Trotz mehrerer islamistischer Anschläge, trotz aller Debatten um den Islam und seine Zugehörigkeit zu Deutschland, trotz der zunehmenden Entfremdung von der Türkei sagen 82 Prozent der Befragten, "Menschen anderer Religionen" gehörten zum "Wir" dazu. Ebenso "Homosexuelle" (80 Prozent), "Menschen mit einem ganz anderen Lebensstil" (73 Prozent), "Ausländer/Migranten" (72 Prozent). Und sogar jene Gruppe von Menschen, die die kollektive Psyche heftig bewegt hat, wird von fast drei Vierteln zum "Wir" gezählt: 71 Prozent der Befragten sagen, "Flüchtlinge" gehörten zum "Wir" dazu.

Es sind Zahlen, die eher aus den Hochzeiten der "Willkommenskultur" 2015 zu stammen scheinen als aus dem Spätsommer 2017. Viel inklusiver kann eine Gesellschaft kaum sein.

Dieser Befund deckt sich mit anderen Aussagen, die infas erhoben hat. So waren zwei Drittel der Befragten, 66 Prozent, der Auffassung, es sei "wichtig, sozial Benachteiligten und gesellschaftlichen Randgruppen zu helfen" (Grafik 4). 52 Prozent stimmten der These zu, "ohne Freihandel und internationale Zusammenarbeit gibt es keinen Wohlstand und Frieden" – eine Position, die von Rechtspopulisten in aller Welt heftig bestritten wird. Und ebenso viele der Interviewten, 52 Prozent, sagten, "man sollte immer auch Meinungen tolerieren, denen man eigentlich nicht zustimmen kann".

© DIE ZEIT

Menno Smid, Geschäftsführer von infas, sieht in diesen Befunden eine hohe "Zustimmung zu Aussagen des kosmopolitischen Liberalismus". Genauer: Nach Einschätzung des Sozialwissenschaftlers weisen rund 67 Prozent der Deutschen "eine Affinität" zum kosmopolitischen Liberalismus auf. Dabei handelt es sich allerdings eher um gesellschaftspolitische Grundeinstellungen, weniger um eine Nähe zu ökonomischen Vorstellungen des klassischen Liberalismus. Der Aussage etwa, "der Staat kontrolliert viel zu viele Bereiche unseres täglichen Lebens", eine häufig zitierte Begründung für die Forderung nach mehr Staatsferne und Deregulierung, stimmen nur 32 Prozent der Bürger zu (Grafik 5). Mit anderen Worten: Deutschland ist offen und tolerant, aber nicht regulierungskritisch oder gar staatsfeindlich.

© DIE ZEIT

Diese weitverbreitete Haltung ist allerdings nicht ohne Gegenpol. Eine relativ klar umrissene Gruppe von Bürgern vertritt entschieden andere Ansichten (Grafik 3). Auf die Frage, ob Flüchtlinge zum "Wir" in Deutschland dazugehören, sagen 80 Prozent der AfD-Anhänger klar "Nein", bei den Anhängern der anderen Parteien sind es zwischen 15 (Grüne) und 25 Prozent (FDP). Ähnlich sieht es bei der Frage aus, ob "Ausländer/Migranten" dazugehören: 75 Prozent der AfD-Anhänger sagen "Nein", bei den anderen Parteien sind es nur zwischen 5 (Grüne) und 26 Prozent (CDU). Weniger ablehnend stehen AfD-Anhänger interessanterweise einer anderen Gruppe gegenüber: Lediglich 36 Prozent von ihnen sagen, "Menschen anderer Religion" gehören nicht zum "Wir" – bei den Anhängern anderer Parteien liegt die Ablehnung allerdings noch erheblich niedriger, sie reicht von 3 Prozent (Grüne) bis zu 17 Prozent (SPD).

© ZEIT-Grafik