Würde sich Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann an seinen eigenen Worten messen, hätte er am Dienstag dieser Woche nicht nur die Pleite von Air Berlin verkünden, sondern auch als ihr Chef zurücktreten müssen. 2013, als er selbst noch an der Spitze des Konkurrenten Germanwings stand, hatte er nämlich selbstbewusst verkündet: "Es gibt zu viele Fluggesellschaften, ... die aus Prestigegründen künstlich am Leben gehalten werden, obwohl sie insolvent sind." Nun aber passiert genau das. Air Berlin wird künstlich am Leben gehalten. Und Winkelmann hat dafür die Weichen gestellt.

Das finale Drama beginnt am Mittwoch vergangener Woche. Air Berlins Investor Etihad, eine arabische Fluggesellschaft, hatte den Deutschen 350 Millionen Euro Kredite zugesagt, doch zunächst nur 250 Millionen ausgezahlt. 50 weitere Millionen sollen eigentlich noch an jenem Mittwoch fließen. Das Geld kommt nicht. Schlimmer noch, am Freitag teilt Etihad dem Management mit, dass es Air Berlin künftig nicht mehr unterstützen werde. Das ist das Aus – eigentlich. Doch Winkelmann interveniert. Am Wochenende setzt er alles in Bewegung, um Air Berlin, nun ja, künstlich am Leben zu halten. Der Manager überzeugt Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) und am Ende auch das Kanzleramt, Air Berlin 150 Millionen Euro zu leihen, über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Sie rettet die Fluglinie damit bis in den Herbst – und ganz zufällig über die Bundestagswahl hinweg – vor der völligen Pleite. Ein sogenanntes Grounding wird abgewendet: Die Flugzeuge müssen nicht am Boden bleiben. Hunderttausende Deutsche können wie geplant in den Urlaub fliegen – und vor allem: wieder zurück nach Hause. "Da hat die Regierung sensationell schnell und über alle Parteigrenzen hinweg gehandelt", sagt Winkelmann am Dienstag in einem Gespräch mit der ZEIT.

Er hat schon Schlimmeres erlebt. Er war Chef von Germanwings, als deren A320 abstürzte

Aber will der 57-Jährige, der erst im Februar sein Amt antrat, Air Berlin überhaupt vor der Pleite bewahren? Beobachter waren früh skeptisch. Adrian von Dörnberg zum Beispiel, einst selbst Lufthansa-Manager und heute Professor für Tourismuswirtschaft: "Wenn irgendjemand glaubt, Winkelmann will Air Berlin retten, dann glaubt er wohl auch, Zitronenfalter falten Zitronen." Gewerkschafter sprechen von einer "bewusst vor der Bundestagswahl herbeigeführten Insolvenz, die nun gute Möglichkeiten bringt, Beschäftigte und Zulieferer zu erpressen". Winkelmann selbst wies solche Vorwürfe bereits im Juni zurück und bezeichnete sie in der ZEIT (Nr. 24/17) als "blanken Hohn".

Ein Indiz für kühle Berechnung findet sich aber zumindest im Geschäftsbericht. Darin heißt es, dass für die Zahlung von Winkelmanns Gehalt eine "unwiderrufliche Bankgarantie in Höhe von bis zu 4.500.000 EUR zugunsten von Herrn Winkelmann ausgestellt" wurde. Soll heißen: Er kriegt sein Geld auf jeden Fall.

Genährt werden die Spekulationen ansonsten vor allem durch Winkelmanns Werdegang. Er ist ein Lufthanseat durch und durch. Fast zwanzig Jahre diente er der Fluggesellschaft als Manager. Nun könnte Lufthansa sich Air Berlin einverleiben, am wahrscheinlichsten als Teil der Tochter Eurowings. Die hatte schon im Frühjahr 38 Flugzeuge samt Besatzung von Air Berlin übernommen und war auch am Dienstag die Erste, die sich zu Wort meldete: "Lufthansa befindet sich mit Air Berlin bereits in Verhandlungen über den Erwerb von Teilen der Air Berlin Gruppe und bietet damit auch die Möglichkeit zur Einstellung von Personal. Lufthansa beabsichtigt, diese Verhandlungen zu einem schnellen und positiven Ergebnis zu führen."

Gewerkschafter vermuten hingegen, dass die Lufthansa gar kein Interesse an Mitarbeitern habe, sondern nur günstig Flugzeuge mieten wolle. Winkelmann sagt: "Ich glaube, trotz Insolvenz mein Ziel zu erreichen und einen Großteil der Jobs zu sichern. Das kriegen wir hin." Und: "Die Gespräche mit möglichen Partnern sind sehr weit gediehen." Er meint vermutlich: vor allem Gespräche mit der Lufthansa.

Winkelmann als Agent seines früheren Arbeitgebers, der Vorwurf klingt plausibel. Aber er wird dem Mann wohl nicht gerecht. Schon Winkelmanns Biografie zeigt, dass er weniger eindimensional denkt, als es die Business-Schulen in den USA, die Lufthansa-Manager oft durchlaufen, vermitteln.

Geboren in Hagen, arbeitet Winkelmann nach dem Abitur auf einer Bananenplantage in einem israelischen Kibbuz, er studiert Germanistik und Geschichte auf Lehramt in Münster und West-Berlin, absolviert aber auch ein Zusatzstudium in Touristik. In den Semesterferien jobbt er als Lehrer in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Am Ende verdient er sein Geld aber nicht als Lehrer, sondern beim Reiseveranstalter DER, an dem damals auch die Lufthansa beteiligt war. Dorthin wechselte er 1998 und zog wenig später als Vertriebsmanager nach Nordamerika. In einen der am härtesten umkämpften Märkte der Welt. Da habe er fürs Leben gelernt, zum Beispiel, dass man lieber weniger versprechen sollte und hinterher umso mehr liefern, erzählt Winkelmann im Juni. Aufgeräumt wirkte er da und eher nicht wie jemand, der nach Berlin entsandt wurde, um kopflos eine Fluggesellschaft abzuwickeln.