DIE ZEIT: Frau Allmendinger, den Deutschen scheint heute ihre Beteiligung an Wahlen ein wichtiges Anliegen, zukünftigen Generationen empfehlen sie, dieses Anliegen mit Nachdruck zu verfolgen, vermuten jedoch, dass sich künftig eher das Gegenteil einstellt. Was bedeutet dies?

Jutta Allmendinger: Eine generelle Krise im politischen Engagement oder eine allgemeine Politikverdrossenheit auszurufen, dazu besteht kein Anlass. Immerhin 71 Prozent der Befragten geben an, dass es ihnen sehr wichtig ist, wählen zu gehen. Fragt man nach ihrem Vermächtnis, legen sie sogar noch nach: 82 Prozent der Menschen empfehlen mit Nachdruck, wählen zu gehen. Wenn es dann aber um die Einstellungen geht, die man von den Mitmenschen in der Zukunft erwartet, sackt der Wert um 60 Prozentpunkte ab. Doch das lässt sich ohne Dramatik erläutern. Die meisten Befragten wechseln von einer dezidierten Zustimmung auf ein "weiß nicht so recht". Dennoch macht der Verlauf deutlich: Die Menschen sind, bei aller gegenwärtigen Sicherheit, für die Zukunft verunsichert. Sie kennen die Entwicklungen in den USA, in der Türkei, in Polen, in Ungarn und fragen sich, ob vermeintliche Gewissheiten dahinschwinden: Ist die Demokratie bedroht? Wird es überhaupt noch offene Wahlen geben, sodass es sich lohnt, wählen zu gehen?

ZEIT: Gilt das für alle gesellschaftlichen Gruppen?

Allmendinger: Das Alter, die Bildung und die Migrationserfahrung machen einen entscheidenden Unterschied. Je älter die Menschen sind, umso wichtiger ist ihnen politische Partizipation: 79 Prozent der Befragten über 65 Jahre betonen die Bedeutung, an persönlichen Abstimmungen teilzunehmen, in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren sind es nur 61 Prozent. Wenn wir nach dem Bildungsniveau unterscheiden, sehen wir, dass 81 Prozent der Menschen mit Hochschulreife das Wählen wichtig ist, aber nur 63 Prozent bei Menschen mit Hauptschulabschluss. Ähnlich hoch sind die Unterschiede zwischen Menschen ohne Migrationserfahrung (75 Prozent) und mit Migrationserfahrung (61 Prozent). Interessant ist nun das Vermächtnis: Was wird künftigen Generationen empfohlen? Bei allen Gruppen steigt hier die Zustimmung, die Meinungen liegen zudem viel enger beisammen. Es besteht also ein gutes Fundament, auf dem man aufsetzen kann. Immens sind dann aber wieder die Unterschiede, wenn es um die erwartete Zukunft geht. Von den älteren Menschen, die wir befragt haben, sagen 27 Prozent, dass politische Teilhabe auch in Zukunft sehr wichtig sein wird, bei den jungen sind es nur 12 Prozent. Bildung macht keinen großen Unterschied mehr. Menschen ohne Migrationserfahrung sind nun aber deutlich pessimistischer (23 Prozent Zustimmung) als Menschen mit Migrationserfahrung (34 Prozent).

ZEIT: Was könnten die politischen Parteien tun, um dem entgegenzuwirken?

Allmendinger: Viel. Das Vermächtnis der Menschen ist klar und damit auch der politische Auftrag. Bereits die Schule macht einen Unterschied. Frühe Partizipation, Demokratie lernen, die Übernahme von Verantwortung. Wir konnten in der Vermächtnis-Studie deutlich zeigen, dass gesellschaftliches Engagement zu einem höheren Interesse an Politik führt. Daher sollte auch der Zivildienst wieder eingeführt werden. Dann: ein früheres Wahlalter, vielleicht auch der australische Weg und die Einführung einer Wahlpflicht. Zudem bietet die Digitalisierung Chancen, denn sogenanntes E-Voting verringert Barrieren, das wäre also überlegenswert. Die politischen Parteien müssen junge Menschen, Menschen mit niedriger Bildung und Menschen mit Migrationserfahrung auch viel stärker und gezielt ansprechen und einbinden. Dringend erscheint mir deren bessere Repräsentation im Bundestag. Und in Zeiten der Erdoğans und Orbans kann der Verunsicherung in der Bevölkerung hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen nur mit einem begegnet werden: mit einem klaren und parteiübergreifenden Bekenntnis zur Demokratie in Deutschland, Europa und weltweit.

ZEIT: Kann ausgerechnet eine Verpflichtung zum Wählen diese Sorgen zerstreuen?

Allmendinger: Eine allgemeine Wahlpflicht würde sicherlich die Bedeutung der persönlichen Teilnahme an Wahlen steigern. Zwar halten mehr als zwei Drittel der Menschen politische Teilhabe für wichtig – aber da ist noch Luft nach oben. Das zeigt der deutlich höhere Anteil derjenigen, die den nachfolgenden Generationen Wahlen ans Herz legen. Eine Wahlpflicht würde also das Vermächtnis der Menschen näher an ihre heutige Lebenswirklichkeit bringen. Gleichzeitig könnte eine solche Regelung die Erwartungen über die zukünftige tatsächliche politische Teilhabe beeinflussen: Die Sicherheit, dass die Mitbürger ebenfalls wählen gehen, wäre größer. Und der Blick in die Zukunft so vielleicht weniger düster. In jedem Fall verspreche ich mir von einer Wahlpflicht, dass die Parteien mit ihrer Politik viel stärker auf die verschiedenen Gruppen in der Bevölkerung eingehen. Denn wenn alle Wählerinnen und Wähler an die Urnen gehen, kann man es sich in Zeiten knapper Mehrheiten nicht leisten, Klientelpolitik zu betreiben.