"Judeo-christlich" – das klingt beim ersten Hören positiv, wie die Versöhnung zwischen zwei historischen Rivalen. Doch wenn heute in Amerika – zum Beispiel von Donald Trumps ehemaligem Chefideologen Steve Bannon – und in Europa das "judeo-christliche Erbe" beschworen wird, drängt sich die Frage auf: Gegen wen richtet sich diese vermeintliche Allianz? Die Antwort liegt spätestens seit 9/11 auf der Hand: Christentum und Judentum tun sich zusammen gegen den Islamismus, wenn nicht gegen den Islam. Dass der christliche Westen sich gegen den Islam positioniert, ist nicht präzedenzlos. Überraschend ist die angebliche jüdische Schützenhilfe. Wurden aber die Juden gefragt? Oder geht es um einen Alleingang von Christen, die sich im Religionskrieg, im Krieg der Zivilisationen, mit einem jüdischen Feigenblatt schmücken möchten?

Die Wortkombination ist keineswegs neu. Spätestens seitdem der deutsche Theologe Ferdinand Christian Baur den Begriff 1831 bezogen auf die Zeit der Apostel in Umlauf gesetzt hatte, ist er in Europa wie auch in Amerika oft verwendet worden und war dabei zunehmend negativ besetzt: Die Begriffe "judeo-" oder "jüdisch-christliche Moral" (Nietzsche) oder "jüdisch-christliche Kultur" (so bei vielen Antisemiten) wurden mit der Absicht verwendet, nicht das Judentum, sondern das Christentum zu diskreditieren – gerade weil es einst aus jüdischen Wurzeln entsprang. Der Nationalsozialismus führte diese Haltung ad absurdum: Da das Christentum wegen seines jüdischen Ursprungs "unbrauchbar" sei, hieß es in der NS-Zeitung Die Judenfrage, solle man doch auf Mohammed zurückgreifen, der immerhin 600 Juden "niedergemacht" habe. Er tauge als Vorbild für die NS-Judenpolitik.

Es wäre zu erwarten gewesen, dass der so belastete Begriff "judeo-christlich" nach 1945 verschwinden würde. Doch das Gegenteil geschah. Der Versuch, über den Abgrund der Schoah eine Brücke der Versöhnung zwischen Juden und Christen zu schlagen – in Deutschland entstand bereits 1949 die Christlich-jüdische Gesellschaft – wurde durch einen weiteren Schritt ergänzt: Ein Konstrukt wurde geschaffen, das man "judeo-christliches Erbe" nannte. Die Kritiker dieses Konstrukts wiesen mit Recht darauf hin, dass Christentum und Judentum sich historisch als Gegensätze verstanden. Der israelische Gelehrte Jeshajahu Leibowitz formulierte schon vor 50 Jahren lapidar, aus diesem Gegensatz gebe es keinen Ausweg: "Das Christentum begreift sich selbst als Erbe des Judentums. Doch der Erbe kann nicht an die Erbschaft ran, solange der Vererber lebt."

Relevanter als der theologische und philosophische Kontext ist jedoch die Instrumentalisierung des Begriffs durch die Politik. Einerseits gibt es wohl Versuche bona fide, den Begriff politisch zu verwenden, wie durch Helmut Kohl oder Angela Merkel. Auch hinter dem Vorhaben, das "judeo-christliche Erbe" in den Text der Präambel der europäischen Verfassung aufzunehmen, ist keine böse Absicht zu vermuten, sondern das Bestreben, die Versöhnung mit den Juden zum Ausdruck zu bringen. Doch die Floskel "judeo-christliches Erbe" taucht immer öfter mit der Intention auf, jenseits der christlich-jüdischen Wiederannäherung andere Ziele zu erreichen. Der Bezug auf das Judentum wird instrumentalisiert, um das christliche Anliegen zu legitimieren. War dieses Ziel früher (vor allem in den USA) der Antikommunismus, ist es heute der Kampf gegen "Islamisierung". Wenn ein Politiker wie Ingo Friedrich (CSU) die "jüdisch-christliche Geisteshaltung" in einem Aufsatz über den "Beitrag der CSU für ein christlich geprägtes Europa" verwendet, kommt die Instrumentalisierung allzu deutlich zum Ausdruck.

Kein Wunder, dass Juden gelegentlich bei Pegida-Demonstrationen teilnehmen. Dass dort aber die Interessen der Juden ignoriert werden, begreifen sowohl Vertreter der jüdischen Gemeinschaft als auch nichtjüdische aufgeklärte Politiker. Auch zeigen die Debatten um die Beschneidung oder das Schächten, dass es im Dreieck der monotheistischen Religionen auch zu anderen Allianzen kommen kann. Hier ist von einer judeo-christlichen Gemeinschaft keine Rede mehr.

Quasi unausweichlich wird zudem Israel, der selbst ernannte Alleinvertreter des Judentums, zum Thema. Im Staat Israel ist bekanntermaßen das Adjektiv "jüdisch" zur Herausforderung für die Demokratie geworden. So wird die Verwendung der Floskel "judeo-christliches Erbe" noch problematischer.

Kurz: Es hilft nicht, das eine Konstrukt durch ein neues Konstrukt (zum Beispiel die "Abrahamische Tradition", die Tradition aller drei monotheistischen Religionen) zu ersetzen. Notwendig ist stattdessen der Ausstieg aus Religionskrieg und Religionsdiskurs. Die hidden agendas hinter dem judeo-christlichen Konstrukt verbieten es aufgeklärten Juden wie auch Nichtjuden, an dieser Kampagne teilzunehmen. Es handelt sich um eine unheilige Allianz, das zeigt schon das Beispiel Frauke Petry: In einem Interview mit der rechtsgerichteten Jüdischen Rundschau betonte sie, ein Teil des AfD-Grundsatzprogramms "ist auch das christlich-jüdische Menschenbild". Im Programm ist von den "christlich-jüdischen Grundlagen unserer Kultur" die Rede. Nein danke.