Wenigstens zwei Regeln gibt es noch in Europa. Die eine lautet: Im Straßenverkehr fährt man als Autofahrer rechts; ausgenommen in Großbritannien, das ja eigentlich auch nicht mehr zu Europa gehört. Die andere: Auf einer Rolltreppe steht man rechts, damit eiligere Nutzer links laufen können. Diese Regel befolgen erstaunlicherweise selbst die Briten. Immer mehr Hamburger dagegen stellen sich in der U- und S-Bahn links auf die Rolltreppe und tun, als bekämen sie nicht mit, dass sich hinter ihnen eilige Entscheidungsträger und Notärzte im Sondereinsatz stauen. Angst vor Empörung oder einem Rammstoß scheinen sie nicht zu haben, allerhöchstens rücken sie mit ungehaltener Miene ein paar Zentimeter zur Seite – oder sagen mit blanker Unverschämtheit: "Bin gleich weg, dauert nur drei Minuten!" Die Zahl der Hintermänner, die sich beschweren oder drängeln, um noch in ihren Zug oder eine Bäckerei springen zu können, geht gegen null. Stattdessen hungern sie, verpassen ihre Züge und erfüllen U- und S-Bahnhöfe mit ihrem Frust.

Ziehen die Linkssteher daraus ihren persönlichen Kick? Nein, es ist eher Gedankenlosigkeit, hat man bei der Hochbahn beobachtet: Linkssteher unterhalten sich nämlich meist – mit jemandem, der rechts neben ihnen steht. Davon abgesehen, sagt Sprecher Christoph Kreienbaum, stünden die Stehenden zumindest aus ihrer eigenen Sicht gar nicht, sondern bewegten sich (mit der Treppe). Es sei aber auch möglich, dass einige die "Rechts stehen, links gehen"-Regel gar nicht kennen würden.

Was tut die Hochbahn gegen so viel Ignoranz? Gar nichts. Die "Links gehen"-Regel gibt es nämlich nicht. Mehr noch: Tests in London haben ergeben, dass ein Drittel mehr Menschen befördert werden kann, wenn auf Rolltreppen alle, auch die auf der linken Spur, stehen. Wie viel mehr man befördern könnte, wenn auf beiden Spuren gelaufen würde, wurde nicht erforscht.