Berlin, das gute alte Sommersprossengesicht, ist kaum wiederzuerkennen in diesem Film, so dunkel geschminkt. Der Agententhriller Atomic Blonde, die Verfilmung der Graphic Novel The Coldest City, spielt 1989 in der geteilten Stadt. Man sieht aber nicht, dass hier demnächst die Mauer fällt und von blühenden Landschaften die Rede sein wird. Es herrscht apokalyptische Stimmung, ewiges Halbdunkel, die Stadt besteht nur aus Trümmern der Geschichte, verlassenen Parkhäusern und protestierenden Massen. Die Auflösung der ideologischen Blöcke wird als gefährlicher Übergang inszeniert, als riskantes Machtvakuum. Die Weltmächte versuchen hektisch, ihre Geheimagenten da herauszuholen, wobei sie den Überblick verloren zu haben scheinen, wer überhaupt da ist und wer Gegenspionage treibt.

Gut, dass der KGB eine Liste aller Spione in Berlin erstellt hat, nur ist die eben auch weggekommen. Und so wird die Agentin Lorraine Broughton vom MI6 losgeschickt, sie ausfindig zu machen. Charlize Theron, die schon in Mad Max: Fury Road (2015) Erfahrung mit Endzeit-Action gesammelt hat, spielt diese Spionin als weibliches Pendant zum eisgekühlten Sex-Appeal von James Bond. Mehrmals sieht man sie in eine Badewanne voller Eiswürfel tauchen. Außerdem schläft sie mit einer französischen Agentin und erledigt jede Menge Feinde im Nahkampf, mit bloßen Händen oder mit Bratpfannen, Kühlschranktüren und Haustürschlüsseln als Hilfsmitteln. Knochen splittern, Blut spritzt – die Nachkriegszeit ordentlich zu Ende zu bringen ist offensichtlich brutalstes Handwerk.

Immer trägt Charlize Theron jedoch vornehme Mäntel, Feinstrumpfhosen und Sonnenbrillen, die fabelhaft ins Neunziger-Jahre-Stil-Revival von heute passen, im Berlin zur Zeit der Handlung aber eher merkwürdig aufgefallen wären. Die Leute dort sind aber mit sich selbst beschäftigt und keiner ruft, womit man als Zuschauer jederzeit rechnet, über die Straße: "Sie da, im schneeweißen Regenmantel, undercover stell ick ma anders vor." Die Filmmusik spielt dazu Major Tom von Peter Schilling, Der Kommissar von Falco, etwas David Bowie, Depeche Mode, New Order und, klar, 99 Luftballons von Nena.

Kurz, der Film versucht mit aller Gewalt ein Kultfilm zu werden. Aber so gerne man sich darauf einlassen würde, nichts stimmt: Das Weißblond der Agentin sieht nicht nach Postpunk aus, sondern wie Haarspray-Werbung, die lesbische Sexszene muss den Fantasien eines männlichen Kitschpornografen entsprungen sein. Til Schweiger tritt als Kontaktmann auf, der aus konstruierten Gründen für eine Schweizer Uhrenmarke arbeitet, wodurch es zum zweitpeinlichsten Product-Placement des Films kommt – neben der Vorliebe der MI6-Agentin für Stolichnaya auf Eis.

Im heutigen Berlin fragt man sich ja oft, was die internationale Crowd in der Stadt für eine Vorstellung von der Geschichte hat, die sich unter ihrem Pflaster ablagert. In Atomic Blonde sieht man eine Blockbuster-förmige Version dieser Vorstellung. So etwas sehr Verfremdetes, sehr Abstraktes könnte seine eigene Schönheit haben, wäre die Absicht dahinter nicht so spürbar. Ein besonders abgezockter Doppelagent (im Strickpollunder: James McAvoy) stirbt zum Beispiel mit den Worten: "Ich liebe dieses Scheiß-Berlin!" Und klingt dabei so überartikuliert und falsch wie die ganze Agentengeschichte.