Nach den Erhebungen der Sozialwissenschaftler von infas lässt sich bei etwa 5 Prozent der Bevölkerung "starke Zustimmung" zu rechtspopulistischen Denkmustern feststellen. Weitere 18 Prozent zeigen eine Affinität zu dieser Ideologie, allerdings in unterschiedlicher Intensität. Laut Menno Smid von infas könne man allerdings "definitiv nicht sagen", diese insgesamt 23 Prozent der Deutschen seien allesamt potenzielle Wähler der AfD. Eine Affinität zu manchen rechtspopulistischen Thesen gebe es auch bei Wählern anderer Parteien.

Heftig ist in den vergangenen Jahren darüber gestritten worden, aus welchen Quellen sich der Rechtspopulismus speist, was genau seine Anhänger in Opposition zur liberalen Mehrheitsgesellschaft treibt. Sind es eher soziostrukturelle Faktoren? Oder kulturelle? Auch dieser Frage ist infas nachgegangen.

Dabei zeigt sich, dass für rechtspopulistisches Denken Bildung, eine spezifische Lebenslage und das Gefühl, nicht von der Politik vertreten zu werden, bestimmend sind (Grafik 6): Bei der Gruppe der Bevölkerung, die nach Erkenntnissen von infas rechtspopulistischen Positionen anhängt oder zuneigt, sind niedrige oder mittlere Schulabschlüsse dominierend. Die Lebenslage dieser Gruppe beschreiben die Sozialwissenschaftler eher als unsicher und prekär, wobei "Lebenslage" eine empirische Maßeinheit darstellt, in die Angaben zum Einkommen, zum Lebensstandard und zum Gefühl sozialer Zugehörigkeit einfließen.

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Hinzu kommt ein dritter Faktor: Anhänger rechtspopulistischer Positionen fühlen sich durch "die Politik" nicht oder allenfalls schlecht vertreten. Diese Gruppe kennzeichnet zum Beispiel eine hohe Zustimmung zu der Aussage "Die etablierten Parteien und die Regierung kümmern sich nicht um Leute wie mich".

Überträgt man diese Erkenntnisse in ein Schaubild (Grafik 7), dann zeigt sich deutlich, wie weit die Einschätzungen der AfD-Anhänger zur eigenen Lebenslage und zur Vertretung durch die Politik von den Selbsteinschätzungen der Anhänger anderer Parteien abweichen. Die AfD-Anhänger haben einen eher niedrigen Lebenslagenindex und fühlen sich von der Politik kaum bis gar nicht vertreten – im extremen Gegensatz zum Beispiel zu den Anhängern der Grünen, die sich politisch recht gut vertreten fühlen und beim Lebenslagenindex fast im oberen Drittel rangieren, also im Durchschnitt wohlsituiert und etabliert sind.

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Die Grafik macht auch anschaulich, wie nah beieinander die übrigen Parteien in dieser Hinsicht sind. Die Anhänger von SPD, FDP, CDU und Grünen liegen im Lebenslagenindex recht dicht zusammen, sie unterscheiden sich auch beim Gefühl der politischen Repräsentation nur marginal.

Auch das mag zum Eindruck der großen Stabilität kurz vor der Bundestagswahl 2017 beitragen, den die infas-Studie für die ZEIT insgesamt vermittelt. Und umgekehrt ist es Teil der Erklärung, warum dieser Wahlkampf bislang so wenig polarisiert: Eine der wichtigsten Konfliktlinien verläuft nicht zwischen den großen Parteien, zwischen links und rechts, sondern zwischen der liberalen Mehrheitsgesellschaft und einer rechtspopulistischen Minderheit.

Über die Unsicherheiten von Umfragen

Repräsentative Umfragen unterliegen immer Fehlern. Man kann davon ausgehen, dass der tatsächliche Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Bereich von einem bis drei Prozentpunkten über oder unter den letztlich angegebenen Messwerten liegt. Den Korridor dieses statistischen Fehlers zeigen wir ab sofort in unseren Grafiken zu Wahlumfragen.

Die Ergebnisse basieren immer auf Stichprobenbefragungen. Diese decken in der Regel nur spezielle Teile der Bevölkerung ab (zum Beispiel Menschen mit Festnetz-Telefonanschluss oder Internetnutzer). Einige potenzielle Teilnehmer sind ablehnend und wollen erst gar nicht befragt werden. Fragen werden mitunter auch falsch verstanden und nicht immer aufrichtig beantwortet. Zum Beispiel auch in Reaktion auf vorangegangene Umfragen. Um jedoch ein allgemeines Meinungsbild über alle Bevölkerungsgruppen hinweg zu berechnen, müssen die Demoskopen fehlende Messwerte und vermutete Ungenauigkeiten ausgleichen und die vorliegenden Zahlen neu gewichten. Diese (in der Regel nicht transparenten) Formeln unterscheiden sich in den Instituten und führen daher zu unterschiedlichen Aussagen.

Umfragewerte sind immer Momentaufnahmen. Mehr als eine grobe Tendenz für ein Meinungsbild lässt sich daraus nicht ableiten. Selbst wenn die Aussagen und Berechnungen zum Veröffentlichungszeitpunkt der Umfrage nahe an der Realität liegen, ist immer noch offen, ob die damals befragten Wähler zum Beispiel später tatsächlich ihre Stimme abgeben oder sich kurzfristig umentscheiden.

Weitere Hintergründe über unseren Umgang mit Wahlumfragen finden Sie in unserem Transparenzblog Glashaus.