Es ist eine alte Lehre, dass man an zwei Dingen am besten erkennen kann, was man "die Kultur" der Menschen nennt: Erstens begraben Menschen ihre Toten, zweitens kultivieren sie die Natur. Gärten sind ein Beispiel dieser Kultivierung. Sie kommt zustande, indem das Wachstum, das von Natur aus besteht, keineswegs zerstört, sondern umgeleitet, also vorsichtig benützt und in eine Richtung gelenkt wird, die menschlichem Kalkül entspricht.

"Kultur" ist ursprünglich die Zusammenarbeit mit der Natur – und Menschen, die nachdenklich in ihrem Garten arbeiten, können etwas davon erzählen. "Mir ist klar", schreibt die Dichterin Barbara Frischmuth in ihrem Buch Der unwiderstehliche Garten, "dass Pflanzen in einer anderen Welt leben als wir, die jedoch in vielfältigem Kontakt mit der unseren steht. Und dass diese Welten einander nicht nur berühren, sondern auch durchdringen (...)"

Kein Wunder, dass die Literatur sich in exzellenten Beispielen des Gartens annimmt. Man lese ein Buch, das ein Geschenk ist: Gartenglück im Sommer. Ein literarischer Spaziergang, herausgegeben von Elisabeth Stursberg. Alles, was Rang und Namen hat, ist in dem Buch vertreten: Rilke, Benjamin, Rückert, Tucholsky, Busch, Zweig, Goethe, Hölderlin. Hölderlin mit dem berühmten Gedicht Hälfte des Lebens, das mir auf den ersten Blick gar nicht in diese Anthologie zu passen schien. Aber dann konnte man es ja lesen: "Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen ..."

Mein Schlager ist Inserat, ein Gedicht von Theodor Storm: "Die verehrlichen Jungen, welche heuer / Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken, / Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen / Wo möglich insoweit sich zu beschränken, / dass sie daneben auf den Beeten / Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten."

Ich behaupte, dass der Gartenbesitzer Storm vor Wut kocht angesichts "der verehrlichen Jungen". Aber er beherrscht sich, und aus der Selbstbeherrschung entsteht ein Gedicht, ein Inserat, das gegen die unvermeidlichen Eindringlinge Humor zeigt, aber auch der Sorge um die Beete gerecht wird. So handelt das Gedicht, das in der Gartenfrage zwischen Hoffnung und Fatalismus oszilliert, ironisch von Kultur und Gesellschaft.

Wie Dichter einst in Reimen sprachen, wie virtuos und ganz selbstverständlich! Paul Gerhardt: "Die Lerche schwingt sich in die Luft / Das Täublein fliegt aus seiner Kluft / Und macht sich in die Wälder; / Die hochbegabte Nachtigall / Ergötzt und füllt mit ihrem Schall / Berg, Hügel, Tal und Felder." Anmutig, diese leichtfüßigen Verse.

Elisabeth Stursberg (Hg.): Gartenglück im Sommer. Ein literarischer Spaziergang. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017; 256 S., 10,– €