Das vielleicht wichtigste Teil des Puzzles, das die Ermittler nun versuchen zusammenzufügen, liegt unter Trümmern verschüttet. Nur wenige Stunden bevor Younes Abouyaaqub am vergangenen Donnerstag einen Lieferwagen auf die Flaniermeile La Rambla in Barcelona steuerte und dort über ein Dutzend Menschen tötete, waren in dem Dorf Alcanar, 200 Kilometer weiter südlich, mehr als 120 Gasflaschen in einer heruntergekommenen Finca explodiert. Von dem Gebäude blieb nur Schutt, darin mehrere zerfetzte Leichen. Sicher ist: Einer der Toten war Abdelbaki Es Satty. Vermutet wird: Der Imam könnte der Mastermind der spanischen Terrorzelle gewesen sein.

Der Rest ist eine mühsame Spurensuche. Denn von allen Rätseln, die die Attentäter den Ermittlern aufgegeben haben, ist der Imam das größte. Zwei Jahre lang hat Es Satty in Ripoll gelebt, einem schmucken Ort mit ockerfarbenen Häuschen und pittoresken Gässchen nahe der spanisch-französischen Grenze. Dort hat er der muslimischen Gemeinde als Imam gedient, offensichtlich ohne allzu viele Spuren zu hinterlassen. "Diskret" und "unauffällig" sei der 45-Jährige gewesen, sagen die Gemeindemitglieder nun, eher "ein Einzelgänger". Dennoch scheint es Es Satty gelungen zu sein, eine Gruppe junger Muslime um sich zu scharen und sie für den Dschihad zu gewinnen. Alle elf Mitglieder, die die Polizei neben Es Satty der Terrorzelle zurechnet, stammen aus Ripoll und Umgebung. Unter ihnen sind vier Brüderpaare.

Ripoll zählt 11.000 Einwohner, fast 700 von ihnen sind Muslime. Wie kann es sein, dass junge Männer sich in einer solchen Stadt weitgehend unbemerkt radikalisieren? Und wie kann es sein, dass ein Imam dort eine Terrorzelle aufbaut, obwohl die spanische Polizei Moscheen engmaschig überwacht und auch in Ripoll gelegentlich an die Tür klopfte? Die Ratlosigkeit, die sich fast immer nach Terroranschlägen einstellt, wenn man die Motive und den Werdegang der Täter erforscht – sie ist nach der Attacke in Barcelona besonders groß.

Und sie wird auch nicht kleiner, wenn die Fachleute nun darauf hinweisen, dass Spanien für die Terrorgruppen Al-Kaida und "Islamischer Staat" (IS) seit Langem als bevorzugtes Anschlagsziel galt. Zum einen, weil Spanien die Anti-IS-Koalition unterstützt, noch mehr jedoch wegen des symbolischen Werts: Mindestens all jene Teile des Landes, die im Mittelalter unter muslimischer Herrschaft standen, sollen wiedererobert werden.

Bereits 2004, nach den Attentaten vom 11. September 2001, hatten islamistische Terroristen in Vorortzügen von Madrid 192 Menschen durch Rucksackbomben getötet; bis heute hat kein anderer islamistischer Anschlag in Europa so viele Todesopfer gefordert. In einem Propagandavideo des IS aus dem vergangenen September hieß es zudem: "Dies ist die Generation, die Damaskus, Bagdad, Jerusalem, Mekka, Medina, Dabiq, Rom und Al-Andalus erobern wird." Al-Andalus ist der arabische Name für den Süden Spaniens.

Trotzdem fällt es nach allem, was bislang bekannt ist, schwer, ein scharfes Profil der Attentäter zu zeichnen. Vier Mitglieder der mutmaßlichen Terrorzelle haben überlebt und wurden festgenommen; am Dienstag wurden sie zum ersten Mal vernommen, dabei haben sie den Imam als Drahtzieher beschuldigt. Außer Es Satty war keiner der mutmaßlichen Attentäter der Polizei bislang bekannt, keiner von ihnen hatte sich in Ripoll besonders auffällig verhalten. Die jungen Männer schienen gut integriert. Maria Dolors Vialta i Fossas, im Bürgermeisteramt von Ripoll verantwortlich für die öffentliche Sicherheit und das Zusammenleben, sagt: "Ganz normale Jungs." Sie hatten keine Vorstrafen wie einige der Brüsseler Attentäter, keine Probleme in der Schule und auch keine Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung wie etwa der Berliner Attentäter Anis Amri.

In Katalonien, wo der Anschlag stattfand, gelten etwa ein Drittel der Moscheen als salafistisch beeinflusst, sagt der spanische Terrorforscher Javier Argomaniz von der renommierten St.-Andrews-Universität in Schottland. "Das bedeutet aber nicht, dass alle, die dort beten, gewalttätig sind." Analysiere man die Fälle von Islamisten, die in den vergangenen Jahren in Spanien festgenommen wurden, zeige sich, dass die meisten von ihnen außerhalb der Moscheen, etwa durch das Internet, radikalisiert worden seien. Überhaupt falle es immer schwerer, typische Profile von islamistischen Terroristen zu zeichnen. Manche haben für den IS in Syrien gekämpft, andere sind als Flüchtlinge nach Europa gekommen (wie der Attentäter, der im finnischen Turku am vergangenen Freitag zwei Frauen erstach). Wieder andere sind in Europa aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nur eines sei auffällig und passe zum Trend, sagt Argomaniz: Die Mitglieder der Zelle von Ripoll sind besonders jung. Drei der mutmaßlichen Attentäter waren nicht einmal volljährig.