Im Ring stehen sie sich gegenüber, einmal am Tag, häufig zweimal, tänzeln voreinander, lauern aufeinander, beobachten einander, fordern einander: Deckung, rechte Gerade, linker Haken. Nur dass der Haken nicht trifft, dass die Faust kurz vor der Nase runterfällt, sie nicht durchziehen, sie nicht zuschlagen.

"Robert eine reinhauen? Geht nicht", sagt Artem.

"Nee", sagt Robert, "das wäre ja, als würde ich mich selber schlagen."

Artem und Robert sind Brüder. Artem 27, Robert 28. Artem bei der Bundeswehr, Dienstgrad Stabsunteroffizier. Robert bei der Bundeswehr, Dienstgrad Hauptgefreiter. Artem Halbweltergewicht bis 64 Kilogramm, Robert Leichtgewicht bis 60 Kilogramm.

Artem und Robert sind Brüder, die sich das gleiche Motiv als Tattoo stechen ließen, linke Schulter, nah am Herzen, der gekreuzigte Jesus. Die gerade gemeinsam ihre Ernährung umgestellt haben auf vegan, weil es dem Körper besser tut als das viele Fleisch. Die ein gemeinsames Logo entwerfen ließen, in knalligem Orange die Buchstaben HB: Harutyunyan Brothers, Harutyunyan heißen sie mit Nachnamen.

Artem und Robert sind Brüder, die bislang alles im Leben gemeinsam gemacht haben: in Armenien geboren, nach Hamburg als Kleinkinder gekommen, im Asylbewerberheim aufgewachsen, zur Schule und zum Boxtraining gegangen, zu Wettkämpfen gefahren. Bis zu den Olympischen Spielen im vergangenen Sommer in Rio. Und bis zur Weltmeisterschaft in Hamburg, die an diesem Freitag in der Alsterdorfer Sporthalle beginnt. Für beides hat sich nur Artem, der Jüngere, qualifiziert. Robert, der Ältere, muss eine neue Rolle finden.

"Ist nicht einfach für mich", sagt Robert, "erst recht nicht, weil es bei beiden Turnieren nicht an meiner sportlichen Leistung lag. Aber als klar war, dass ich nicht antreten konnte, wusste ich, was ich zu tun hatte."

Artem war eins, Robert zwei, als ihre Eltern aus Armenien flohen. Es war Anfang der Neunziger, die Sowjetunion war gerade zusammengebrochen, Spannungen herrschten in dem Land. Sie kamen nach Rahlstedt, alle vier lebten in einem Zimmer, die meiste Zeit zusammen mit einem Cousin, später kamen noch die Großeltern dazu.

"Für uns waren so viele Menschen in einem Raum normal", sagt Robert, "wir dachten darüber nicht nach, wir waren Kinder, wollten spielen."

"Wir waren die ganze Zeit draußen auf dem Spielplatz mit Rutsche und Sandkasten", sagt Artem, "und haben darauf hingefiebert, dass der Eismann kommt. Der hatte Softeis, Schoko, Vanille, Erdbeer, und obendrauf gab es eine Schokoglasur. Wenn der wieder fuhr, haben wir uns hinten drangehangen."