Die Gestapo kam regelmäßig. Der ägyptische Arzt im vornehmen Berlin-Charlottenburg schrieb 1943 zu häufig Zwangsarbeiter krank. Wenn die SS-Schergen hereinpolterten, besänftigte sie am Empfang die Muslimin Nadja. Dass sie ein Kopftuch trug und der Arzt ihr ein paar Worte auf Arabisch zurief, irritierte die Geheimpolizisten nicht. Schließlich galten die Muslime den Nazis als potenzielle Verbündete gegen die Juden und die englischen Kolonisten am Nil. Doch die Arzthelferin verbarg unter dem Kopftuch nicht nur ihr Haar, sondern ihr nacktes Leben. Denn Nadja war Anna, eine 17-jährige, von der Gestapo gesuchte Jüdin.

Selten sind die Nazis so häufig und geradezu filmreif übertölpelt worden wie von dem ägyptischen Menschenfreund Mohammed Helmy – und selten ist man so versucht, am Ende eines ernsten Buches befreit in die Hände zu klatschen. Die Rettung der Anna Borros durch den Arzt und seine muslimischen Freunde mit all den Maskeraden, Urkundenfälschungen, Lügengespinsten könnte aus einem arabischen Märchen stammen, doch sie spielte mitten in Hitlers Berlin. Ein Menschenalter lang wusste von diesen todernsten Gaunerstücken, die das Überleben schrieb, nur ein kleiner Kreis von Nachkommen. Jetzt hat Ronen Steinke, Autor der SZ und einer exzellenten Biografie Fritz Bauers, die ferne Geschichte dem Leser mitreißend nahegebracht.

Auf die Spur des Dr. Helmy war zuvor ein Berliner Arzt gestoßen, der gehört hatte, dass in seiner Praxis einst ein Mediziner wirkte, der Juden rettete. Er schickte, was er darüber zusammentrug, der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Dort wurde Helmy 2013 als "Gerechter unter den Völkern" geehrt – der erste Araber unter mehr als 25.000 Menschen, die Juden retteten. Der 1901 geborene Ägypter war als Medizinstudent nach Berlin gekommen. Nach der Vertreibung der jüdischen Ärzte aus dem Moabiter Krankenhaus 1933 zum Oberarzt aufgestiegen, vertrat er später einen an die Front eingezogenen Arzt. Nach außen hin den Nazis ergeben, nahm er die von der Gestapo bedrohte, 14-jährige Enkelin einer verfolgten Patientin auf, zunächst als Haus-, dann als Praxisgehilfin. Von Helmys Botschaftsfreunden hatte "Nadja" einen Ausländerpass, bei Kontrollen war sie die "Nichte aus Dresden". Annas Tarnkappe wirkte so perfekt, dass der Ägypter eines Tages von der SS-Zentrale angefordert wurde – mit Arztkoffer und seiner muslimischen Assistentin. Und so standen beide plötzlich Heinrich Himmler gegenüber bei einem Empfang für den Großmufti von Jerusalem. Sie sollten den Gästen notfalls Erste Hilfe leisten.

Die muslimische Kunstfigur Nadja, für die Helmys Freunde sogar eine Scharia-Ehe arrangierten, um ihre Ausreise zu ermöglichen, konnte als Jüdin Anna ein zweites Leben in New York beginnen. Es waren die engen Verbindungen zwischen den gebildeten Arabern und den Juden im alten Berlin, die sie gerettet hatten. Ronen Steinke hat diese Welt im besten, farbigen Stil angelsächsischer Historiker zurückgeholt aus Entnazifizierungs- und Entschädigungsakten. Er hat Gespräche mit Annas Kindern in New York und Helmys Verwandten in Kairo geführt. Mühelos wechselt er von der Außenwelt der damaligen deutsch-arabischen Beziehungen in das Interieur großbürgerlicher Wohnungen, jüdischer Geschäfte, islamischer Gebetshäuser. Man hätte dieser Geschichte nur gerne eine fortdauernde Moral gewünscht. Doch Helmys Nachfahren lehnten die Auszeichnung ab, weil sie aus Israel kam, und beantworteten auch den Brief nicht, den Annas jüdische Tochter dem Autor mitgegeben hatte.

Ronen Steinke: Der Muslim und die Jüdin. Berlin Verlag, Berlin 2017; 208 S., 20,– €