Frage: Frau Jens, Ihr Mann, Walter Jens, erkrankte zehn Jahre vor seinem Tod an Demenz. Sie entschieden sich, ihn zu Hause zu pflegen. Wäre es nicht besser gewesen, ihn einem Pflegeheim anzuvertrauen?

Inge Jens: Ohne Hilfe wäre ich dazu gezwungen gewesen. Ich hätte schon körperlich die Pflege nicht leisten können. Mein Mann ist beispielsweise nachts des Öfteren aus dem Bett gestiegen und hat sich auf den Boden gesetzt. Ich konnte ihn nicht bewegen, aufzustehen. Selbst sehr dünne und schwache Menschen können sehr schwer sein. Ich bin also auf die Straße gegangen und habe nachgesehen, wo in der Nachbarschaft noch Licht brennt, und mir dort dann Hilfe geholt. Später fand ich durch Zufall eine wunderbare Pflegerin. Frau H., die ich kurz vor seiner Erkrankung als Putzkraft engagiert hatte, erwies sich als Genie auf dem Gebiet der Pflege. Ein Geschenk des Himmels! Anfangs sollte sie nur zweimal wöchentlich kommen, am Ende hat sie mit ihrem Freund bei uns gewohnt und meinen Mann bis zu seinem Tode gepflegt. Aber natürlich hätte ich diese häusliche Pflege nicht bezahlen können, wären unsere zwei letzten Bücher keine Bestseller geworden.

Frage: Sie beschreiben in Ihrem Buch Langsames Entschwinden sehr eindrücklich, wie Sie Ihren Mann einmal in eine Klinik bringen mussten.

Jens: Er musste an einem Zeh operiert werden, keine große Geschichte. Aber die Tübinger Uniklinik war überhaupt nicht auf demente Patienten eingestellt, obwohl sie ihre neue Demenzstation gerade mit viel Stolz anpries. Was sich jedoch dort abspielte, war ein einziger Skandal: Eine nette Stationshilfe stellte ein Set Essen und Trinken auf den Nachttisch meines Mannes, sagte: "Lassen Sie es sich schmecken" und ging. Eine Stunde später kam sie zurück und nahm das Tablett wieder mit, ohne zu kontrollieren, ob der Patient überhaupt etwas gegessen hatte. Frau H. ist dann auch über Nacht bei meinem Mann geblieben. Die Klinik hatte darum gebeten. Er wäre sonst verhungert, ohne dass es jemand bemerkt hätte.

Frage: Wäre das im Pflegeheim anders?

Jens: Das wäre in einer Pflegeeinrichtung nicht passiert. Die hätten seine Ausfälle mitbekommen. Im Krankenhaus jedoch gab es ja noch nicht mal einen Mixer, um ihm das Essen klein zu machen. Jemanden dort zu lassen käme fast einer Sterbehilfe gleich. Auf jeden Fall zeugte es von großer Ahnungslosigkeit. Eine reizende Schwester, die immer freundlich auf meinen Mann einsprach, fragte mich eines Tages, ob er taub sei, weil er auf Ansprache gelegentlich überhaupt nicht oder aber "falsch" reagierte. Sie hat nicht gemerkt, dass er dement ist. Auf der Demenzstation! – Nun ist aber natürlich auch Pflegeheim nicht gleich Pflegeheim. Und Demenz nicht gleich Demenz. Die Unterschiede sind riesig. Bei meinem Mann verlief die Krankheit sehr schnell und ungewöhnlich zerstörerisch. Walter Jens wurde innerhalb von Wochen zu einem anderen Menschen.

Frage: Wie hat die Krankheit Ihren Mann verändert?

Jens: Mein Mann hatte eine Sonderform der Demenz, eine sogenannte Angiopathie. Er verlor in kürzester Zeit seine Sprache und damit jede Möglichkeit der normalen Art der Verständigung. Forderungen und Bedürfnisse machte er gestisch klar; wir lernten, sie zu verstehen und ihnen, so weit möglich, gerecht zu werden. Es entwickelten sich neue Formen des Umgangs und der Verständigung. Wenn seine Pflegerin etwa sagte: "Herr Jens, jetzt sind Sie artig, dann bekommen Sie nachher auch Ihr Leberkäsweckle", war ihm das ein Begriff. Auf diesen Satz sprach er an, damit verband er etwas. Frau H. besaß einen Bauernhof bei Tübingen, zu dem sie meinen Mann oft mitnahm. Auf dem Weg fuhren sie dann bei einem Metzger vorbei, und Walter bekam sein Leberkäsweckle.

Frage: Eine ganz schön raue Umgebung für einen Professor, so ein Bauernhof, oder?

Jens: In einer Weise: ja. Für ihn ein Dorado. Auf dem Hof lebten auch ein paar geistig behinderte Jungen. Mit denen verstand sich mein Mann prima. Die gingen rau, aber herzlich mit ihm um. Das verstand er. Wenn er mal wieder den Rest des Glases Wasser, aus dem er gerade getrunken hatte, mit großer Geste über den Tisch schüttete, stand einer der Jungs auf, sagte: "Herr Jens, Sie sind ein Schwein!", holte einen Lappen und wischte das Wasser auf. Und mein Mann saß vergnügt dabei und schaute interessiert zu. Von den Jungs wusste ja keiner, was ein Professor war. Walter war eben "Herr Jens", und der war halt gelegentlich seltsam, weil er irgendwie krank war.

Frage: Glauben Sie, es war Zufall, dass Ihr Mann ausgerechnet die Sprache verloren hat und nicht etwa die Fähigkeit, sich zu bewegen?

Jens: Das gehörte offenbar zur "Dramaturgie" seines Lebens. Sein ganzes Dasein war durch das Bedürfnis nach Information und Wissen bestimmt und auf die Vermittlung des Erfahrenen angelegt. Als die Krankheit an seine persönliche Substanz ging, musste es als Erstes an die Sprache gehen. Walter Jens war ein Mann, der aus, von und mit der Sprache lebte. Sie war das wichtigste Instrument seines Lebens und sie wurde ihm innerhalb weniger Wochen genommen. Ich merkte, er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht mehr. Seine Ausdrucksmöglichkeiten lagen auf der allerprimitivsten Ebene. Er verlor die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben, und sehr bald auch die, zu sprechen. – Aber er begann, mit Lust Kaninchen zu füttern, schob ihnen eine Mohrrübe durch den Maschendraht, weil es ihm Spaß machte, wenn das Kaninchen anfing zu nagen. Eine Zielvorstellung seines Handelns war noch gegeben, aber eben auf einem sehr konkreten Niveau und reduziert auf den Augenblick. Einmal kam ich zu ihm, da hatte er einen ganzen Korb junger Welpen, die er mit Begeisterung kraulte. Dabei fand er Tiere früher schrecklich. Er war natürlich zu klug, um Angst vor Welpen zu haben, aber er wäre vor seiner Erkrankung nicht freiwillig auf sie zugegangen – nun haben sie ihn glücklich gemacht. Manche Mitmenschen haben mir sehr verübelt, dass ich den Herrn Professor auf einen Bauernhof brachte. Wenn es ihm aber doch Spaß machte, warum sollte ich ihn abhalten? Sein Lebenswerk konnte sich doch sehen lassen, obwohl es abgebrochen wurde.