Sehr oft, wenn ein Romanwerk, das nicht der trivialen Billigware zuzurechnen ist, die Schallmauer zum Welterfolg durchbricht und die Kritik nach einer Erklärung sucht, weshalb nun gerade dieser Titel die Sphäre der Millionenauflage ansteuert, einigt sie sich auf das Urteil: "spannend, aber anspruchsvoll".

Die griffige Formel wurde auf Süskinds Das Parfum, auf Rowlings Harry Potter und gelegentlich auf Kehlmanns Die Vermessung der Welt angewandt. Neuerdings taucht sie im Zusammenhang mit Elena Ferrantes Neapel-Saga auf. Wer eine Wette abschließt, dass in jeder Literaturfernsehsendung, in der ein Ferrante-Band besprochen wird, irgendwann von "spannend, aber anspruchsvoll" die Rede ist, sollte beim Wetteinsatz nicht geizen. Jeder weiß, was mit dem "aber" gemeint ist: Lektüre, die emotional in die Magengrube fährt, aber auch den ästhetisch geschulten Verstand versorgt, die den Durchschnittsleser beglückt und den philologischen Feingeist befriedigt. Frau Mustermann lässt sich vom Plot mitreißen, Herr Professor vertieft sich in die Romankonstruktion, und beide liegen mit demselben Buch auf der Couch.

Erfreulich sind solche Schallmauerbrecher auch deshalb, weil von ihrer kollektiven Erregungsenergie letzten Endes etwas Zivilisierendes ausgeht. Auf der Friedfertigkeitsskala von Massenbewegungen dürfte die internationale Lesergemeinde recht weit oben stehen. Elena Ferrante (bekanntlich ein Autorenpseudonym) ist allerdings ein doppelter Glücksfall: ein Welterfolg mit Niveau – und Literatur, an der sich das Verhältnis von Spannung und Anspruch, anders gesagt: von Unterhaltsamkeit und künstlerischem Mehrgewinn exemplarisch betrachten lässt. Sind sie sich, wie das "aber" nahelegt, im Grunde wesensfremd? Oder doch kausal verbunden?

Großes episches Spektakel vor neapolitanischer Nachkriegskulisse

Nun erscheint der dritte Band der Tetralogie auf Deutsch, an plastischer Erzählkraft den ersten Bänden nicht im Geringsten unterlegen, zudem großartig von Karin Krieger aus dem Italienischen übersetzt, die neben ihrem enormen Arbeitspensum (die vier Bände des Zyklus umfassen jeweils zwischen 400 bis 600 Seiten) vor der Aufgabe steht, dem Erwartungsdruck der lesehungrigen Öffentlichkeit und wohl auch dem des Verlages standzuhalten. Dass sie es tut, ehrt sie. Suhrkamp hatte den dritten Band für das Frühjahr, den Abschlussband für den Sommer angekündigt, beide wurden um mehrere Monate verschoben.

Die Geschichte der getrennten Wege heißt der dritte Teilroman. Tatsächlich vertieft sich die soziale Distanz zwischen den Kindheitsfreundinnen Lila und Elena, die sich in den Vorgängerromanen ankündigte. Lila und Elena, beide Milieugeschöpfe eines ärmlichen, von der Camorra und Männergewalt beherrschten Vorstadtviertels Neapels, beide bildungshungrig – sie sind das siamesische Heldinnenduo der gesamten Tetralogie. Das um sie herum installierte Romanensemble zählt nicht weniger als neun Familien. Großes episches Spektakel also, inszeniert vor dem Panorama der italienischen Nachkriegsgeschichte. Die politischen Tumulte der siebziger Jahre greifen stark in die Handlung des dritten Bandes und in das Leben von Lila und Elena ein.

Nach wie vor aber liegt der eigentliche Sinn der Erzählung in der biografischen Asymmetrie der Mädchen, die mittlerweile zu dreißigjährigen Frauen herangewachsen sind. Während sich Elena mit fanatischem Fleiß zum Universitätsstudium in Pisa hochgekämpft hat, gab die genialischere und verwegenere Schustertochter Lila der Verlockung des Wohlstands nach. Mit sechzehn heiratet sie den Sohn eines Lebensmittel- und Schwarzhändlers, der sie schon auf der Hochzeitsreise grün und blau schlägt. Elena steigt ins Bildungsbürgertum auf, Lila sinkt ins Proletariat ab. Sie trennt sich von ihrem Mann, bekommt von einem anderen ein Kind und schindet sich in einer neapolitanischen Fischfabrik.

Es ist ein bisschen wie auf einem Klassentreffen

Das ist der Stand zu Beginn des dritten Bandes, in dessen Verlauf sich die Schere der Schicksale immer weiter öffnet. Wir erleben Elena in der bleiernen Ehe mit einem florentinischen Professor. Und wir erleben mit Schrecken, wie sich Lila an den Teufel verkauft. Einer der zwei gefürchteten Camorrabrüder des Viertels bietet ihr einen Job an, der ihren Genius entflammt, sie aber moralisch verbrennt. Sie soll für seine Geschäfte ein neuartiges Rechensystem aufbauen. Wir nennen es digital.

Die Methode, die Elena Ferrante ihrem Opus zugrunde legt, ist somit die des Zwillingsvergleichs. Dass sie für Spannung sorgt, liegt auf der Hand. Jeder ist neugierig auf Lebenswege, die vom gleichen Punkt aus starten, aber völlig andere Ziele erreichen. Deshalb geht man auf Klassentreffen. Dass es sich literarisch um eine etwas schlichte Methode handelt, lässt sich allerdings nicht leugnen. Nur kann von Schlichtheit keine Rede mehr sein, wenn man sich etwas genauer im Gebälk des Romangebäudes, auf seiner Metaebene also, umsieht. Denn was Ferrante hier entwickelt, ist nichts anderes als eine virtuos ausgeklügelte Phänomenologie des Tausches, die, und das ist der eigentliche Clou, auf sämtliche Bereiche der Erzählung einwirkt.