Nach Brüssel werde er "nie wieder" reisen, hatte er gepoltert und dabei allerlei Verwünschungen ausgestoßen. Sogar das Wort "Mafia" war gefallen. Doch keine vier Wochen später steht Ryszard Florek wieder in der Ankunftshalle des Brüsseler Flughafens, ein gedrungener Mann, Mitte 60, wenig Haare, wenig Hals. Seine ohnehin schmalen Augen sind noch ein bisschen schmaler an diesem Morgen, abwechselnd huschen Müdigkeit und Angriffslust über sein Gesicht.

Mitten in der Nacht ist Ryszard Florek zu Hause in Polen, in Nowy Sącz, aufgestanden. Seine Frau hat ihm zwei Brote geschmiert, er ist mit dem Auto anderthalb Stunden nach Krakau gefahren, von dort nach Frankfurt geflogen und schließlich weiter hierher. Viel Aufwand, nur um in Brüssel eine Frau zu treffen, von der er sagt: "Ich traue ihr nicht."

Aber Aufwand hat er noch nie gescheut, Florek ist ein Mann für die langen Wege. Und hätte er ernsthaft absagen können, wenn ihn die Wettbewerbskommissarin der EU zum Gespräch einlädt? Margrethe Vestager ist eine der mächtigsten Frauen der Europäischen Union, und Florek braucht sie – ob er ihr nun traut oder nicht. Deshalb hat er seinen Vorsatz über Bord geworfen und ist noch einmal nach Brüssel gereist. Vier Mal war er in den vergangenen Jahren schon hier. "Es ist wirklich das letzte Mal", beteuert er nun.

Ryszard Florek ist Unternehmer. In Südpolen leitet er eine Fabrik für Dachfenster, Fakro heißt sie, 3.400 Mitarbeiter, die Nummer zwei weltweit. Hinter Velux, dem mit Abstand größten Unternehmen in dem kleinen, hoch spezialisierten Markt für Dachfenster. Seit vielen Jahren führen Fakro und Velux einen erbitterten Kampf gegeneinander. Es geht um Marktanteile und Profite, um unlauteren Wettbewerb und mögliche Spionage.

Und nicht zuletzt geht es bei alledem auch um den europäischen Zusammenhalt. Denn Fakro ist ein Vorzeigeunternehmen aus den neuen EU-Ländern, Velux hingegen stammt aus dem alten Teil der Union. Die Gruppe gehört zur dänischen VKR Holding, ihre Zentrale liegt in Hørsholm, nördlich von Kopenhagen. Der Kampf der beiden Unternehmen zeigt, wie schnell der alte Graben zwischen Ost und West wieder aufreißen kann. Und er erklärt, warum die gegenwärtige polnische Regierung mit ihrer aggressiven, antieuropäischen Stimmungsmache Erfolg hat.

"Die Leute hier sind fleißiger als anderswo", sagt Unternehmer Florek über seine Heimat

Florek wirft dem dänischen Konkurrenten vor, dass dieser seine dominante Position ausnutze und Fakro mit unfairen Mitteln bekämpfe. Vor fünf Jahren hat er deshalb bei der EU eine Wettbewerbsklage eingereicht. Die Union, das war seine Hoffnung, würde ihm zur Seite springen und für Gerechtigkeit sorgen, für einen Ausgleich zwischen dem Aufsteiger aus dem Osten und dem Platzhirsch aus dem Westen. Aber die Kommission hat noch immer nicht entschieden, und je länger die Untersuchung dauert, desto größer ist Floreks Zorn geworden: auf Velux, den unfairen Konkurrenten; auf die EU, die ihm nicht hilft; und auf Margrethe Vestager, die Wettbewerbskommissarin, die er an diesem Tag zum ersten Mal trifft.

Ryszard Florek stammt aus Tymbark, einem kleinen Ort im Süden Polens, nicht weit entfernt von der slowakischen Grenze. Sein Vater war Tischler, nebenher haben die Eltern eine kleine Landwirtschaft betrieben. Das war möglich, weil hier, weitab von Warschau, privater Landbesitz von den Kommunisten geduldet wurde. Begeistert erzählt Florek, wie er als Kind auf dem Grundstück seiner Tante Äpfel pflückte, sie in Kisten packte und dann verkaufte: "Mein erstes Business!" Nach dem Ende des Kommunismus hat die Region tatsächlich einige besonders erfolgreiche Mittelständler hervorgebracht: eine große Eisfirma, einen Fleischfabrikanten, einen Spezialisten für Garagentore. Und Florek, den König der Dachfenster. Man muss sich die Gegend ein bisschen wie Baden-Württemberg vorstellen, ein Zentrum des selbstbewussten Mittelstands. Florek sagt: "Die Leute hier sind fleißiger als anderswo."

Ausländische Investoren hingegen haben sich bis heute kaum hierher verirrt. Die Landschaft ist wunderschön, aber Nowy Sącz oder Tymbark sind noch immer schwer zu erreichen. Mühsam schlängelt sich die Landstraße durch das hügelige Karpatenvorland, der Mohn blüht, die Äpfel reifen. Wegkreuze und Kirchen in großer Zahl. Politisch ist die Gegend fest in der Hand der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Die einzigen westlichen Firmen, die den Weg hierher gefunden haben, sagt Florek, seien solche, die Geld abzögen, statt zu investieren: "Lidl und Rossmann entwickeln die Wirtschaft nicht, sie schöpfen nur die Sahne ab." Der deutsche Discounter hat direkt vor seinem Werk eine Filiale eröffnet.

Das Firmengelände liegt am Rand von Nowy Sącz. Zu Ehren des Reporters aus Deutschland hat Florek eine schwarz-rot-goldene Fahne hissen lassen. In der Eingangshalle funkelt auf einem weißen Marmorsockel eine goldene Tafel mit dem polnischen Adler, eine Auszeichnung des Präsidenten. Florek erzählt: 1977 konnte er zum ersten Mal in den Westen reisen, er war damals Vorsitzender des Akademischen Sportbunds an der Technischen Universität Krakau. Ein Freund vermittelte ihm in Hannover ein Praktikum, dort sah der angehende Ingenieur, was sein weiteres Leben bestimmen sollte: ein Dachfenster. Im Osten waren sie bis dahin unbekannt, der Kommunismus stopfte seine Dächer mit Pappe. Zurück in Polen, gründete Florek sein erstes Unternehmen, eine Tischlerei, bis zu zehn Angestellte konnte er damals beschäftigen. Die Maschinen besorgte er aus Deutschland: einen ausrangierten Zapfenschneider, einen Vier-Seiten-Hobel. Investitionen für die Zukunft, die bald beginnen sollte.