Wie Erna das wohl gefunden hätte, ein Craft-Beer im Silbersack? Bernd, grauer Vollbart, graue Wollmütze, zuckt mit den Schultern. Er kommt seit 20 Jahren hierher. Bei Erna Thomsen, der Gründerin der Bar Silbersack in der Silbersackstraße auf St. Pauli, habe er "so manches Bier getrunken", sagt Bernd. Seit gut fünf Jahren ist Erna tot, heute stehen junge Leute wie Max hinter der Theke: Tattoos, Nasenpiercing, Dutt. Schließlich sagt Bernd: "Erna hätte die Jungs unterstützt." Er trinkt sein Bier aus, dann schiebt er hinterher: "Mach mir mal noch ’n Flens, bidde."

Der Silbersack auf St. Pauli ist das, was man selbst unter den eingesessenen Kiez-Kneipen eine Institution nennt. So sehr, dass nicht ganz klar ist, ob die Straße nach der Kneipe oder die Kneipe nach der Straße benannt ist. Seit dem Krieg war hier jedenfalls nie etwas anderes als diese Bar, erzählt Bernd: "Das ist Erstbezug." 1945 sei das Holz geschlagen worden, aus dem der Innenraum gebaut ist, 1948 seien die Wände hochgezogen worden, 1949 dann die Eröffnung. "Erna hat für das Holz nicht mehr als ein paar Gläser Honig gezahlt", sagt Bernd. Der Laden war früher voller Seemänner, Dutzende Angestellte huschten zwischen den Tischen umher, in der Ecke spielte eine Band. Fiete, der Gitarrist, kommt heute noch, allerdings nur zum Biertrinken.

Nach Ernas Tod war der Anspruch, möglichst viel von früher zu bewahren. Die Fußballschals hinter der Theke, die Karten mit den Sprüchen drauf ("Stramm-Tisch"), all das hängt noch immer wie bei Erna. Jetzt gibt es hier den Hipster unter den Bieren, das Craft-Beer? Passt das?

Max, der Barkeeper, findet: klar. "Das ist trotzdem ein traditionelles Bier", sagt er. "Fofftein" heißt es, das ist Platt und bedeutet auf dem Bau so viel wie: 15 Minuten Pause. Die Silbersack-Crew hat es selbst brauen lassen in der Kehrwieder Kreativbrauerei in Harburg. Gemeinsam mit Stammgästen haben sie am Geschmack gefeilt. Herausgekommen ist ein unfiltriertes Blonde Ale, ein Kellerbier, leicht fruchtig, süßer als das gewohnte Pils, aber dennoch herb. Man kann, versichert Max, eine Menge davon trinken. Bald sollen überall im Laden Bierdeckel liegen, selbst hergestellt: "Fofftein" steht darauf und darunter "Schluss mit Plörre".

Die "Plörre" ist dafür teilweise aus dem Angebot geflogen. Weiterhin gibt es Ratsherrn, Jever, Astra, Flensburger, Holsten und ein bitteres, frisch gehopftes Alt namens "das Uerige", das unbedingt einen Versuch wert ist. Nicht mehr im Kühlregal steht Beck’s. Max sagt: "Wir zeigen unseren Gästen aber gern, wo sie auf die Autobahn nach Bremen kommen, wenn das einer unbedingt trinken möchte."

Zum Silbersack, Silbersackstraße 9, St. Pauli. Tel. 040/31 45 89. Geöffnet montags bis sonntags von 15 bis 3 Uhr. Eine Flasche Fofftein kostet 3,20 Euro, eine Flasche Astra 2,20 Euro