In einer anderen Studie, ebenfalls aus Israel, teilte eine Psychologin mehr als zweihundert Menschen in zwei Gruppen ein. Der ersten zeigte sie Nachrichtenbeiträge über Terrorismus. Der zweiten andere politische Nachrichten. Die Mitglieder der ersten Gruppe wiesen eine deutlich höhere Verängstigung auf.

Die Amerikaner haben Umfragen zufolge heute mehr Angst vor Terror als vor Hitzewellen und Autounfällen, obwohl beides jeweils für ein Vielfaches an Todesfällen verantwortlich ist.

Was aber hat der IS davon, wenn Menschen in Europa oder Amerika Angst haben?

Verängstigte Gesellschaften verhalten sich wie ein in die Ecke gedrängter Hund, der panisch um sich beißt. Dies gilt tragischerweise besonders für Demokratien. Dort verwandelt sich die Angst der Menschen schnell in Forderungen an die Politik. Die muss, um nicht als schwach zu erscheinen, etwas tun, und oft tut sie zu viel.

Das beste Beispiel ist der 11. September. In den ersten Oktobertagen 2001 verlangten in einer Umfrage 92 Prozent der Amerikaner eine militärische Antwort auf den Terroranschlag. Es folgte: Krieg in Afghanistan, Krieg im Irak. Wenige Terroristen hatten die USA provoziert, als Antwort wurden ganze Nationen angegriffen, Hunderttausende starben, unter ihnen viele Unbeteiligte, deren Familien so zu Amerika-Feinden wurden. Es folgte weiter: Guantánamo, Abu Ghraib, der Verrat an den Menschenrechten.

Viel leichter hätten es die USA den Rekrutierern des Terrors nicht machen können, sie gaben ihnen jede Menge valide Argumente.

Terroristen nähren sich an der Eskalation. Sie provozieren, stechen zu, greifen an, bis sie eine Reaktion bekommen. Die RAF wollte mit ihren Anschlägen den deutschen Staat zwingen, seine vermeintliche Nazi-Fratze zu zeigen. Die Islamisten wollen die gesamte westliche Welt in eine große Schlacht treiben. Auch jene Terroristen, die nie in Syrien oder im Irak waren und sich im Kinderzimmer oder einer Hinterhofmoschee radikalisierten, sehen sich selbst als tapfere Soldaten in einem heroischen Krieg.

Es gibt diesen Krieg nicht. Der Kampf gegen den Terrorismus ist in Wahrheit eine Auseinandersetzung mit einigen radikalen Verbrechern. Wenn wir das militärische Vokabular übernehmen, wie es beispielsweise der damalige französische Präsident François Hollande nach den Anschlägen von Paris praktizierte, als er von einem "Akt des Krieges" sprach, oder wie nun die FAZ, die nach Barcelona erneut von einem "Krieg gegen den Westen" schrieb, dann tun wir ihnen einen riesigen Gefallen. Wir erheben sie zu etwas, das sie nicht sind.

Dies also sind die fünf Schritte des Terrorismus: Eins, es gibt einen Anschlag. Zwei, es wird viel darüber berichtet. Drei, das führt zu Angst. Die wiederum, vier, zu einer Überreaktion und schließlich, fünf, zu neuem Terrorismus.

Als Journalist könnte man einwenden, dass auf Schritt zwei, Berichterstattung, nicht immer, nicht zwangsläufig Schritt drei, Angst, folgen muss. Dass es darauf ankommt, wie wir berichten. Auch ich habe dieses Argument in Diskussionen oft benutzt, aber wenn ich ehrlich bin, halte ich es inzwischen für eine wohlklingende Ausrede. Es beruhigt unser Gewissen, in Wahrheit stimmt es nicht. Wie soll ich denn über Terroranschläge berichten, ohne dass dies Angst erzeugt?

Schreibe ich über den Täter – wie die Redaktion der Bild, die in diesen Tagen Foto und Namen des mutmaßlichen Barcelona-Terroristen veröffentlichte –, verleihe ich ihm Ruhm und verängstige die 99 Prozent ("was, wenn es noch mehr wie den gibt?").

Berichte ich über die Opfer – wie in diesen Tagen beispielsweise RTL-Reporter, die die Geschichte des siebenjährigen australischen Jungen Julian erzählten, der in Barcelona starb –, nähre ich ebenfalls die Angst ("was, wenn das mein Kind wäre") und den Durst nach Rache.

Selbst mit einem Artikel wie diesem hier erfülle ich letztlich das Kalkül der Terroristen. Denn allein die Wörter Amri, Breitscheidplatz, Weihnachtsmarkt lösen schon bestimmte Bilder im Kopf aus.

Es gibt daher nur einen Ausweg: Wir müssten verhindern, dass der Mechanismus überhaupt in Gang kommt: Wir müssten aufhören, über Terroranschläge zu berichten.

Stellen wir es uns vor, nur einen Moment lang: Keine Eilmeldungen mehr auf das Handy, keine Nachricht in der Tagesschau, kein Brennpunkt danach, keine Politiker, die untergehakt für Fotografen posieren und Statements des Bedauerns abgeben, und wenn doch, wäre da kein Mikrofon mehr, in das sie hineinsprechen könnten. Das Brandenburger Tor würde nicht mehr in den Farben des Anschlagslandes angestrahlt, die Attentäter hätten keinen Grund mehr, sich als Helden zu fühlen, sie wären auf das geschrumpft, was sie eigentlich sind – Kriminelle. Und wir alle würden einfach weiterleben, als wäre nichts geschehen. Wir würden weiterhin U-Bahn fahren, ohne Angst zu haben, würden weiterhin nach Barcelona fliegen, den Weihnachtsmarkt besuchen.

Unmittelbare Folgen hätte ein Anschlag dann nur für die Familien der Opfer, die Augenzeugen, das medizinische Personal und einige Therapeuten – so wie bei einem Autounfall. Das können immer noch Hunderte Menschen sein, aber eben keine Millionen mehr. Nach einer Massenkarambolage auf der A 8 strahlt niemand das Brandenburger Tor an. Die Angst würde eingedämmt. Unsere Gesellschaft wäre gesünder.

Dieses Gedankenspiel ist wohltuend und quälend zugleich, für mich als Journalisten besonders, denn natürlich widerspricht es meinem Berufsverständnis. Es ist meine Aufgabe, zu berichten. Systematisch zu schweigen wäre eine Form selbst auferlegter Zensur. Sofort führt man innere Debatten über die Pressefreiheit.

Was man dabei vergisst: Es gibt ein Beispiel dafür, dass wir Journalisten diese Art von Selbstzensur längst praktizieren – nur dass wir sie nicht so nennen.

1974 fand ein amerikanischer Soziologe heraus, dass sich in den USA immer dann außergewöhnlich viele Menschen umbrachten, wenn kurz zuvor Artikel über Selbstmorde in der New York Times erschienen waren. Er nannte das Phänomen "Werther-Effekt", nach den Ereignissen um Goethes berühmten Roman aus dem 18. Jahrhundert, dem wohl gefährlichsten Bestseller der Literaturgeschichte. Damals hatten viele Leser der verzweifelten Hauptfigur Werther nachgeeifert und sich eine Kugel in den Kopf geschossen.

Der Befund wurde in unzähligen Untersuchungen bestätigt: Je mehr ein Selbstmord thematisiert wird, desto größer die Zahl der Nachahmer. Deswegen haben sich Journalisten in vielen Ländern darauf geeinigt, nur sehr eingeschränkt über Suizide zu berichten.

Als etwa in Wien Mitte der Achtziger die Zahl der Selbstmorde anstieg, veröffentlichte eine österreichische Beratungsstelle eine Broschüre. Darin stand, Journalisten sollten nicht "sensationsträchtig" berichten, auf keinen Fall Tatdetails nennen, kein Foto zeigen, außerdem den Artikel mit einer Telefonnummer versehen, unter der man Hilfe bekommen kann. Die österreichischen Journalisten hielten sich daran, die Zahl der Selbstmorde sank um ein Drittel und blieb in der Folge niedrig.

Nicht-Berichterstattung rettet Leben – beim Thema Suizid reicht uns Journalisten das als Grund zum Schweigen.