wenn die eigene Überzeugung kein Randphänomen mehr ist, sondern sich in Richtung Mitte bewegt. Es war auf einer Party für Trump, die im Abendprogramm des republikanischen Parteitages in Cleveland stattfand. Spencer stand dort in einem gut geschnittenen Sommeranzug, dunkles Hemd, schwarze Krawatte – und jeder suchte das Gespräch mit ihm. Die Party war von der ultrakonservativen Nachrichtenseite Breitbart organisiert worden, Gastredner war der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders, der vor einer Auslöschung der westlichen Kultur durch Muslime warnte. Für Spencer war das eine unzulässige Verkürzung, denn ihm zufolge geht die Gefahr nicht nur von Muslimen aus, sondern von allen Nicht-Weißen, einschließlich der Juden. Als Faschist will Spencer dennoch nicht bezeichnet werden. Schließlich denke er nicht an Vernichtungslager. Trumps Einwanderungspolitik und Stephen Bannons nationalistisches Programm hingegen, das seien erste gute Schritte.

Wie Spencer sich den weiteren Weg für Amerika vorstellt, das hat er am Tag des Aufmarschs in Charlottesville in einem Internet-Manifest umrissen. In The Charlottesville Statement nennt er in 20 Punkten die Werte und Ziele der Alt-Right-Bewegung. Er definiert darin, wer zur weißen Rasse (und damit nach Amerika) gehört (Europäer, Arier). Globalisierung sei abzulehnen, da sie Kulturnationen in ein "Nichts" und "Nirgendwo" verwandelt habe. Frauen gehörten an den Herd, und höhere Bildung solle nur einer "kognitiven Elite" zugängig gemacht werden. Der Rest solle wieder lernen, mit den Händen zu arbeiten.

Spencers eigene Ausbildung begann in Dallas auf einem privaten Elitegymnasium für Jungs. Nach dem Schulabschluss spielt er zuerst ein bisschen Theater, studierte Musik und Englische Literatur. Doch erst in den Artikeln des Journalisten und weißen Nationalisten Jared Taylor fand Spencer die außergewöhnlichen Gedanken, die er suchte. Spencer verglich die Lektüre von Taylors Texten mit einer Szene in dem Film Matrix, in der die Hauptfigur eine rote Pille schluckt, die es ihr erlaubt, die Wahrheit hinter der vermeintlichen Wirklichkeit zu sehen. Taylor verkündet, dass die Schwarzen einen geringeren IQ als die Weißen hätten und der Multikulturalismus die kulturellen Leistungen der Weißen relativiere. Der Liberalismus, lernte Spencer, sei nur eine Scheinwelt, um die harte Wahrheit der Genetik zu verwischen.

Später las Spencer Nietzsche und fand, in Amerika drohe, ganz wie im Deutschland der Jahrhundertwende, das liberale Mitleid mit den Schwachen die "Herrenmoral" der Starken zu überdecken und den Verfall zu beschleunigen. Der Wille zum Sieg und zur Dominanz wurde für Spencer zum Kern dessen, was die europäische Rasse ausmache. Nach den Ausschreitungen in Charlottesville kündigte er auf YouTube an: "Ich werde zurückkehren. Und ich werde gewinnen, weil ich den Willen zum Sieg habe."

Spencer hat am Chiemsee Deutsch gelernt, an der Bayerischen Staatsoper als Aushilfskraft gearbeitet und eine Russin geheiratet, die den russischen Rechtsextremen Alexander Dugin ins Englische übersetzt. Die vergangenen zehn Jahre hat Spencer damit verbracht, das Fenster für das, was öffentlich akzeptabel und sagbar ist, nach rechts zu verschieben. So wie die Homo-Ehe zum Mainstream geworden ist, so will er den Gedanken des weißen Ethno-Staates zum Mainstream machen. Aber erst seit Trumps Wahlkampf hat Spencer sein Publikum vergrößern können.

Die ersten Reaktionen des Präsidenten auf Charlottesville schienen ebenfalls in Spencers Sinn zu sein. Doch dann haben viele Republikaner in Washington Trumps Zögern, sich klar von den Ultrarechten zu distanzieren, lautstark verurteilt. Manche fordern nun den Rücktritt von Stephen Bannon, Trumps Strategieberater. Über das Wochenende soll er Trump wiederholt davor gewarnt haben, sich zu kritisch über die Alt-Right-Bewegung zu äußern. Das war vielen zu viel. Sogar der mächtige Chef von Fox News, Rupert Murdoch, verlangt nun, Bannon zu feuern.

Bis Redaktionsschluss am Dienstagabend war Bannon noch im Amt. Und Donald Trump distanzierte sich auf einer Pressekonferenz am Montag allenfalls halbherzig und gewunden von Rassisten und White Supremacists.

Richard Spencer irritierte das ohnehin nicht sonderlich. "Das war doch nicht ernst zu nehmen", sagte er vor Reportern in seiner Wohnung in Alexandria. "Und ich glaube, dass auch der Präsident das nicht ernst nimmt." Was Trump gesagt habe, sei unwichtiger Politikersprech gewesen, um die Liberalen zu beruhigen.