Lisa Kaltenegger schließt die Augen und beginnt, sich um die eigene Achse zu drehen. Wie eine Eiskunstläuferin, die ihre Pirouette beschleunigt, zieht sie die ausgestreckten Arme an den Bauch heran. Die langen Haare schwingen noch um ihr Gesicht, da blickt sie schon auf und sieht in die gut hundert Paar Augen vor sich: Der Körpereinsatz hat funktioniert, das Publikum die Gravitationswirkung von Sternen auf ihre Planeten ein wenig besser verstanden. Das Seminar, das die junge Astrophysikerin beim Forum Alpbach hält, ist völlig überfüllt, und das liegt an der Frage, auf die sie eine Antwort geben soll: Ist da draußen noch wer?

Leben auf fremden Planeten zu suchen schien stets eine Angelegenheit für Esoteriker, Ufologen, Spinner. Doch das hat sich geändert. Der erste Planet außerhalb unseres Sonnensystems, der um einen Stern kreist, wurde erst 1992 nachgewiesen, jetzt sind bereits Tausende Exoplaneten bekannt. Vor vier Jahren war Lisa Kaltenegger an der Entdeckung der ersten beiden Exoplaneten entscheidend beteiligt, die aus Gestein sind und zudem in einer habitablen Zone liegen. Das heißt: Sie sind weder zu kalt noch zu heiß, sodass es flüssiges Wasser geben kann. Somit ist auch biologisches Leben möglich, wie man es auf der Erde kennt.

Und jetzt, davon ist Lisa Kaltenegger überzeugt, steht der große Durchbruch in der Frage nach extraterrestrischem Leben bevor: "Wir müssen nur mehr zwei, drei Jahre warten, dann haben wir Gewissheit."

Kaltenegger ist erst 40 und gehört zu den renommiertesten Astrophysikern der Welt. Begonnen hat die Salzburgerin bei der Europäischen Weltraumorganisation Esa, mit 27 Jahren wurde sie von Harvard abgeworben, dann übernahm sie ein Forschungsteam am Max-Planck-Institut in Heidelberg. Vor drei Jahren bot ihr die New Yorker Cornell University ein eigenes großes Forschungsinstitut an, das sie seitdem leitet.

Kurz nach der Eröffnung trat Ann Druyan, die Witwe des legendären Astrophysikers Carl Sagan, an Kaltenegger mit einem weiteren Angebot heran: Die Ausnahmeforscherin dürfe den Namen Sagan für ihr Institut verwenden, das nun Carl Sagan Institute: Pale Blue Dot and Beyond heißt. Damit ist Kaltenegger ihrem großen Idol Carl Sagan noch ein Stück näher gekommen, dessen 1994 erschienenes Buch Pale Blue Dot als Gründungsmanifest jener Wissenschaftsdisziplin gilt, die sich mit Leben in der Weite des Universums beschäftigt.

Kaltenegger, die seit 2009 auch für die Nasa forscht, hat ein interdisziplinäres Team zusammengestellt, sogar Sozialwissenschaftler zählen dazu. Außerirdisches Leben ist der heilige Gral der Astronomie. Wird er gefunden, so beeinflusst das auch Religion, Politik und vor allem das menschliche Selbstverständnis. "Wir sind die Generation, die das komplette Weltbild zum Ruckeln bringen kann", sagt Kaltenegger. Damit hängt ihre zweite Mission zusammen: Die Menschen sollen ihre Forschung verstehen.

Vor der Suche im All suchte Kaltenegger erst einmal sich selbst – mit Methode

In wenigen Tagen wird Kaltenegger zurück nach New York fliegen, mit schwerem Gepäck. Sie hat neue Kinderbücher für ihre dreijährige Tochter gekauft, "und zwar stapelweise", sagt sie, die blauen Augen unter dem Pony leuchten. Man kann sich die Physikerin gut vorstellen beim Erzählen von Gutenachtgeschichten. Kaltenegger ist sehr groß und ungezwungen, lacht fast immer und kann über vieles staunen und schwärmen. Ihre Stimme, die einer Hörbucherzählerin, unterstützt sie mit Gesten, um komplexe Wissenschaft zu veranschaulichen. Etwa die Dimensionen im All. "Wenn unser Sonnensystem so groß wie ein Keks ist, ist die Erde ein kaum erkennbarer Krümel", erklärt sie. "Aber der nächstgelegene Exoplanet liegt zwei Fußballfelder weit entfernt."

Die Faszination für den Kosmos haben sie und ihr Mann, ein portugiesischer Weltraumingenieur, ihrer Tochter im Namen mitgegeben: Lara Sky. "Abends hinaufzuschauen ist für mich so wie für andere, die ihr Lieblingsgemälde betrachten", sagt Kaltenegger. "Je mehr man darüber lernt und zu verstehen versucht, desto schöner wird es. Das Bild bekommt Tiefe."

Im Alltag schaut Kaltenegger nicht himmelwärts, sondern auf Computeralgorithmen und Rechenmodelle. "Eine total kreative Arbeit", findet sie. "Wir malen mit der Mathematik. Sie ist die Sprache, mit der wir die Geheimnisse des Universums erkennen können." Dabei geht es nicht nur um Außerirdische: Mithilfe anderer Sterne und Planeten will sie verstehen, wie sich die Lebensbedingungen auf der Erde einst ändern werden.