Frage: Herr Rachel, Sie haben im Bundestag gegen die Ehe für alle gestimmt. Im Rat der EKD stehen Sie mit dieser Ansicht ziemlich alleine da.

Thomas Rachel: In der Tat habe ich in der Sache eine andere Meinung, als sie der Rat der EKD öffentlich vertritt. Das habe ich auch deutlich gemacht. Für mich ist wichtig, dass aus einer Ehe auch Kinder erwachsen können. Sie ist seit Jahrtausenden eine christliche Tradition und eine auf Lebenszeit angelegte Verbindung von Mann und Frau. Das ist im Übrigen eine Auffassung, die ich nicht ganz alleine vertrete.

Frage: Wer außer Ihnen vertritt diese Position?

Rachel: Ich bitte um Verständnis, dass ich mich zu Meinungen innerhalb des Rates nicht öffentlich äußern werde.

Frage: Selbst der Vertreter der Evangelikalen, Michael Diener, enthält sich bei diesem Thema.

Rachel: Im Rat sind konservative, pietistische, liberal-progressive Stimmen vertreten. Das spiegelt den Pluralismus des Protestantismus wider, und das ist gut so. Schließlich ist vor allem diese Meinungsvielfalt traditionell auch eines der Kennzeichen der evangelischen Kirche. Das ist nicht immer einfach, aber es zeichnet uns aus. Entscheidend ist, wie wir mit unterschiedlichen Meinungen umgehen.

Frage: Ist bei all dem Pluralismus noch Platz für konservative Meinungen?

Rachel: Dass die frommen und bürgerlichen Gemeindeglieder nicht heimatlos werden, wird vielleicht eine der größten Herausforderungen der evangelischen Kirche in den nächsten Jahren. Dazu möchte ich einen Beitrag leisten. In den Gemeinden vor Ort stellen diese Gläubigen oft die Mehrheit dar.

Frage: Wenn die Bürgerlich-Konservativen an der Basis in der Mehrheit sind, warum setzt sich dann im Rat und in der Synode die liberale Position durch?

Rachel: Die konservativen Stimmen spielen in den Gemeinden gewiss nicht selten eine größere Rolle als in manchen überregionalen Gremien. Die Wirklichkeit vor Ort ist viel komplexer, als es oft den Anschein hat. Wir sind also gut beraten, das volle Meinungsspektrum auch in den Synoden wirken zu lassen. Es besteht eine Diskrepanz zwischen der Basis und den Gremien. Eine behutsame und verantwortliche Kirchenleitung wird Unterschiede stets wahrnehmen und alle zu Wort kommen lassen. Die Kirche darf sich bei allem Ringen um die Akzeptanz unterschiedlicher Positionen aber auch nicht in Gruppen und Lager aufspalten. Sonst wird sie ihrem Auftrag nicht gerecht.

Frage: Was brauchen Konservative, um sich heimisch zu fühlen?

Rachel: Ein Beispiel: Wenn ein evangelischer Pfarrer sich dazu entscheidet, homosexuelle Paare nicht zu trauen, dann sollte das als seine persönliche Gewissensentscheidung geachtet werden. Toleriert das Kirchenrecht eine solche Entscheidung nicht, drohen Gemeinden gespalten zu werden. Ebenso müssen sich diese bürgerlichen Gemeindeglieder und Pfarrer aber eben auch verstärkt einbringen. Da appelliere ich bewusst: Engagiert euch in unserer Kirche, damit auch eure Art, den Glauben zu leben oder die Bibel in den Mittelpunkt zu stellen, in der evangelischen Kirche Gewicht erhält!

Frage: Petra Bahr, Landesbischöfin im Sprengel Hannover, und Stephan Schaede, Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum, forderten in einem Gastbeitrag in Christ&Welt, die konservative Position zur Ehe für alle ernst zu nehmen. Sie wurden dafür heftig kritisiert. Hat Ihre Kirche das Streiten verlernt?

Rachel: Sollte es tatsächlich so gewesen sein, wäre das ein Alarmsignal. So etwas stimmt mich traurig. Warum sehen wir verschiedene Meinungen nicht als Reichtum an? Diejenigen, die sich in unseren Gemeinden aus einem frommen oder konservativen Weltbild heraus engagieren und kümmern, sind doch wertvoll für unsere Kirche. Sie dürfen auf keinen Fall in eine Position der Rechtfertigung gedrängt werden.

Frage: Fühlen auch Sie sich in eine solche Rechtfertigungsposition gedrängt?

Rachel: Als Politiker bin ich gewohnt, andere von meiner Position zu überzeugen. In der Synode und im Rat mag meine Auffassung nicht immer mehrheitsfähig sein. Ich stehe damit aber für viele andere Gläubige ein – nicht zu vergessen unsere ökumenischen Partner in der katholischen und orthodoxen Kirche, die zumeist weit konservativer argumentieren als ich. Ihre Sichtweise spielt in der Debatte keine ausreichende Rolle.

Frage: Die CDU, eine christliche Partei, hat mehrheitlich mit Nein gestimmt – wie Sie. In der Synode, ebenfalls christlich, gehören Sie damit allerdings der Minderheit an. Wie passt das zusammen?