Ein Ökonom verglich das Schweizer Rentensystem einmal mit einem Cappuccino: Die AHV ist der Kaffee, also die Substanz, die berufliche Vorsorge der Schaum und die dritte Säule das süße Schokoladepulver obendrauf. Das Drei-Säulen-Modell, das war die Botschaft des Wirtschaftswissenschaftlers, ist die perfekte Mischung aus staatlicher und privater Vorsorge.

Seit einigen Jahren aber schmeckt der Renten-Cappuccino nicht mehr. Der AHV-Kaffee ist bitter; der Kasse drohen monströse Schulden. Der Schoko-Staub ist nur noch ein Hauch; die dritte Säule leidet unter den Niedrigst- und Negativzinsen. Vor allem aber: Der Milchschaum ist ranzig geworden. Die berufliche Vorsorge, das Pensionskassen-System funktioniert nicht mehr wie vorgesehen.

Das Erstaunliche daran: Außer ein paar Experten beunruhigt das anscheinend niemanden. Im Gegenteil.

Anstatt die AHV zu stärken, wie das die Rentenreform vorsieht, über welche die Schweizer am 24. September abstimmen, wollen FDP und SVP die zweite Säule ausbauen.

Anstatt sich zu fragen, wie ein enkeltaugliches Rentensystem konstruiert werden müsste, verstricken sich Linke und Rechte im anrollenden Abstimmungskampf lieber in unergiebige Ideologieduelle.

Die einen mögen die AHV, weil in ihr Geld umverteilt wird, von oben nach unten. Die anderen setzen auf die Pensionskassen, weil dort jeder nur das erhält, was er selber einbezahlt hat. Und wie es aussieht, könnte die Vorlage an diesen Fundi-Haltungen tatsächlich scheitern.

"Die zweite Säule hat ein Problem, kaum jemand versteht sie richtig." Das sagt Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarkttheorie an der Uni Basel. Er selbst, der seit vielen Jahren über die berufliche Vorsorge forscht, merke das jeweils, wenn er seinen ausländischen Ökonomen-Kollegen das Schweizer Rentensystem zu erklären versuche. "Ich ertappe mich dabei, wie ich zu allen meinen Ausführungen noch drei Fußnoten nachreichen will."

Dass die zweite Säule derart komplex ist, hat zunächst einen einfachen Grund – ihre Geschichte.

Die Pensionskassen waren die ersten Vorsorgewerke der Schweiz. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versicherte der Staat seine Polizisten, Lehrer und Beamten gegen die Risiken des Alters. Später entdeckten auch private Firmen, allen voran die Banken und Versicherungen oder Großbetriebe aus der Maschinenindustrie: Pensionskassen sind mehr als nur ein Alterssparvehikel. Mit Renten lassen sich Mitarbeiter locken und halten.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach und die Arbeiterschaft immer aufmüpfiger wurde, erkannte der Bundesrat die beruhigende Kraft einer guten Pension. Also erließ er den Unternehmen die Steuern auf die Beiträge, die sie in die Wohlfahrtseinrichtungen zahlten. Das führte zu einem regelrechten PK-Boom; der zusätzlich befeuert wurde, als in den 1920er Jahren die Versicherungen in den Markt einstiegen.

Auf einen Schlag 25 Prozent weniger Rente – und niemand protestiert

Ende der 1970er Jahre gab es in der Schweiz über 17.000 Kassen, heute sind es noch immer 1.800. "Es verdienen viele Leute an dieser Komplexität, niemand will ein einfaches, transparentes System", sagt Ökonom Zimmermann. Ob Banken und Fonds, Assetmanager oder Berater, sie alle profitieren.

Dazu kommt: die Pensionskassen sind ein Machtmittel. Wer seine Mitarbeiter für das Alter versichert, der hat sie in der Hand. Auch deshalb dauerte es bis 1948 und brauchte es mehrere Anläufe, bis die Schweiz eine staatliche Alters- und Hinterbliebenen Versicherung (AHV) einführte. Und weil die Gewerkschaften sich in den Nachkriegsjahren eine Mitsprache in den Kassenmanagements aushandelten, halfen sie 1972 tatkräftig mit, eine Volksinitiative der kommunistischen Partei der Arbeit zu bekämpfen, die eine einheitliche Volkspension forderte. Stattdessen wurde an jenem Sonntag im Dezember das Drei-Säulen-Prinzip in der Bundesverfassung verankert.