DIE ZEIT: Die Bayreuther Festspiele sind Pilgerstätte, oberster Musentempel, Hort der Kunstrevolution und des Größenwahns. Was hat Sie als bildende Künstlerin an diesem Ort, dieser Institution interessiert?

Anne Imhof: Die Festspiele haben mich vor allem im Blick auf Deutschland gereizt. Wagner in Bayreuth zu sehen, das war wie ein Gespenst, das ich lange kannte, ohne es jemals kennengelernt zu haben.

ZEIT: Jetzt sind Sie ihm begegnet.

Imhof: Ja, genau.

ZEIT: Sie arbeiten selbst mit Musik, auch Ihre Arbeit Faust in Venedig wird von Klängen getragen. Verstehen Sie sich als Komponistin?

Imhof: So weit würde ich nicht gehen. Ich bin bildende Künstlerin. Ich mache Bilder, arbeite im Atelier, zeichne und male. Von Zeit zu Zeit schreibe ich Musik, Songs, die dann auch in meinen Arbeiten vorkommen. Zum Beispiel habe ich vor Kurzem ein Stück auf Schallplatte veröffentlicht: Brand New Gods.

ZEIT: Musik kann manipulieren. Keiner wusste das so genau wie Richard Wagner. Kann Musik auch an etwas schuldig werden?

Imhof: Manchmal denke ich das. Und dann denke ich wieder: Die Musik ist die Musik. Das Werk ist da, ohne den Künstler. Aber so einfach ist das nicht zu trennen.

ZEIT: Wagner träumte vom Gesamtkunstwerk, vom Verschmelzen aller Bühnengewerke. War diese Utopie für Sie in Bayreuth spürbar?

Imhof: Die Musik ist wahnsinnig schön, und ich habe einfach nur alles angehört. Die Inszenierungen hingegen sind häufig auf eine gewisse Art sehr einfach. Sie muten wie Rituale an, die die Menschen brauchen, um sich zu vergewissern, dass alles so ist, wie es schon immer gewesen zu sein scheint. Deshalb hält man Jahrzehnte an ihnen fest, ganz gleich, was draußen passiert.

ZEIT: Hat die Musik Macht?

Imhof: Sie wirft ihre Schatten. Vom Festspielhaus bis nach Berlin-Spandau zum Beispiel.

ZEIT: Wo am Wochenende Neonazis den 30. Todestag von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß feiern wollten.

Imhof: ... mit Musik von Wagner. Auch in Bayreuth wehten Fahnen, die Bundespolizei war da und hat Handtaschen durchsucht. Das lehrt einen das Fürchten, genauso wie der tosende Applaus und die Hingerissenheit des Publikums und dessen dünkelnde Treue. Jedoch, Oper ist großartig. Die Leute werden sich wundern, wie die Opern der Zukunft aussehen werden.

ZEIT: Das klingt sehr nach Richard Wagner!

Imhof: Das ist tatsächlich das, was ich denke und fühle: raus aus der Oper. Auf die Straße. Aber diesmal auf die andere Seite. Ich zumindest bleibe bei der Malerei.