DIE ZEIT: Früher waren sie der letzte Schrei: Tapeten mit Tannen, Strandidyll oder romantischen Sonnenuntergängen. Ist so etwas heute noch gefragt?

Karsten Brandt: Diese klassischen Motive aus den siebziger Jahren sind etwas aus der Mode gekommen. Ganz generell waren ja Tapeten lange nicht mehr gern gesehen. Viele bevorzugten eher einfache, schlichte Wandfarben. Doch nun beobachten wir seit ein paar Jahren: Das ändert sich wieder.

ZEIT: Die Fototapete ist wieder da?

Brandt: Viele Anbieter setzen wieder auf Fototapeten. Das tun sie ja nur, wenn es eine Nachfrage gibt.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Brandt: Früher konnte man sich zwischen drei Motiven entscheiden: Palmenstrand, Sonnenuntergang, Wald, fertig. Die wurden dann in Massen produziert, und jeder hatte das gleiche Motiv an der Wand. Heute gibt es unzählige mögliche Bilder, und es ist viel leichter, Fototapeten zu drucken – auch per Netz mit eigenen Fotos.

ZEIT: Und was ist auf diesen Fotos zu sehen, die traute Familie etwa?

Brandt: Naturmotive gehen natürlich immer, beliebt sind etwa Landschaften, die man selbst im Urlaub aufgenommen hat. Aber der Haupttrend geht aktuell in Richtung Fotorealismus: Kunden wollen lieber andere Dinge an der Wand imitieren, etwa volle Bücherregale oder bestimmte Werkstoffe wie Textilien, Holz, Steinwände oder Beton.

ZEIT: Sie meinen, man simuliert im Neubau eine schöne alte Fachwerkwand?

Brandt: Warum nicht? Mittlerweile sind die Druckverfahren ja so gut, dass man sogar eine aufgedruckte Struktur in gewissem Maße nachempfinden kann.

ZEIT: Aber mal ehrlich: Eine echte Bücherwand ist doch etwas ganz anderes!

Brandt: Das stimmt, aber man muss auch sehen: Eine Tapete anzukleben ist mittlerweile sehr einfach. Die Wände richtig zu verkleiden oder echte Bücher zu sammeln ist demgegenüber nicht nur aufwendig, sondern auch teuer und langwierig.

ZEIT: Wo finden sich solche Fototapeten denn besonders häufig?

Brandt: Insbesondere in Hotels, Geschäften oder Restaurants. Dort lässt sich mit solchen Tapeten recht leicht eine bestimmte Stimmung erzeugen. Das merkt man übrigens auch im privaten Bereich: Für ihr Schlafzimmer wählen Menschen gern ruhige Motive, etwa einen Wald; in der Küche sind vor allem Food-Motive beliebt. Innenarchitekten versuchen in diesen Bereichen mithilfe von Tapeten oft eine wohnliche Atmosphäre zu schaffen. Obwohl sie solche Surrogate eigentlich nicht sonderlich mögen ...

ZEIT: Warum nicht?

Brandt: Viele Innenarchitekten wollen lieber den echten Stoff, nicht etwas Nachgemachtes, das nur danach aussieht. Wer einen Raum allerdings häufig umgestalten muss, freundet sich dann doch mit der Tapete an.

ZEIT: Wie wäre es mit digitalen Tapeten, die auf Knopfdruck das Motiv ändern können? Das würde die Sache ja noch einfacher machen.

Brandt: Tatsächlich gibt es Überlegungen in diese Richtung. Bisher sind sie aber noch nicht ausgereift – es sei denn, Sie wollen sich einen großen Bildschirm an die Wand hängen. Doch auch in unserem Bereich gibt es interessante Entwicklungen: etwa Tapeten, in die Leuchtfäden eingewebt sind. Die Tapeten wirken in dunkleren Räumen wie ein funkelnder Sternenhimmel an der Wand.