Die Wutrede kann eine kathartische Wirkung haben. Sie reinigt die Seele, weil sie, psychoanalytisch gesprochen, den Aggressionstrieb nicht unterdrückt und so zur Psychohygiene beiträgt. Dieter Thomäs Wutrede in der ZEIT zeugt von einer authentisch bekräftigten erheblichen Frustration, die so stark sein muss, dass in der Präambel explizit darauf verwiesen wird, dass sie sich nicht um Erkenntnisse bemüht.

Diese programmatische Erkenntnisferne entlastet mich davon, die Missstände, auf die Thomä hinweist, zu diskutieren. Kathartisch scheinen Texte schon dann zu sein, wenn sie konsentierbare Missstände möglichst drastisch (und darin ungenau) auf den Begriff bringen. Thomäs Behauptung "Jeder von uns ist in ein Verbrechen verstrickt", ist solch ein Satz voller Erbsündendrastik, dem man sich kaum entziehen kann. Was sich darin ausdrückt, ist allerdings eher ein Ausweichen vor den Strukturen, Gründen und Konstellationen, die Probleme wie eine angemessene Reaktion auf den Klimawandel, auf die Gefahren des Finanzmarktes oder auf den Zivilisationsbruch gezielter Gewaltakte oder auch auf die weltweite soziale Ungleichheit so schwierig lösbar machen. Von diesen Schwierigkeiten will Thomä nichts wissen. Es reicht ihm, die Frage zu personalisieren. Er schreibt: "Manche haben mehr zu sagen und zu tun als andere. Sie tragen Verantwortung und gehen mehr schlecht als recht mit ihr um. Sie müssten die Karre aus dem Dreck ziehen, aber lassen sie darin stecken."

Das ist der Sound jener Wutreden, die unabhängig von der politischen Couleur besonders resonanzfähig sind. Man hört sie ebenso auf Protesten gegen G20-Gipfel wie von Dresdner Spaziergängern. Dieser elitenkritische Sound meint letztlich: Wenn die Herrschenden nur wollten, dann könnte der Karren aus dem Dreck gezogen werden. Vielleicht ist das aber die größte Verharmlosung der aufgezählten Probleme, die man sich vorstellen kann. Hinge es wirklich nur vom Willen der Akteure ab, lebten wir fast im Paradies: Es würde reichen, sie zu verjagen.

Damit ist übrigens nicht gemeint, dass die angesprochenen Eliten wirklich wollen – das wäre ein Fehlschluss. Mein Argument lautet, dass bloßes Wollen nicht reicht – nicht für die Lösung der Probleme, aber auch nicht für ihr Entstehen, von extremen Fällen abgesehen. Thomä aber baut sein Argument auf der Behauptung auf, dass es sich um "Strategien" der Eliten handelt, die Welt so eingerichtet zu haben, wie sie ist. Als sei der Klimawandel das Ergebnis einer Strategie oder die weltweite soziale Ungleichheit oder die Gemeinschaftsideologie sozialer Netzwerke. An Letzterem kann man übrigens sehen, wie wenig sich Thomä überhaupt für empirische Fragen interessiert. Er nimmt den Begriff der Gemeinschaft und der Freundschaft, wie er in den Semantiken der sozialen Netzwerke auftaucht, um ihn dann an einem starken theoretisch und normativ gehaltvollen Gemeinschaftsbegriff zu messen. Dabei sind es gerade die Technologien, die auch den sozialen Netzwerken zugrundeliegen, die die Sichtbarkeit globaler Ursache- und Wirkungszusammenhänge überhaupt ermöglichen. Aber um all das geht es Thomä gar nicht, sondern nur um drastische Bennungsmöglichkeiten. Seine Argumente funktionieren nur auf der Basis einer empirischen Beschreibung der Welt, die behauptet, dass all jenes, was aus den Fugen ist, das Ergebnis strategischer Entscheidungen ist, deren Intention man brechen muss, um sie zu heilen. Hier unterscheidet sich der Thymos der Rede nur wenig von derjenigen sogenannter identitärer Bewegungen, die in Migrationsfolgen das Ergebnis eines gewollten "Großen Austauschs" sehen wollen, also der gezielten Zerstörung der gewachsenen Völker. Jene Vereinfachungen als grandiose Simplifizierung zu brandmarken fällt uns nicht schwer – und hier?

Was Thomä empfiehlt, ist eine Wiederentdeckung der "Politik". Was er darunter versteht, bleibt im Dunkeln. Gemeint sind wohl deren Gestaltungswille und Gestaltungskraft – deren Fehlen sich sowohl in der Handlungsunfähigkeit etwa der G20-Regierungschefs als auch in gewaltförmigen Widerstandsformen ablesen lasse. Hier ist Thomä zuzustimmen, auch wenn das Argument ein wenig der vorherigen subalternen Annahme widerspricht, die Eliten könnten, wenn sie nur wollten. Was Thomä empfiehlt, ist Widerstand – wohlfeiler geht es nicht! Hier schwant Thomä aber die Ambivalenz seiner Position. Er schreibt: "Die gute Nachricht lautet wie die schlechte: Es gibt eine große Zerstreuung des Widerstands. Niemand monopolisiert die Agenda." Es ist ein Verzicht auf das revolutionäre Subjekt, das ja wissen müsste, was zu tun sei – aber doch ein explizit trauriger Verzicht. Dass die Wutrede hier eher in Skepsis und Trauer umschlägt, spricht für Thomä – und hätte er etwas weiter gedacht, wäre er darauf gekommen, dass sich "Politik" als große Lösungs- und Kontingenzformel in seinem Argument in einer komplexen Gesellschaft auch auf der Seite des Widerstands exakt so darstellt: kontext-, zustimmungs- und interessenabhängig, reichweitenbegrenzt, wirkungsparadox und durchsetzungslimitiert. Exakt das ist die Situation, die mit dem bloßen Hinweis auf "Politik" als Wiedergewinnung von Handlungsfähigkeit nur der selbstberuhigenden Sagbarkeit dient und die Ebene der Lösungen noch gar nicht in Sichtweite hat. Wer hingegen auf die empirischen Bedingungen für Politik, Entscheidungs- und Steuerungsfähigkeit hinweist, dem wird gar die Abschaffung des Politischen vorgeworfen. Ich selbst habe immer wieder (zuletzt auf ZEIT ONLINE) ausgeführt, dass moderne, komplexe Gesellschaften einer intelligenteren Steuerung bedürfen, gerade weil sie dezentral operieren und Folgeprobleme von Problemlösungen schwer kontrollierbar sind. Darüber könnte man kontrovers diskutieren. Aber Thomä fällt dazu nichts anderes ein, als in diesem Argument einen Wiedergänger von Helmut Schelskys Sachzwangargument zu sehen – und das auch noch perfide in dessen NS-Verstrickung einzuordnen.

Schelsky meinte in den 1960er Jahren, dass die politische Willensbildung in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation entmachtet werde, weil Sachgesichtspunkte exakt jene Steuerungskapazität erlangen würden, die die Demokratie nicht entfalten könne. Das war in der Tat ein antipolitisches Argument – Thomä freilich ersetzt nur die Schelskysche Sachzwanggläubigkeit durch einen motivierenden Politikbegriff, den er völlig unterbestimmt lässt. Man sollte aber wissen, dass Politik sich weder nur in Willensäußerung noch in Verwaltung oder in Diskursen niederschlägt. Politik ist die Chance, Steuerungs- und Gestaltungsformen kollektiv bindend und mit Machtchancen durchzusetzen. Darüber nachzudenken steht an. Es ist dann aber in der Tat sehr ernüchternd, damit konfrontiert zu werden, wie gering die Kapazitäten der Bindungsfähigkeit von politischen Entscheidungen oft sind, wie stark die Eigendynamik anderer, etwa ökonomischer Bereiche der Gesellschaft durchschlägt und wie fragil die wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisse politischer, ökonomischer, rechtlicher und wissenschaftlicher Handlungsformen sind. Wer das nicht in Rechnung stellt, dem bleiben am Ende nur die Wutrede und ein Ausweichen davor, das, was man mit dem Komplexitäts- und Steuerungsbegriff formuliert, wirklich ernst zu nehmen.

Interessanter sind ganz andere Fragen: Wo sind die Foren der Gesellschaft, in denen die unterschiedlichen Logiken aufeinandertreffen? Benötigt die Demokratie über den Parlamentarismus hinaus Orte, an denen sich Konzepte reiben? Wie lassen sich Interessen in dem Bewusstsein bündeln, dass ökonomische, politische und wissenschaftliche Akteure unterschiedliche Probleme lösen müssen? Dafür braucht es Widerstand, Widerstand gegen die Versuchung, die Dinge immer in den gleichen Bahnen zu denken.

Am Beispiel Thomäs kann man sehen, dass da jemand schreibt, der Lösungen deshalb kennt, weil er sie aus den komplexen Situationen lösen kann, in denen sie sich durchsetzen müssen und in denen sie gegen die durchgesetzt werden müssen, die dort sitzen. Man kann dann nicht einmal verstehen, warum Entscheider in politischen und ökonomischen Positionen so beschränkt sind auf das, was sich immer bewährt hat. Auch das ist Eliteversagen, intellektuelles Eliteversagen! An sich selbst freilich hätte er es sehen können – denn hier geschieht auch nur das, was sich immer bewährt: die Wutrede dessen, der keine Entscheidungen treffen muss. Pierre Bourdieu, der große linke französische Soziologe, hat diese Einstellung die "scholastische Vernunft" genannt: Der Denker sitzt vor einem weißen Blatt Papier, kann Welten entwerfen und ist daran gewöhnt, "Subjekt" zu sein, Urheber einer Struktur, in der alles zueinanderpasst. So jemand kann sich gar nicht vorstellen, dass sich Handlungen und ihre Folgen nicht klaren Strategien und Intentionen verdanken. In meiner Sprache: Solches Denken ist komplexitätsblind und -vergessen. Was ansteht, sind Denkungsarten, die mit den Limitationen und Potenzialen anderer Handlungsformen in der Gesellschaft rechnen und deren Wechselwirkung in Rechnung stellen. Das gilt auch für intellektuelle Beschreibungen der Welt, die nicht nur die eigenen Praxisbedingungen im Blick haben sollten. Im Falle Thomäs besorgt es dann sogar noch das Geschäft derer, die da kritisiert werden mit, denn solche Kritik bleibt folgenlos – und stattet die Eliten noch mit einer Fähigkeit aus, die sie gar nicht haben. Hier muss man genau hinsehen. Theodor Adorno hätte vielleicht gesagt: Eine Kritik, die nicht genau hinsieht, wird selbst zur größten Affirmation.