Man gefährde das Leben von Patienten, indem man sie unnötig verunsichere und sich nicht an ethische Standards der Veröffentlichung halte. Die drastischen Worte kamen von Rory Collins, einem der weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet der Cholesterinsenker. Er veröffentlichte sie in The Lancet, einem der renommiertesten und bekanntesten Fachmagazine der Welt, und er richtete sie an ein nicht minder prominentes Journal: an das British Medical Journal (BMJ). Fiona Goodlee vom BMJ schlug zurück – Collins und seine Kollegen verharmlosten die Nebenwirkungen der Cholesterinsenker.

Eines haben die beiden Journals nun schon erreicht: Viele Patienten, die regelmäßig Cholesterinsenker schlucken, sind verunsichert.

Jeder weiß, dass zu viel Cholesterin im Blut ungesund ist. Das Molekül ist zwar wichtigstes Baumaterial für die Wände unserer Körperzellen. Strömt jedoch zu viel davon durch unsere Blutgefäße, hat das üble Folgen: Es drohen Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall (siehe Kasten). Ende der 1980er Jahre kamen sogenannte Statine auf den Markt, die das Cholesterin senken. In den vergangenen 25 Jahren haben die Cholesterinsenker einen Siegeszug sondergleichen hingelegt, heute nehmen ungefähr fünf Millionen Deutsche jeden Tag ein Statin ein. Die Kosten sind bei vielen Präparaten auf weniger als einen Euro pro Tag gefallen. Die Medikamente gelten als so nützlich und gleichzeitig nebenwirkungsarm, dass manche Ärzte nicht immer ganz scherzhaft forderten, diese gehörten als Arteriosklerose-Prophylaxe ins Trinkwasser.

Doch nach Jahren der praktischen Anwendung wogen die Experten noch einmal Daten über Wirkungen und Nebenwirkungen gegeneinander ab und kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen über den Nutzen. Während Rory Collins und Co. im Lancet gern möglichst viele Patienten mit den Medikamenten erreichen wollen, scheuen die Kritiker vom BMJ ihre Nebenwirkungen und möchten deshalb den Anwenderkreis klein halten. Statine, sagen sie, sollten nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden. Dass zwei medizinische Fachzeitschriften öffentlich aufeinander losgehen, kommt nicht alle Tage vor. Was soll man als Patient da noch glauben?

Es geht um Grundsätzliches. Schon um die verbreitete Lehrmeinung, dass Statine vor Herzinfarkt schützen, gibt es Zoff. Uffe Ravnskov, ein dänischer Arzt, wehrt sich seit Langem gegen die Hypothese, nach der zu viel Cholesterin tödlich sei. In einer Übersichtsstudie, die im letzten Jahr im BMJ erschien, meinte er, wichtige Beweise dagegen gefunden zu haben: Bei über 60-Jährigen leben diejenigen länger, die einen hohen Cholesterinspiegel haben. Und nicht andersherum, wie die Cholesterinhypothese eigentlich vermuten lassen würde. Ist sie deswegen überholt?

"Auf keinen Fall", sagt Eberhard Windler, Professor für Präventive Medizin am Herzzentrum des Uni-Klinikums Hamburg-Eppendorf. "Wir kennen diesen Effekt. Es ist ganz normal, dass das Cholesterin im Alter ansteigt. Die Patienten, die im Alter niedrige Spiegel haben, sind oft krank. Sie haben beispielsweise Krebs und deshalb eine niedrigere Lebenserwartung." Ein älterer Mensch mit zu viel Cholesterin im Blut mag zwar grundsätzlich gesünder sein, aber ein normaler Wert schützt ihn sehr wahrscheinlich trotzdem vor Arteriosklerose und damit vor Herzinfarkten.

Kaum ein Arzt stellt infrage, dass Statine bei Patienten, die bereits einen Herzinfarkt hatten, einen weiteren Infarkt erfolgreich verhindern können. Aber wie sieht es aus mit Patienten, die noch nie einen Infarkt oder Schlaganfall hatten? Die Statin-Kritiker sind der Meinung, die Cholesterinsenker würden diesen Menschen zu leichtfertig verschrieben.

Das stimme nicht, entgegnet Ulf Landmesser, ärztlicher Leiter der Herzmedizin an der Charité Berlin. "Wir achten nicht nur auf das Cholesterin, sondern darauf, ob die Patienten genetische Veränderungen, Herzinfarkte in der Familie, Bluthochdruck, Übergewicht oder andere Risikofaktoren für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall haben. Ich schaue mir dann auch mal mit dem Ultraschallgerät die Halsgefäße an, ob es bereits eine Arteriosklerose gibt." Anhand dieser Parameter lässt sich errechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Patient in den nächsten Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleidet. Wie hilfreich eine Therapie mit Statinen wirklich ist, kann nur eine individuelle Abwägung ergeben.