Hanna Jacobs, 28, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund: "Über den Tod schweigt man nicht." Die Plakate, die in den Straßen von Köln hängen, erinnern an eine Traueranzeige. Und sie erinnern den Betrachter gleich an zwei unangenehme Umstände: dass jeder Mensch unweigerlich seinem Tod entgegenlebt und dass wir das in der Regel zu verdrängen versuchen. Wenn bei Gesprächen mit Freunden der Tod gestreift wird, heißt es schnell "Da wollen wir jetzt gar nicht drüber reden!", als würde man den Tod heraufbeschwören, indem man über ihn spricht.

Hinter der Plakatkampagne steckt das Erzbistum Köln. Es gefällt mir, dass die Kirche einmal nicht mittels einer Aktion für soziale Gerechtigkeit oder gegen Advent-schon-im-September auf sich aufmerksam macht, sondern mit einer ihrer Kernkompetenzen, dem Tod. Da trauen uns die Leute tatsächlich etwas zu. 68 Prozent aller evangelischen Kirchenmitglieder halten laut der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung Tod und Sterben für religiöse Fragen. Werden wir dem gerecht? Wir sollten diese Fragen selber anstoßen und uns ihnen zugleich stellen, damit die Beerdigung eines Angehörigen nicht die erste Auseinandersetzung mit dem Tod ist.

Ich vermute, es ist oft eher die Angst vor dem eigenen Tod als der Verlust der 93-jährigen Verstorbenen, die die Freundin des angeheirateten Cousins dritten Grades bei der Urnenbeisetzung tief verzweifelt weinen lässt. Gerade junge Menschen, die neben anderen jungen Menschen wohnen, bekommen in ihrem Alltag wenig vom Tod mit – außer es handelt sich um einen Angehörigen, dann prallt er ins eigene Leben. Seniorinnen auf dem Dorf hingegen gehen mitunter zweimal die Woche auf eine Beerdigung, der Tod gehört für sie zum Leben dazu. Wie unerwartet und heftig der Tod, über den wir mehr geschwiegen als geredet haben, uns trifft, merkt man daran, wie die Bestatter ihn um der Angehörigen willen abzufedern versuchen. Nicht nur Kränze, Kerzenleuchter und Blumengestecke schmücken die Kapelle, sondern der Boden ist übersät mit Tüchern aus Samt, Teelichten, schimmernden Glassteinchen und Rosenblüten. Sie nehmen dem Tod letztlich nichts von seiner Rohheit, ins Grab kann man nur ein paar Blumen mitnehmen.

Bei meinen ersten Beerdigungen als Vikarin hätte ich am liebsten dem Bestatter geholfen, um nicht nutzlos neben dem Sarg zu stehen. Bis ich begriff, dass meine Aufgabe bei der ganzen Sache ist, den Tod auszuhalten. Es ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, die bedrückende Tatsache zu ertragen, dass es das Leben nicht ohne den Tod gibt. Gleichzeitig müssen wir uns gegenseitig daran erinnern, dass der Tod eines Einzelnen für uns das Leben bedeutet. In der Kirche gehören Tod und Leben zusammen. Egal wie viele Menschen wir in einer Woche zu Grabe getragen haben: Sonntags wird Auferstehung gefeiert.