Wir Terrorhelfer

Betroffenheit ist endlich. Nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo versammelten sich knapp 20.000 Menschen zur Mahnwache vor dem Brandenburger Tor, in Solidarität mit den Opfern sangen sie die Marseillaise, auf ihren T-Shirts stand "Je suis Charlie ".

Zehn Monate später, als Terroristen wieder in Paris zuschlugen, kamen nicht mal mehr 2.000 Menschen zum Brandenburger Tor. Den Brennpunkt im Ersten aber schauten knapp zehn Millionen.

Einige Monate später griffen Terroristen in Brüssel an, dann in London, den Fernseher schalteten nur noch jeweils sechs Millionen ein, zum Brandenburger Tor kam kaum noch jemand.

Jetzt, nach Barcelona, registrierte die ARD nur noch etwas mehr als vier Millionen Zuschauer. Mahnwachen gab es keine mehr.

Es waren ja auch so viele Anschläge in den vergangenen zwei Jahren. Hannover, Essen, Würzburg, Ansbach, Berlin, Hamburg, Kopenhagen, London, Istanbul, Nizza, Brüssel, St. Petersburg, Stockholm, Manchester, London, mehrmals Paris, mehrmals Istanbul, und das sind nicht mal alle.

Irgendwo auf dieser Strecke hat unser Mitleid abgenommen.

Wir sehen die Bilder von den Ramblas in Barcelona, aber wir blicken auf sie nur noch wie auf einen Unfall auf der Autobahn. Kurzes Hinsehen, ein Moment der Erschütterung. Dann kehren wir zurück in unsere emotionale Komfortzone.

Furchtbar, wie wir abstumpfen, oder?

Nein, nicht furchtbar. Im Gegenteil. Ich glaube, etwas Besseres kann uns gar nicht passieren.

Wenn es um die Frage geht, wie man die Anschläge verhindern kann, dann ist meist von schärferen Gesetzen die Rede, von zusätzlichen Polizisten, von neuen Geräten zur Gesichtserkennung. Obwohl jeder weiß, dass sich damit nicht alle Attentäter stoppen lassen.

In Wahrheit gibt es ein viel effektiveres Mittel zur Terrorbekämpfung. Eines, das den Terrorismus als Ganzes attackiert und nicht die einzelnen Terroristen. Das Herz der Hydra und nicht ihre vielen Köpfe.

Man kann es Abstumpfung nennen. Ich würde es positiver formulieren: gezieltes Desinteresse.

Das mag im ersten Moment zynisch klingen, vor allem für die Opfer von Terroranschlägen und ihre Angehörigen. Aber man muss sich vergegenwärtigen, wie Terrorismus funktioniert – und sich an den vergangenen Dezember erinnern.

Anis Amri fuhr damals mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Er zerquetschte Buden und überrollte Menschen, und er schaffte es, den Sicherheitsbehörden zu entwischen. Dennoch wussten sie genau, nach wem sie suchen mussten. Amri winkte auf der Flucht in eine Überwachungskamera. Im Lkw ließ er netterweise seinen Ausweis liegen.

Auch der Nizza-Attentäter, der 86 Menschen überfuhr, platzierte seinen Führerschein im Lkw.

Im Fluchtwagen der Charlie Hebdo-Attentäter fand die Polizei ebenfalls einen Ausweis.

Da fliehen Terroristen, und anstatt ihre Identifizierung zu erschweren, zeigen sie ihren Ausweis?

Natürlich ist das keine Unachtsamkeit, kein Fehler, den sie immer wieder begehen. Die Terroristen machen das für Leute wie mich, für uns Journalisten. So wie sie Videobotschaften ins Netz laden oder Bilder der Tat bei Facebook posten. Sie wollen, dass wir Artikel über sie schreiben, dass wir ihren Namen in möglichst großen Buchstaben auf die Titelseite drucken und ein Foto von ihnen dazustellen. Sie wollen, dass das ganze Land von ihnen erfährt, am besten die ganze Welt.

Denn erst die öffentliche Aufmerksamkeit macht aus einem kriminellen Akt einen terroristischen. Ein herkömmlicher Mord und einer, der Terror verbreiten soll, sind einander im Kern sehr ähnlich: Ein Mensch ermordet einen anderen. Der Unterschied ist das Motiv. Morde, etwa aus Gier oder Eifersucht, gelten ganz bestimmten Personen, sonst ergeben sie keinen Sinn. Der Täter hofft darauf, dass möglichst wenige Menschen von seiner Tat erfahren, am besten niemand. Je geheimer, desto besser.

Bei einem Mord, der zum Terroranschlag werden soll, ist es genau umgekehrt. Die Opfer sind symbolisch, oft willkürlich ausgewählt, es kann jeden treffen – Partygänger, Fußballfans, Teenager auf einem Popkonzert. Und möglichst viele Menschen sollen von der Tat und dem Täter erfahren. Je öffentlicher, desto besser.

Im vergangenen Jahr gab es einen Anschlag, der im Getöse der Großlagen von Brüssel, Paris und Berlin fast unterging, in dem sich aber das ganze Wesen des Terrorismus spiegelte. Vor ein paar Wochen bin ich an den Tatort gefahren, nach Saint-Étienne-du-Rouvray, ein Dorf in der Nähe der nordfranzösischen Stadt Rouen.

Ich betrat die kleine, aus dicken Steinen gemauerte Kirche, in wenigen Minuten sollte der Gottesdienst beginnen. Vorne links saß ein gebeugter Mann mit grauen Haaren und grauer Jacke. Ich kannte ihn aus dem Fernsehen, hatte Fotos von ihm im Internet gesehen und in französischen Zeitungen von ihm gelesen.

Guy Coponet ist 88 Jahre alt. Nach dem Gottesdienst sprach ich ihn an, und er erzählte mir, was an dieser Stelle geschehen war.

Terrorismus ist Kommunikation

Damals, am 26. Juli 2016, ist fast niemand zum Gottesdienst gekommen: nur Coponet, seine Frau, dazu drei Nonnen. Aber Coponet freut sich, denn es ist sein bester Freund, der Priester Jacques Hamel, der vorne am Altar steht. Mit seinen 85 Jahren ist Hamel längst im Ruhestand, doch manchmal hilft er noch aus. Kurz vor dem Ende des Gottesdienstes fliegt die Tür der Sakristei auf, und zwei schwarz gekleidete Männer stürmen herein. Sie halten Messer in den Händen und schreien "Allahu Akbar". Einer der beiden stürzt sich auf den Priester, der noch ruft: "Weg mit dir, Satan!", dann treffen ihn die Messerhiebe. Hamel bricht sterbend auf dem Altar zusammen.

Die Attentäter haben einen Menschen umgebracht, aber bisher haben es nur fünf Zeugen mitbekommen: das Ehepaar Coponet und die drei Nonnen. Damit aus dem Verbrechen Terror wird, muss sich die Tat aber abheben von den 13 anderen Morden, die im Durchschnitt jeden Tag in Europa verübt werden, von denen man aber kaum je erfährt.

Aus fünf Menschen müssen Millionen werden. Ein erster Schritt ist den beiden Männern in Schwarz bereits gelungen, sie haben den Mord symbolisch aufgeladen: ein Priester, eine Kirche. Aber das allein reicht nicht.

Der Attentäter blickt von dem toten Hamel auf, geht zu Guy Coponet und drückt ihm ein Smartphone in die Hand, die Kamerafunktion ist schon aktiviert. Er sagt: "Opa, du filmst!" Also hält Guy Coponet die Linse Richtung Altar und nimmt auf, wie der Attentäter über der Leiche posiert.

Ein Dschihadist mit blutigem Messer über einem toten Priester auf dem Altar einer christlichen Kirche in Europa – die Islamisten wissen um die Wirkmacht dieser Bilder. Auch Coponet weiß darum. "Ich dachte, sie werden das ins Internet stellen. Gefilmt habe ich trotzdem. Was hätte ich machen sollen?"

Nach einigen Sekunden kommt der Attentäter zurück und überprüft die Qualität der Bilder. Er sagt: "Opa, du zitterst ja kaum!" Dann sticht er zu. Dreimal. In den Arm, in den Rücken, in den Hals. Coponet sinkt blutend zu Boden. Er stellt sich tot und betet.

Die Attentäter wenden sich jetzt den Frauen zu, die schockiert zwischen den Kirchenbänken stehen. "Wir dachten, jetzt sind wir dran", erinnert sich Schwester Huguette, eine der Nonnen, eine zarte Frau von 80 Jahren. Stattdessen beginnen die Attentäter ein Gespräch. Einer trägt ihnen auf, so erinnert sich Huguette: "Wenn ihr später im Fernsehen seid, sagt ihr: 'Für jeden Anschlag in Syrien wird es einen in Frankreich geben.' Da wussten wir, wir werden überleben."

Terrorismus ist Kommunikation. Attentäter wollen eine Botschaft senden. Nicht so sehr an ihre unmittelbaren Opfer, die drei Nonnen oder Guy Coponet und seine Frau, nicht so sehr an die Menschen vom Breitscheidplatz und die Konzertbesucher im Bataclan. Ihre Botschaft gilt vielmehr: allen anderen.

In der nüchternen Sprache der Terrorismusforscher nennt man den Adressaten dieser Botschaft den "interessierten Dritten". Bei den allermeisten von uns, sagen wir 99 Prozent, zeigt sich dieses Interesse als Angst, als Schrecken, manchmal auch als Rachelust. Wenn wir die weinende Schwester Huguette im Fernsehen sehen, wenn wir hören, wie sie vom Martyrium des Priesters berichtet, schütteln wir voller Entsetzen den Kopf, vielleicht halten wir schockiert die Hand vor den Mund, vielleicht erwischen wir uns bei dem Gedanken: Das muss man diesen Bestien heimzahlen!

Dies ist der Moment, in dem aus einem Verbrechen Terror wird.

Womöglich werden wir uns am nächsten Morgen in der U-Bahn fragen: Hat der Bärtige dort drüben etwas vor? Womöglich gehen wir für einige Zeit nicht mehr in den Gottesdienst, weil wir fürchten, Ähnliches zu erleiden wie Guy Coponet. Barcelona soll schön sein, aber wäre ein anderes Reiseziel nicht sicherer? Muss man wirklich jedes Jahr auf den Weihnachtsmarkt?

Der Gedanke reicht. Wir waren bei den Anschlägen nicht dabei, haben nicht gesehen, wie Jacques Hamel zusammensackte, haben nicht gehört, wie das Holz der Weihnachtsmarktbuden auf dem Breitscheidplatz barst. Dennoch ist die Angst in uns hineingekrochen. Wir sind terrorisiert.

Und ich bin schuld.

Natürlich nicht ich allein, sondern: wir Journalisten, also ich und alle meine Kollegen, die über Terrorismus berichten.

Die meisten Menschen erfahren von einem Anschlag durch eine Eilmeldung auf dem Handy, durch eine Nachricht in der Tagesschau, eine Stimme aus dem Autoradio oder einen Blick in die Zeitung. Auch wenn Politiker sich äußern, wenn zum Beispiel Angela Merkel einen Anschlag "aufs Schärfste verurteilt" oder der Außenminister sein Bedauern ausdrückt, immer sind es Journalisten, die diese Stimmen mit ihren Kameras und Mikrofonen in die Wohnzimmer tragen.

Es ist schmerzhaft zuzugeben, aber wir Journalisten sind die Boten des Terrors, durch uns werden aus fünf verängstigten Menschen in einer Kirche Millionen verängstigte, wütende, nach Rache rufende Menschen in der ganzen Welt. Die Tagesschau berichtete über Hamel, genau wie CNN. Natürlich kann man jetzt den berühmten Satz zitieren: "Don’t shoot the messenger", was so viel heißt wie: Der Bote kann nichts für die Botschaft, die er überbringt. Nur, in diesem Fall stimmt das nicht.

Das ganze Tun der Terroristen zielt auf mediale Verbreitung ab. Es geht ihnen darum, uns Journalisten dazu zu bringen, möglichst viel, lang und sensationsbeladen zu berichten. Deswegen wählen sie symbolische Ziele. Deswegen zwingen sie Guy Coponet zum Filmen. Deswegen lassen sie die Frauen leben. Was gibt es Schockierenderes als weinende Nonnen im Fernsehen? Den Attentätern von Rouen ist ein Toter mehr wert als sechs Tote.

Schon in den fünfziger Jahren dachte ein algerischer Revolutionär laut darüber nach, was besser sei: zehn Feinde in einem abgelegenen Nest zu töten, und keiner kriegt es mit – oder einen einzigen in Algier, sodass am nächsten Tag Menschen in fernen Ländern und wichtige Politiker davon erfahren. Er formulierte damit das Leitmotiv des heutigen Terrorismus.

Die Terroristen benutzen uns Journalisten. Und wir lassen uns benutzen, wieder und wieder.

Ziel erreicht: Alle haben Angst

Terroristische Gewalt gab es immer schon, aber zu einem mächtigen Phänomen wurde sie erst in der Moderne. Wie die Braunschweiger Historikerin Carola Dietze schreibt, verbreitete er sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zunächst dort, "wo die Transport- und Kommunikationstechnologien besonders weit fortgeschritten waren und die politisch interessierte Öffentlichkeit besonders stark ausgeprägt war". Das heißt: vor allem in Europa.

1858 schleuderte der Revolutionär Felice Orsini in Paris eine Bombe auf den Wagen des französischen Kaisers Napoleon III., in der Hoffnung, damit einen Volksaufstand auszulösen.

1881 ermordeten Anarchisten den russischen Zaren Alexander II., als er mit seiner Kutsche durch St. Petersburg fuhr.

1914 erschoss ein serbischer Nationalist in Sarajevo den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und löste damit indirekt den Ersten Weltkrieg aus.

Alle drei Taten waren politische Morde, wie es sie zuvor schon gegeben hatte, seit Jahrtausenden, aber etwas war neu. Die Attentate fanden nicht im Verborgenen statt, sondern in der Öffentlichkeit, inmitten europäischer Metropolen. Es gab Hunderte Zeugen, und durch die Zeitungen und Telegrafen verbreiteten sich die schrecklichen Nachrichten innerhalb weniger Tage auf dem ganzen Kontinent.

Auf einmal hatten kleine terroristische Gruppen, selbst Individuen, ein Mittel gefunden, um mit wenig Aufwand das Weltgeschehen zu beeinflussen. Die Öffentlichkeit: Sie war eine Waffe geworden. Benutzt, je nach historischem Kontext, von faschistischen, antikolonialen, nationalistischen oder kommunistischen Kämpfern.

Terroristen wurden zu Propagandisten der Tat, aber auch des Wortes. Ulrike Meinhof, eine der Anführerinnen der RAF, war Journalistin. Im Juni 1970, noch vor den ersten Terroranschlägen der Gruppe, druckte der Spiegel unredigierte Auszüge aus einem RAF-Pamphlet, das Meinhof formuliert hatte. Jahre später, im September 1977, sahen die Deutschen, als sie den Fernseher einschalteten, einen erschöpften Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, der in Todesangst aus der Stuttgarter Zeitung vorlas. Die RAF hatte ihn entführt. Nun machte sie die deutsche Öffentlichkeit zum Zeugen ihrer perfiden Inszenierung und setzte so die Bundesregierung unter Druck.

Die Medien- und die Terrorgeschichte sind untrennbar miteinander verbunden. Jedem medientechnischen Durchbruch folgt eine neue Ausprägung des Terrorismus.

Als das Fernsehen zum ersten Mal Olympische Sommerspiele live übertrug, 1972 in München, griffen Palästinenser das israelische Team an. Die Kameras schickten die Bilder um die Erde, niemand redete mehr über Sport, aber alle über den Nahen Osten.

Als Mitte der Neunziger der Fernsehsender Al-Dschasira gegründet wurde, sandte Osama bin Laden seine Kuriere mit Botschaften in dessen Redaktion. Und so wie der Spiegel Meinhofs Worte gedruckt hatte, verbreitete der Sender Bin Ladens Gedanken.

Irgendwann ließ Al-Dschasiras Interesse an den länglichen Texten nach. Damals änderte Bin Laden seine Strategie. Er ließ seine Kämpfer spektakuläre Anschläge organisieren, Bombenangriffe auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, eine Attacke auf ein amerikanisches Kriegsschiff – und schließlich, im September 2001, den erfolgreichsten Terroranschlag der Geschichte, der so perfekt inszeniert war, dass keine Redaktion der Welt eine Wahl hatte. Bis heute laufen die Bilder fast jeden Tag irgendwo im Fernsehen, und immer noch nützt es den Islamisten jedes einzelne Mal, wenn jemand das Flugzeug in den Turm einschlagen sieht.

Die islamistische Ausprägung des Terrorismus ist die bisher totalitärste. Die RAF griff Repräsentanten der politischen und wirtschaftlichen Elite an, Bin Laden zielte auf alle, die nicht seinem radikalen Islamverständnis folgten. Niemand sollte sich sicher fühlen, jeder sollte Angst haben.

Dann passiert etwas Entscheidendes. Mehr als hundert Jahre lang mussten die Terroristen durch den journalistischen Filter, um die Öffentlichkeit zu erreichen. Sie waren darauf angewiesen, dass Zeitungen und Rundfunk über sie berichteten. Mit der Verbreitung des Internets ändert sich das.

Die erste Terrorgruppe, die das systematisch ausnutzt, ist die irakische Al-Kaida-Filiale. Als ihr Anführer, Abu Mussab al-Sarkawi, im Mai 2004 den amerikanischen Geschäftsmann Nicholas Berg enthauptet, wird das Video davon innerhalb von 24 Stunden eine halbe Million Mal heruntergeladen. Die Terroristen haben einen direkten Weg gefunden, brutalste Bilder in die Köpfe von Menschen überall auf der Welt zu pflanzen.

Wenig später kommen Kameras auf den Markt, die nicht größer sind als Streichholzschachteln. Zunächst filmen Extremsportler damit ihre spektakulären Skiabfahrten oder Skateboardsprünge, aber dann schnallt sich der Kleinkriminelle Mohammed Merah im März 2012 in der südfranzösischen Stadt Toulouse eine solche Kamera um die Brust. Er filmt, wie er in einer jüdischen Schule einen Rabbi und drei Kinder erschießt. Als eine Spezialeinheit zwei Tage später seine Wohnung umstellt, schneidet er gerade an seinem Laptop einen 24-minütigen Film zusammen.

Um kurz nach Mitternacht schafft Merah es irgendwie, sich durch die Reihen der Polizei zu schleichen. Er könnte diesen Moment nutzen, um zu fliehen. Stattdessen geht er zum Briefkasten und schickt den USB-Stick mit dem Film ans Pariser Büro von Al-Dschasira. Dann kehrt er zurück in seine Wohnung. Wenig später wird er erschossen.

Heute gibt sich der sogenannte Islamische Staat nicht mehr damit zufrieden, seine Aufmärsche, Angriffe und Hinrichtungen einfach nur aufzuzeichnen. Seine Propagandisten filmen aus mehreren Perspektiven, montieren die Bilder hollywoodartig zusammen, unterlegen sie mit dramatischer Musik und stellen sie ins Netz.

Und wir Journalisten verbreiten sie weiter. Die Kollegen in den Fernsehredaktionen können ja nicht einfach ins Kalifat fahren und drehen. Also benutzen sie die Filme, die der IS selbst produziert. Sie schreiben zwar klein in irgendeine Ecke "Propagandavideo", aber natürlich ändert das nichts: Wir sehen trotzdem Bilder, die der IS selbst von sich zeichnet. Bilder von Enthauptungen, gepixelt zwar, aber die Fantasie füllt die Lücken. Videos von Kämpfern, die in die Kamera lächeln und erzählen, wie sie es genießen, Ungläubigen mit stumpfen Säbeln den Hals durchzuschneiden.

So wurde der IS in unseren Köpfen zur Inkarnation des Bösen. Jetzt, nach Barcelona, titelte die Londoner Times wieder: Evil Strikes Again. Das Böse schlägt wieder zu. Nicht ein paar Durchgeknallte, nein, das Böse schlechthin, nicht weniger als das! Jubel bei den Terroristen. Ziel erreicht. Alle haben Angst.

Der Effekt solcher Berichterstattung ist bestens belegt. In einer israelischen Untersuchung fanden Wissenschaftler heraus, dass Menschen, die schreckliche Details von Attacken im Fernsehen sahen, Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung entwickelten.

Nicht-Berichterstattung rettet Leben

In einer anderen Studie, ebenfalls aus Israel, teilte eine Psychologin mehr als zweihundert Menschen in zwei Gruppen ein. Der ersten zeigte sie Nachrichtenbeiträge über Terrorismus. Der zweiten andere politische Nachrichten. Die Mitglieder der ersten Gruppe wiesen eine deutlich höhere Verängstigung auf.

Die Amerikaner haben Umfragen zufolge heute mehr Angst vor Terror als vor Hitzewellen und Autounfällen, obwohl beides jeweils für ein Vielfaches an Todesfällen verantwortlich ist.

Was aber hat der IS davon, wenn Menschen in Europa oder Amerika Angst haben?

Verängstigte Gesellschaften verhalten sich wie ein in die Ecke gedrängter Hund, der panisch um sich beißt. Dies gilt tragischerweise besonders für Demokratien. Dort verwandelt sich die Angst der Menschen schnell in Forderungen an die Politik. Die muss, um nicht als schwach zu erscheinen, etwas tun, und oft tut sie zu viel.

Das beste Beispiel ist der 11. September. In den ersten Oktobertagen 2001 verlangten in einer Umfrage 92 Prozent der Amerikaner eine militärische Antwort auf den Terroranschlag. Es folgte: Krieg in Afghanistan, Krieg im Irak. Wenige Terroristen hatten die USA provoziert, als Antwort wurden ganze Nationen angegriffen, Hunderttausende starben, unter ihnen viele Unbeteiligte, deren Familien so zu Amerika-Feinden wurden. Es folgte weiter: Guantánamo, Abu Ghraib, der Verrat an den Menschenrechten.

Viel leichter hätten es die USA den Rekrutierern des Terrors nicht machen können, sie gaben ihnen jede Menge valide Argumente.

Terroristen nähren sich an der Eskalation. Sie provozieren, stechen zu, greifen an, bis sie eine Reaktion bekommen. Die RAF wollte mit ihren Anschlägen den deutschen Staat zwingen, seine vermeintliche Nazi-Fratze zu zeigen. Die Islamisten wollen die gesamte westliche Welt in eine große Schlacht treiben. Auch jene Terroristen, die nie in Syrien oder im Irak waren und sich im Kinderzimmer oder einer Hinterhofmoschee radikalisierten, sehen sich selbst als tapfere Soldaten in einem heroischen Krieg.

Es gibt diesen Krieg nicht. Der Kampf gegen den Terrorismus ist in Wahrheit eine Auseinandersetzung mit einigen radikalen Verbrechern. Wenn wir das militärische Vokabular übernehmen, wie es beispielsweise der damalige französische Präsident François Hollande nach den Anschlägen von Paris praktizierte, als er von einem "Akt des Krieges" sprach, oder wie nun die FAZ, die nach Barcelona erneut von einem "Krieg gegen den Westen" schrieb, dann tun wir ihnen einen riesigen Gefallen. Wir erheben sie zu etwas, das sie nicht sind.

Dies also sind die fünf Schritte des Terrorismus: Eins, es gibt einen Anschlag. Zwei, es wird viel darüber berichtet. Drei, das führt zu Angst. Die wiederum, vier, zu einer Überreaktion und schließlich, fünf, zu neuem Terrorismus.

Als Journalist könnte man einwenden, dass auf Schritt zwei, Berichterstattung, nicht immer, nicht zwangsläufig Schritt drei, Angst, folgen muss. Dass es darauf ankommt, wie wir berichten. Auch ich habe dieses Argument in Diskussionen oft benutzt, aber wenn ich ehrlich bin, halte ich es inzwischen für eine wohlklingende Ausrede. Es beruhigt unser Gewissen, in Wahrheit stimmt es nicht. Wie soll ich denn über Terroranschläge berichten, ohne dass dies Angst erzeugt?

Schreibe ich über den Täter – wie die Redaktion der Bild, die in diesen Tagen Foto und Namen des mutmaßlichen Barcelona-Terroristen veröffentlichte –, verleihe ich ihm Ruhm und verängstige die 99 Prozent ("was, wenn es noch mehr wie den gibt?").

Berichte ich über die Opfer – wie in diesen Tagen beispielsweise RTL-Reporter, die die Geschichte des siebenjährigen australischen Jungen Julian erzählten, der in Barcelona starb –, nähre ich ebenfalls die Angst ("was, wenn das mein Kind wäre") und den Durst nach Rache.

Selbst mit einem Artikel wie diesem hier erfülle ich letztlich das Kalkül der Terroristen. Denn allein die Wörter Amri, Breitscheidplatz, Weihnachtsmarkt lösen schon bestimmte Bilder im Kopf aus.

Es gibt daher nur einen Ausweg: Wir müssten verhindern, dass der Mechanismus überhaupt in Gang kommt: Wir müssten aufhören, über Terroranschläge zu berichten.

Stellen wir es uns vor, nur einen Moment lang: Keine Eilmeldungen mehr auf das Handy, keine Nachricht in der Tagesschau, kein Brennpunkt danach, keine Politiker, die untergehakt für Fotografen posieren und Statements des Bedauerns abgeben, und wenn doch, wäre da kein Mikrofon mehr, in das sie hineinsprechen könnten. Das Brandenburger Tor würde nicht mehr in den Farben des Anschlagslandes angestrahlt, die Attentäter hätten keinen Grund mehr, sich als Helden zu fühlen, sie wären auf das geschrumpft, was sie eigentlich sind – Kriminelle. Und wir alle würden einfach weiterleben, als wäre nichts geschehen. Wir würden weiterhin U-Bahn fahren, ohne Angst zu haben, würden weiterhin nach Barcelona fliegen, den Weihnachtsmarkt besuchen.

Unmittelbare Folgen hätte ein Anschlag dann nur für die Familien der Opfer, die Augenzeugen, das medizinische Personal und einige Therapeuten – so wie bei einem Autounfall. Das können immer noch Hunderte Menschen sein, aber eben keine Millionen mehr. Nach einer Massenkarambolage auf der A 8 strahlt niemand das Brandenburger Tor an. Die Angst würde eingedämmt. Unsere Gesellschaft wäre gesünder.

Dieses Gedankenspiel ist wohltuend und quälend zugleich, für mich als Journalisten besonders, denn natürlich widerspricht es meinem Berufsverständnis. Es ist meine Aufgabe, zu berichten. Systematisch zu schweigen wäre eine Form selbst auferlegter Zensur. Sofort führt man innere Debatten über die Pressefreiheit.

Was man dabei vergisst: Es gibt ein Beispiel dafür, dass wir Journalisten diese Art von Selbstzensur längst praktizieren – nur dass wir sie nicht so nennen.

1974 fand ein amerikanischer Soziologe heraus, dass sich in den USA immer dann außergewöhnlich viele Menschen umbrachten, wenn kurz zuvor Artikel über Selbstmorde in der New York Times erschienen waren. Er nannte das Phänomen "Werther-Effekt", nach den Ereignissen um Goethes berühmten Roman aus dem 18. Jahrhundert, dem wohl gefährlichsten Bestseller der Literaturgeschichte. Damals hatten viele Leser der verzweifelten Hauptfigur Werther nachgeeifert und sich eine Kugel in den Kopf geschossen.

Der Befund wurde in unzähligen Untersuchungen bestätigt: Je mehr ein Selbstmord thematisiert wird, desto größer die Zahl der Nachahmer. Deswegen haben sich Journalisten in vielen Ländern darauf geeinigt, nur sehr eingeschränkt über Suizide zu berichten.

Als etwa in Wien Mitte der Achtziger die Zahl der Selbstmorde anstieg, veröffentlichte eine österreichische Beratungsstelle eine Broschüre. Darin stand, Journalisten sollten nicht "sensationsträchtig" berichten, auf keinen Fall Tatdetails nennen, kein Foto zeigen, außerdem den Artikel mit einer Telefonnummer versehen, unter der man Hilfe bekommen kann. Die österreichischen Journalisten hielten sich daran, die Zahl der Selbstmorde sank um ein Drittel und blieb in der Folge niedrig.

Nicht-Berichterstattung rettet Leben – beim Thema Suizid reicht uns Journalisten das als Grund zum Schweigen.

Wir müssen abstumpfen

Vor vier Wochen erschien im renommierten Journal of Public Economics ein interessanter Artikel. Michael Jetter, ein deutscher Ökonom an der University of Western Australia, berichtet darin von seiner Forschungsarbeit. Jetter hat weltweit 61 132 Anschläge aus den Jahren 1970 bis 2012 untersucht und die Frage gestellt, ob die Terroristen durch Medienberichte zu ihren Taten angeregt wurden. Das Ergebnis: Immer wenn über einen Anschlag besonders ausführlich berichtet wurde, kam es in den darauf folgenden sieben Tagen zu weiteren Anschlägen, bei denen im Durchschnitt drei Menschen starben.

Jetter hat damit den Nachweis geführt, dass es auch bei Terroranschlägen eine Art Werther-Effekt gibt. Medienberichterstattung gebiert neuen Terrorismus. Anders gesagt: Weil wir berichten, sterben Menschen. 99 Prozent der interessierten Dritten mögen mit Angst und Schrecken reagieren, wenn sie in den Abendnachrichten die weinende Nonne Huguette sehen. Aber es gibt auch Menschen, die spüren in derselben Situation das Gegenteil – Eifer. Wenn diese Menschen hören, wie die Terroristen den Pfarrer erstachen, wie sich die Attentäter von Paris Sprengstoffwesten umbanden und sich am Fußballstadion in die Luft jagten, dann begreifen sie das als Anleitung. Diese Menschen schalten den Fernseher aus, ziehen los und morden.

Es gäbe weniger Anschläge, weniger Tote, wenn wir Journalisten stiller wären.

Am Morgen nach dem Anschlag in Barcelona klickte ich mich durch die Nachrichtenseiten im Netz. Spiegel Online widmete dem Terror die ersten sechs Artikel, die Online-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung und der FAZ ebenfalls, bei der ZEIT waren es die ersten vier, bei Bild ebenso, dazu gab es dort noch ein Video und eine Fotostrecke "Die Bilder des Terrors". Ich musste weit nach unten scrollen, bis ich etwas über Steuern, den Wahlkampf oder die Fußballbundesliga lesen konnte, die am selben Abend begann.

Wenige Stunden später stach ein Mann auf dem Marktplatz der finnischen Stadt Turku auf neun Passanten ein, zwei starben. Ob es ein Nachahmer war, ist noch unklar, aber einiges spricht dafür.

Wenn unsere Berichte dazu beitragen, Terroristen anzustacheln, warum lassen wir diese Berichte dann nicht sein? Warum behandeln wir Selbstmordattentäter wie Attentäter und nicht wie Selbstmörder?

Nun kann man entgegnen: Ein Selbstmörder tötet sich selbst, ein Selbstmordattentäter aber zusätzlich viele andere. Der Attentäter schlägt im öffentlichen Raum zu, er greift unsere Gesellschaft an, und die Menschen haben ein Recht, das zu erfahren. Kurz: Terrorismus ist zu wichtig, um ihn zu verschweigen.

Ich habe dieses Argument immer für richtig gehalten, bis zum vergangenen Sommer. Damals war ich einer von Hunderten Journalisten, die nach München fuhren, nachdem dort ein junger Mann kurz zuvor im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen erschossen hatte. Jeder, auch ich, dachte: Da ist er also, der erste große Terroranschlag in Deutschland. Die Stadt war in Panik, uns Journalisten war klar, dieses Thema wird uns Tage, wahrscheinlich Wochen beschäftigen, viele Redaktionen schickten am nächsten Tag noch Verstärkung.

Dann jedoch geschah etwas Seltsames. Es stellte sich heraus, dass es sich bei den Morden nicht um einen Terroranschlag gehandelt hatte, sondern um einen Amoklauf – und sofort war alles anders: Die Menschen atmeten auf, waren erleichtert. Für uns Journalisten war das Thema auf einmal kleiner, die Redaktionen planten weniger Platz ein, viele Kollegen reisten ab.

Dabei hatte die Zahl der Opfer nicht abgenommen, auch nicht die Trauer der Angehörigen. Noch immer war unklar, ob der Täter Komplizen oder Mitwisser gehabt hatte, es gab viele offene Fragen. Aber irgendwie war die Luft raus.

Wir halten Terroristen für viel gefährlicher als Amokläufer. Dabei ist das Risiko, bei einem Amoklauf zu sterben, in Wirklichkeit viel höher.

In unserer Wahrnehmung haben wir etwas relativ Ungefährliches gefährlich gemacht. Das ist ein riesiger Erfolg für die Terroristen. Sie haben diese Verdrehung mit ihrer Propaganda fest in uns verankert. Wenn aber die Wichtigkeit, die wir einem Attentäter zuschreiben, konstruiert ist, dann müssten wir sie auch dekonstruieren können, sodass wir beim nächsten Mal auf einen Terroranschlag mit dem gleichen Gemütszustand reagieren, den wir nach dem Durchatmen in München hatten.

Hätten wir das schon im vergangenen Juli geschafft, hätte das vielleicht Morde verhindert. Michael Jetters Studie über den terroristischen Werther-Effekt war damals noch nicht veröffentlicht. Aber als ich sie jetzt las, musste ich an den Sommer letzten Jahres zurückdenken, denn der Amoklauf war damals ja nicht die erste Gewalttat.

Erst verübte ein Islamist einen Axtangriff in einem Regionalzug in Würzburg. Riesige Pressewelle.

Vier Tage später der Amoklauf. Alle berichteten.

Zwei Tage später sprengte sich ein Attentäter in Ansbach in die Luft.

Es scheint, als überspringe der Werther-Effekt mühelos ideologische Gräben. Wer zur Gewalt neigt, imitiert eine gerade gesehene Pose: ein Amokläufer die eines Islamisten und ein Islamist die eines Amokläufers.

Natürlich mache ich mir keine Illusionen. Ein medialer Terrorblackout wird uns nicht gelingen. Es würde ja nicht genügen, wenn zum Beispiel die ZEIT aufhören würde zu berichten. Auch der Spiegel, der stern, die SZ, die Bild, kurz: alle deutschen Medien müssten mitmachen. Und selbst das würde nicht reichen. Viele Deutsche informieren sich über die BBC, die New York Times oder die Neue Zürcher Zeitung.

Und dann sind da natürlich noch die sozialen Medien, die jenseits des journalistischen Filters existieren. Man könnte ja nicht verhindern, dass irgendwer twittert: " Je suis Charlie " und alle es nachmachen. Oder dass irgendein Augenzeuge ein Wackelvideo von toten Menschen postet wie jetzt nach Barcelona. Man würde Blut sehen oder einen Attentäter "Allahu Akbar" rufen hören – ich will mir gar nicht ausmalen, welches Fest die Lügenpresse-Rufer feiern würden, wenn dann kein Artikel dazu in der Zeitung stünde. Die Medien würden als Kartell beschimpft, das Informationen unterdrückt, und das auch noch zu Recht.

Die Terroristen wissen: Wir können nicht anders – und das nutzen sie aus.

Es gibt daher nur einen Weg, um die Berichterstattung zu reduzieren, um erst die Journalisten zum Schweigen zu bringen und dann die Terroristen: Das Interesse an den Anschlägen muss nachlassen. Wir müssen abstumpfen.

Deswegen ist jede Attacke, die uns gleichgültig lässt, jeder Anschlag, den wir schnell wieder vergessen, jeder Tag, an dem das Brandenburger Tor nicht aus Solidarität in eine Lichtflagge gehüllt ist, ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn wir nach dem nächsten Anschlag vom ARD-Brennpunkt mit den Terrorbildern umschalten und lieber Fußball gucken, dann sollten wir dies nicht mit einem schlechtem Gewissen tun. Sondern mit einem guten Gefühl.