Der Vorwurf, der den Aufstieg der Frauke Petry für immer beenden könnte, ist für die einen das Ergebnis eines inquisitorischen Verfahrens, das auf Beschädigung (oder gar: politische Vernichtung) der AfD-Chefin ausgerichtet sei. Für die anderen ein echter Machtbeweis des parlamentarischen Rechtsstaats, der eben besser funktioniere, als die AfD sich das manchmal wünsche.

Für André Schollbach ist die Sache überdies noch ein Beweis der eigenen Raffinesse und seines Einflusses: Der Landtagsabgeordnete der Linken erzählt von dem Coup wie von einem Bubenstück, voll Stolz auf seine Chuzpe. "Frau Petry hatte in gewisser Weise Pech", sagt er, "dass sie auf mich getroffen ist." Man muss sich dazu einen fröhlich lachenden Mann vorstellen. "Ich bin Rechtsanwalt von Beruf, und eines kann ich nicht ab: wenn mir Zeugen pampig und respektlos daherkommen."

Schollbach, 38, war als Mitglied des Wahlprüfungsausschusses des Landtags an einer delikaten Ermittlung beteiligt, auch wenn die entsprechende Akte den langweiligen Titel trägt: "Einsprüche gegen die Wahl zum 6. Sächsischen Landtag am 31. August 2014". Doch plötzlich ist das, was in diesem Ausschuss geschah, brisanter Debattenstoff.

Vergangene Woche hat der Sächsische Landtag nämlich die Aufhebung von Frauke Petrys Abgeordneten-Immunität in die Wege geleitet – auf eine Anzeige von Schollbach hin. Man darf Schollbach guten Gewissens einen klagefreudigen Zeitgenossen nennen, seine Strafanzeigen gegen politische Gegner sind in Dresden legendär: Die CDU hatte er schon aufs Korn genommen, die FDP auch. Jetzt ist die AfD an der Reihe. Doch diesmal redet ganz Deutschland darüber, denn es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis die Dresdner Staatsanwaltschaft offiziell die Ermittlungen gegen Frauke Petry aufnehmen wird.

Der Vorwurf lautet: Meineid, begangen im Rahmen ihrer Aussage vor dem Wahlprüfungsausschuss im November 2015. Für die Politikerin einer Partei, die mit dem Anspruch angetreten ist, ehrlicher zu sein als das "Establishment", ist dies ein ziemlich herber Vorwurf. Sollte er sich erhärten, könnte er Petrys Karriere irreparabel schädigen. Das Wichtigste aber ist: Er bestimmt zur absoluten Unzeit die Schlagzeilen – so kurz vor der Bundestagswahl. Frauke Petrys Ehemann, der AfD-Politiker Marcus Pretzell, erklärte in einem TV-Interview, voll beißender Ironie: "Ganz zufällig zu Beginn des Bundestagswahlkampfes, rechtzeitig, haben wir die Aufhebung der Immunität."

Was aber, wenn Pretzell ein bisschen recht hat? Wenn der Zeitpunkt der Ermittlungen kein reiner Zufall ist? Denn es ist eine Tatsache, dass jenes Verfahren, in dem sich Petry des Meineids verdächtig machte, gespickt ist mit politischen Volten und eigentümlichen Vorgängen. Ein Großteil der Protokolle und Akten liegt der ZEIT vor. Und wer die stenografischen Mitschriften der entscheidenden Sitzungen studiert, sieht sich zwangsläufig mit der Frage konfrontiert: Ist dies wirklich ein Verfahren, das einen Rechtsstaat zu schmücken vermag – auch ganz unabhängig davon, dass es um die AfD geht?

Wieso vergehen zum Beispiel zwischen Petrys möglicher Falschaussage vor dem Landtagsausschuss und der Aufhebung ihrer Abgeordneten-Immunität anderthalb Jahre? Und (diese Frage gehört zum Komplex Petry) warum ist in Sachsen sogar drei Jahre nach der Landtagswahl – und also zwei Jahre vor dem Ende der Legislaturperiode – noch immer nicht final ermittelt, ob diese Wahl eigentlich gültig war oder nicht?